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„Als Kind habe ich nichts vermisst“

25 Jahre Mauerfall „Als Kind habe ich nichts vermisst“

Mandy Stegmann wuchs in Ost-Berlin auf. Gefehlt habe ihr nichts. Trotzdem fliehen ihre Eltern mit ihr und ihrer Schwester nach Westdeutschland – noch am gleichen Tag fällt die Mauer.

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25 Jahre nach dem Mauerfall: Zeitzeugin Mandy Stegmann im Gespräch mit OP-Volontärin Ruth Korte.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Lohra.  Es ist Donnerstag, der 9. November 1989. Mandy und ihre Schwester Nancy kommen von der Schule und freuen sich auf ein verlängertes Wochenende. Sie werden in die Tschechoslowakai zu einer Hochzeit fahren. Das zumindest haben ihre Eltern ihnen so gesagt. Sie haben auch dafür gesorgt, dass ihre Töchter dafür vom Unterricht befreit werden. Doch als Mandy und Nancy ihre Wohnung in der Wolliner Straße in Ost-Berlin betreten, bemerken sie, dass etwas nicht stimmt.

„Das Erste, was uns auffiel, war, dass der Fernseher weg war“, erzählt Stegmann im OP-Gespräch. Den Fernseher haben ihre Eltern zusammen mit ein paar wenigen Kleidungsstücken, in den „Saporosch“ gepackt. Sie und Nancy dürfen sich noch ein Stofftier aussuchen, das sie mit auf den Rücksitz des voll bepackten Familienautos nehmen, dann fahren sie los – wohin, das erfahren sie und ihre Schwester erstmal nicht.  

„Meine Eltern haben es nie so gesagt, aber wir wussten, dass wir nicht wiederkommen würden“, sagt Stegmann mit feuchten Augen. Die Erinnerung an diese plötzliche Flucht im November 1989, ohne den Abschied von ihren Freunden und von Berlin treibt ihr auch heute noch Tränen in die Augen.

Eine glückliche Kindheit

Stegmann kommt 1976 in Ost-Berlin zur Welt – ein Jahrgang, in dem ihr Vorname nicht zuletzt wegen Barry Manilows erfolgreicher Hitsingle besonders häufig vorkommt. Auch ihr Vater beschließt bei ihrer Geburt: „Es ist ein Mädchen, also soll es Mandy heißen“, erzählt sie und lächelt.

Das Lächeln bleibt auf ihren Lippen, als sie von ihrer Kindheit in der DDR berichtet. „Als Kind selbst habe ich nichts vermisst.“ Ihre Eltern sind, wie damals üblich, beide berufstätig: Ihr Vater ist Baumaschinenführer und ihre Mutter Facharbeiterin für Holztechnik. Stegmann wird früh in die Krippe gegeben. Als sie vier Jahre alt ist, bekommt sie eine Schwester.

Ihrer Familie geht es gut. Sie wohnen in einer geräumigen 4-Zimmer-Altbau-Wohnung in Berlin-Mitte. Sonntags fahren sie an den See und in den Sommerferien ins Ferienlager in die Tschechoslowakai.
„Wir haben auch Westfernsehen geguckt.“ Jeder habe das gemacht, obwohl die antikommunistischen Programme der westlichen Radio- und Fernsehsender der Partei und Regierung in der DDR ein Dorn im Auge waren. Im Intershop können sie auch an Westwaren kaufen – zum Beispiel Überraschungseier.

Von ihrem Fenster aus kann sie die Mauer sehen. „Man hat mal gehört, dass da jemand rüberklettern wollte.“ Warum, das hat sie damals nicht verstanden. Ihr ging es doch gut.
„Es war immer was los“, erinnert sie sich. Als Erich Honecker 1984 die zweimillionste Wohnung in Berlin einweiht, steht Stegmann in ihrer Jungpionieruniform Spalier und winkt dem Generalsekretär der DDR mit Nelken zu, als er das Bändchen zur DDR genormten Wohnung durchschneidet.

Auf der Rückfahrt vom Judo-Unterricht finden sie und ihre Freundin in der Straßenbahn einmal einen Brief mit einem Greenpeace-Stempel. Sie sind verunsichert. Die Friedensaktivisten der Umweltschutzorganisation waren  in der DDR nicht selten durch provokante Protestaktionen aufgefallen. Sie geben den Brief den Eltern ihrer Freundin. Kurz darauf werden die beiden Mädchen von der Stasi befragt.  

„Ich kann nicht sagen, dass mir ein System aufgezwungen wurde“, sagt Stegmann. Ihren Vater hingegen stört es immer mehr, dass er seine Familie in West-Berlin nicht besuchen darf. „Er war kein Mitglied der Partei. Deshalb wurde sein Antrag auf Besuch jedes Mal abgelehnt“, vermutet Stegmann.

Als ihm selbst die Reise zur Beerdigung seines Onkels verboten wird, ist das Maß voll. Es sind nicht nur diese Repressalien, die ihn und seine  Frau dazu bewegen, die DDR mit ihren Kindern zu verlassen. Der Tumult der letzten Wochen, die Flüchtlingsströme, die Botschaftsbesetzungen in Prag und Warschau verunsichern sie. „Es lag was in der Luft. Wir hatten das Gefühl, die Grenzen gehen zu und dass die ihre Panzer rausholen.“ Wieder kommen ihr die Tränen. Dass die Familie noch in der Nacht des Mauerfalls flieht, zeigt, wie unrealistisch ihr die Grenzöffnung erschien. Sie sind nicht die einzigen.

Die Flucht in den Westen

„Wir fliehen“, verrät ihr Vater schließlich,  als sie nach einer langen Autofahrt endlich in der im äußersten Westen der Tschechoslowakai liegenden Grenzzstadt Cheb ankommen. Von dort sollte es in den Westen gehen. Es ist Nacht.
An Schlaf ist nicht zu denken. Trotzdem sollen sich Mandy und ihre Schwester schlafend stellen, damit ihr Auto nicht kontrolliert wird. Sie erinnert sich, dass dort viele Autos aus der DDR auf Durchlass warteten. Lange Zeit tut sich nichts. „Als es dann um 6 Uhr morgens hieß, dass die Grenzen auf sind, haben viele umgedreht.“ Auch ihre Eltern ziehen eine Rückkehr nach Berlin in Betracht, entscheiden dann aber weiterzufahren.  

In München kommt die vierköpfige Familie in einer Bundeswehrkaserne unter. „Wir wurden sehr herzlich aufgenommen“, erinnert sich Stegmann. Von den Soldaten werden die die beiden Mädchen „mit Plüschtieren überhäuft“. Von München aus geht es weiter nach Gießen. Diesmal mit dem Zug – der Motor des Saporosch war hoch gegangen, als ihr Vater West-Öl nachgefüllt hatte.

In Gießen kommen sie in einer Schule unter. „Das war so, wie man sich ein Flüchtlingsheim vorstellen muss: Überall Doppelstockbetten.“ Am nächsten Tag werden sie mit dem Bus nach Frankenau in ein Ferienpark gebracht. 16 Tage nach ihrer Flucht, am 25. November 1989 gehen Mandy und ihre Schwester zum ersten Mal wieder zur Schule. Schnell schließen sie Freundschaften.

Im Gegensatz zu ihnen, kommt ihr Vater nie so richtig an. „Er hat sich hier einfach nicht heimisch gefühlt.“ Vor vier Jahren ging er nach Berlin zurück.  Nach der Schule macht Stegmann eine Ausbildung zur Hotelfachfrau in Marburg. Nach ihrem Berufsabschluss 1996 überlegt sie, nach Berlin zurückzuziehen, entscheidet sich aber schließlich dagegen – zum Glück, denn hier lernt sie ihren Mann kennen, mit dem sie heute in Lohra lebt und zwei Kinder hat.

Dass sie überall so herzlich aufgenommen wurden, ist Stegmann besonders in Erinnerung geblieben. „Ich kann verstehen, dass man sein Leben verbessern will“, sagt sie in Bezug auf die aktuellen Flüchtlingsströme. „Man muss diesen Familien helfen.“

von Ruth Korte

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