Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Als die Bücher brannten

Nazi-Verbrechen Als die Bücher brannten

Am Freitag jährt sich zum 80. Mal der Tag, an dem überall in Deutschland Bücher brannten – auch in Marburg.

Voriger Artikel
Keine Fahrkarte mit neuen Fünfern
Nächster Artikel
Fischbach: Vertragseckpunkte stehen

Die Stadtbücherei Marburg zeigt die Ausstellung „Verboten, verbrannt, verfolgt“.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die nationalsozialistische Gleichschaltung nach der Machtübertragung am 30. Januar 1933 war am 10. Mai vollendet: Parlamente waren von Kommunisten und weithin auch von Sozialdemokraten gesäubert, unliebsame Hochschullehrer wie in Marburg Hermann Jacobsohn und Wilhelm Röpke waren aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus dem Dienst entlassen, Gewerkschaften zerschlagen und durch die „Deutsche Arbeitsfront“ ersetzt worden, der 1. Mai, einst der internationale Kampftag der Arbeiterklasse für mehr politische und soziale Rechte, umgedeutet worden in den „Tag der Nationalen Arbeit“, der – auch in Marburg – mit großem Brimborium begangen wurde und ganz nebenbei die Arbeitsdienstpflicht mit sich brachte.

"Aktionen gegen den Undeutschen Geist"

Am 2. Mai wurde der Marburger Studentenschaft ein neues Studentenrecht übergeben, das sie zum Mitwirken „an den Arbeiten, die der neue nationale Staat fordert“, verpflichtete, so die „Oberhessische Zeitung“ vom 3. Mai. „Das neue Studentenrecht baut auf neuer Grundlage auf. Es bricht mit den unberechenbaren Abstimmungen und stellt das Führerprinzip mit großer Verantwortung her“, charakterisierte die Zeitung damals, um anschließend den Vorsitzenden der Marburger Studentenschaft, Hübner, zu zitieren: Der gelobte in seiner überschwänglichen Dankesrede, „wir werden mit unserer Aufklärungsarbeit in Fragen des Versailler Diktats, aber auch mit einer Aktion gegen den undeutschen Geist in unseren Reihen beginnen, die die Universität bereinigen wird von allem Undeutschen“.

Was damit gemeint war, das wurde dann eine gute Woche später endgültig deutlich. 
Überall in Deutschland griff die nach dem Führerprinzip neu organisierte Deutsche Studentenschaft eine Idee des Berliner Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda und des Kampfbunds für Deutsche Kultur auf. In Marburg wie in anderen Universitätsstädten waren die „Aktionen gegen den Undeutschen Geist“ wochenlang propagiert und unter anderem mit der Plünderung von Bibliotheken vorbereitet worden. Wie überall im Deutschen Reich fand am 10. Mai abends ab 22 Uhr auch in Marburg eine „Kundgebung gegen den undeutschen Geist“ statt. „Ein riesiger Fackelzug bewegte sich durch die Straßen der Stadt nach dem Kämpfrasen (dem traditionellen Aufmarschplatz nationalistischer und nationalsozialistischer Bewegungen in der Nähe der Frankfurter Straße,
d. Red), wo bereits eine unzählbare Menschenmenge sich eingefunden hatte“, heißt es in der Oberhessischen Zeitung, die dann fortfährt: „Auf der Mitte des Kämpf­rasens war ein Scheiterhaufen erreichtet, auf dem die undeutschen Schriften den Flammen übergeben wurden.“

Eine Zeitungsseite umfasst die Liste der „undeutschen Schriften“, die die Lokalpresse tags darauf veröffentliche. Angefangen von dem Gesamtwerk Karl Marx‘ über das bekannteste Werk der Pazifistin Bertha Suttner („Die Waffen nieder!“), von den Werken Kurt Tucholskys über die Romane von Klaus Mann und Heinrich Mann bis zu den Reportagen von Egon Erwin Kisch; von Karl Kautzky über Anna Seghers bis hin zu Erich Kästner – einfach alles.
Alles? Nein!

Auch Erich Kästners Schriften standen auf dem Index

Eine Formulierung zeigt die gesamte Willkür der Bücherverbrennung: Zu den „marxistischen und pazifistischen Büchern und Schriften“ zählte laut Aufstellung von Erich Kästner „Alles außer Emil“.
Mit „Emil“ ist das berühmtestes Werk Erich Kästners gemeint, „Emil und die Detektive“. „Das war wohl zu beliebt“, vermutet Bibliothekarin Cornelia Wiegand, die in der Marburger Stadtbücherei eine Ausstellung zu dem Thema organisiert hat.
Die Ausstellung mit dem Titel „Verboten, verbrannt, verfolgt – 10. Mai 1933“ ist ab Freitag zu sehen. Sie erinnert an die zahlreichen Schriftsteller, Künstler und Intellektuellen, deren Werke damals den Flammen zum Opfer fielen.

Präsentiert werden Romane, Essays, Lyrik, politische und philosophische Schriften und Theaterstücke, biographische Literatur, Kinderbücher sowie Hörbücher. Ergänzend gibt es Titel zum Thema „Bücherverbrennung“ und der Einschränkung von Kunst und Literatur im „Dritten Reich“.
Cornelia Wiegand betont vor allem, dass alle Bücher auch ausgeliehen werden können.

von Till Conrad

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr