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„Alles beginnt mit Deutsch“

Flüchtlinge in der Schule „Alles beginnt mit Deutsch“

Sie kommen, um zu bleiben. Viele junge Flüchtlinge, die in Marburg ankommen, sind schulpflichtig und lernen an der Adolf-Reichwein-Schule (ARS) Deutsch, Mathe, Englisch und Politik und Wirtschaft (Powi).

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Matheunterricht für Flüchtlinge an der Adolf-Reichwein-Schule Marburg.

Quelle: Lisa-Martina Klein

Marburg. 10.35 Uhr an der Adolf-Reichwein-Schule: Elf Schüler, acht Jungs und drei Mädchen, wechseln sich beim Lesen eines Textes ab. Erst geht es um das Bahnfahren, dann ums Einkaufen. Deutschlehrerin Kristiana Donkova verbessert hier die Aussprache, fragt dort eine Vokabel ab, beantwortet Fragen.

Es geht um alltägliche Dinge. „Wie viel kostet Schwarzfahren?“, fragt Siban. „40 Euro“, antwortet Donkova. Überraschte Gesichter. „Wo kauft ihr Kosmetik?“, fragt Donkova. „In der Apotheke“, sagt ein Schüler. „Nein, da kauft man Medizin“, verbessert eines der Mädchen. „In manchen Apotheken kann man ein bisschen Kosmetik kaufen, aber eigentlich kauft man Kosmetik in der Drogerie. Im dm zum Beispiel, oder Rossmann“, erklärt Donkova. „Oder online“ sagt Dounia. Sie ist 16, kommt aus Marokko und ist seit einem Jahr und sieben Monaten in Deutschland.

Unter den Jugendlichen sind sehr wenige Mädchen

Eines haben die Schüler gemeinsam: sie sind hochmotiviert zu lernen. In einem unterscheiden sich fast alle: in ihrer Herkunft. Vier aus der Klasse kommen aus Syrien, vier aus Somalia, zwei aus dem Iran, einer aus Ungarn, einer aus Libyen und eine aus Marokko. Und alle haben eine andere Geschichte, wie sie hierher nach Marburg an die ARS gekommen sind. Unter ihnen sind nur wenige Mädchen. „Warum das so ist, darüber können wir nur spekulieren“, sagt Schulleiter Holger Leinweber.

10.53 Uhr: Eine Durchsage kündigt eine Gedenkminute für die Opfer des Flugzeugabsturzes in den französischen Alpen an. „Wisst ihr, was das gerade war, habt ihr das verstanden?“ fragt Donkova. Ratlose Gesichter, aber dann sagt einer: „Jemand ist gestorben“. Siban weiß mehr und erklärt, was passiert ist. Auf die Frage, wann er aus Syrien nach Deutschland kam, zieht der 18-Jährige sein Smartphone aus der Tasche und sagt: „Heute ist es ein Jahr, heute vor einem Jahr bin ich gekommen.“ Seit sechs Monaten ist er an der Schule, um zu lernen und später hier arbeiten zu können. Deutsch ist sein Lieblingsfach, aber auch das Fach, womit er sich am schwersten tut. Er spricht auch ein bisschen Englisch, erzählt er stolz.

Anachita kam ebenfalls vor etwa einem Jahr aus dem Iran hierher. Die 22-Jährige mag vor allem Mathe gerne.

Marcell kommt aus Ungarn und ist mit seinen 16 Jahren einer der Jüngsten in der Klasse. Deutsch ist auch sein Lieblingsfach.

„Es ist ein toller und dankbarer Job"

Lehrerin Kristiana Donkova ist Bulgarin. Sie versteht zwar arabisch nicht, kann aber die Schwierigkeiten der Schüler verstehen. Sie übernahm die Klasse im Oktober. „Es ist ein toller und dankbarer Job. Meine Klasse ist sehr motiviert, und jeder einzelne macht schnelle Fortschritte, ich bin sehr stolz auf sie“, sagt sie.

Gabriele Becker ist Sozialpädagogische Fachkraft an der ARS. Seit der Aufnahme der ersten Flüchtlinge im Schuljahr 2011/2012 hat sich ihr Berufsalltag sehr geändert. „Es gibt keinen Fahrplan, keine Routine, kein vorgefertigtes Schema für die Flüchtlingsklassen, vieles läuft individuell, da jeder Schüler seine eigene Geschichte hat“, meint Becker. Nach dieser Geschichte aber frage niemand, sagt sie. Nicht, weil es niemanden interessiert, sondern weil keine Erinnerungen geweckt werden sollen, denn diese seien oft traumatisch. Wenn ein Schüler von sich aus erzählt, hören die Fachkräfte selbstverständlich zu.

Es begann mit einem 16-jährigen Jungen aus Afghanistan. Vor vier Jahren fragte er mit geringen Deutschkenntnissen bei der Schule an, ob er unterrichtet werden könne. Für die Schule eine klare Sache.

Es kamen sechs weitere junge Flüchtlinge, die meisten aus Somalia. Es stellte sich die Frage, ob auch sie, wie schon der junge Afghane, in die „Berufsfördernden Maßnahmen“ integriert werden sollten oder ob ein neues Konzept her musste. Die Fachkräfte entschieden sich, eine eigene Klasse für die Jugendlichen zu eröffnen. Bis zum Schuljahresende 2011/2012 waren es zwölf junge Menschen, die an der ARS unterrichtet wurden.

Drei weitere Klassen in einem Schuljahr

Becker blickt zurück: „Das erste Jahr war schwer. Wir wussten gar nicht, was auf uns zukommt und wie alles funktioniert.“ Schritt für Schritt brachten sich die Fachkräfte der ARS alles selbst bei. Probleme beim Aufenthaltsrecht, bei der Arbeitserlaubnis, bei finanziellen wie persönlichen Angelegenheiten, alles musste erst gelernt werden, von den Jugendlichen genauso wie von der Schule. Stück für Stück aber setzten sich alle an der Schule weiter mit dem Thema auseinander, Stück für Stück bauten sie ein Netzwerk auf (siehe Hintergrundkasten Netzwerk).

Das zweite Schuljahr, 2012/2013, sei ein bisschen einfacher gewesen, meint Becker. Die Jugendlichen seien durch die Netzwerkpartner vorbetreut gewesen und hatten fast alle erste Sprachkurse besucht.

Zum Schuljahr 2014/2015 stieg die Nachfrage noch einmal deutlich an. Es wurden neue Klassen eröffnet, doch kaum war die eine voll, gab es weitere Anmeldungen. Aus den mittlerweile zwei Klassen zu Anfang des Schuljahres wurden fünf, eine eröffnete im Oktober, eine im Dezember und die letzte schließlich im März 2015. Über 80 Schüler kommen nun täglich aus dem ganzen Landkreis an die Schule, um zu lernen.

Drei der Klassen sind „Sprachförderklassen“. An fünf Tagen die Woche haben sie entweder vor- oder nachmittags vier Stunden Unterricht. Zwei weitere Klassen gehen gemeinsam auf den Hauptschulabschluss zu. Dazu haben sie sechs bis acht Stunden Unterricht am Tag Mathe, Deutsch, Englisch, Politik und Wirtschaft und Praxis-Unterricht.

„Alles beginnt mit Deutsch, wenn die Schüler hierherkommen. Die Unterrichtssprache ist deutsch, auch wenn die meisten geringe bis gar keine Kenntnisse haben“, sagt Becker. „Nach ein, zwei Jahren darf man noch keine perfekten Sprachkenntnissen erwarten, aber die Schüler strengen sich sehr an.“

Jugendliche, die den Hauptschulabschluss nicht beim erste Mal schafften, dürften den Kurs noch einmal machen, erklärt Becker. In regelmäßigen Fördergesprächen wird besprochen, was für den Einzelnen Sinn macht.

Sind eventuell sogar höhere Abschlüsse möglich?

Das bedeutet eine sehr individuelle Betreuung jedes einzelnen Schülers. „Die Schule muss sensibilisiert werden, sich entwickeln, und alle müssen lernen, nicht nur die Schüler“, so Becker weiter. Fast täglich tauchen neue Aspekte auf. Viele Schüler nehmen ihre religiösen Rituale sehr ernst und fragen, wann und wo sie beten könnten.

So manche Schüler lernen, dass die Regeln nicht immer so strikt einzuhalten sind und dass eine Gebetszeit auch mal verschoben werden kann.

Bei Schulveranstaltungen dolmetschen ehemalige Schüler in fünf Sprachen: Rumänisch, Arabisch, Persisch, Tigrinya (gesprochen in Eritrea) und Somalisch. So ist auch die Sicherheitsunterweisung und die Werkstattordnung in verschiedenen Sprachen, unter anderem Französisch, Somalisch, Paschto (gesprochen in Pakistan und Afghanistan), Englisch, Bulgarisch und Russisch, damit es möglichst viele verstehen. „Auch das mussten wir erst lernen. Um es perfekt zu machen, braucht man viel Zeit, aber auch Geld“, sagt Becker. Das Staatliche Schulamt finanziert die Lehrerstunden, die Schule sucht nach geeigneten Lehrkräften.

11.40 Uhr: Nächstes Fach, nächste Klasse, Mathe bei Rolf Daniel. Die Schüler, alles junge Männer, stellen ihre Tische in einem Viereck um das Pult. In dieser Stunde gibt Daniel einen Mathetest heraus, 15 Aufgaben mit Klammern und Brüchen waren zu lösen. Der Ehrgeiz ist deutlich zu spüren, nur ganz wenige schneiden schlecht ab. Einige haben sich von ganz unten hochgearbeitet, auf die ist Daniel besonders stolz.

Die Hausaufgaben von Montag werden besprochen, die Aufgabe lautete: „Herr Daniel fährt Motorrad. Sein Motorrad verbraucht auf 100 km 4,2 Liter Benzin. Herr Daniel fährt aber an diesem Tag nur 85 km. Ein Liter Benzin kostet 1,37 Euro. Wie viel kostet die Fahrt?“ Es dauert eine Weile, bis die Schüler auf die richtige Fährte kommen. „Zug ist billiger“, stellt Saaid irgendwann fest. Mit Zugtickets kennen sich die Jugendlichen aus. Wie viele der Schüler weiß der 19-jährige Saaid auf den Tag genau, wann er von Somalia nach Deutschland kam: am 11. Februar 2013. Sein Traumberuf: Journalist.

von Lisa-Martina Klein

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