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"Alle lagen auf dem Boden"

Prozess wegen Massenschlägerei "Alle lagen auf dem Boden"

Der Vorwurf der gemeinschaftlichen Körperverletzung bestätigte sich nicht. Zwei Schläger erhielten Geldstrafen.

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Nach einer Parkdeck-Party auf den Lahnbergen ist es zu einer Massenschlägerei, gekommen, die jetzt ein Nachspiel vor Gericht gefunden hat.

Quelle: Archiv

Marburg. Bis zu 20 Personen sollen an der nächtlichen Massenprügelei im Juni 2013 mitgemischt haben. Die fünf 24, 27 und 29 Jahre alten Angeklagten hatten am 29. Juni 2013 gemeinsam eine studentische Parkdeckparty auf den Lahnbergen besucht und dort größere Mengen Alkohol getrunken.

Am Ende der gut besuchten Feier kam es in den frühen Morgenstunden des Folgetages zu einer Massenschlägerei in der Nähe des Botanischen Gartens.

Auf dem Nachhauseweg soll einer der 24-jährigen Angeklagten einen anderen Partygast grundlos angegriffen haben. Laut Anklage schlug er dem Geschädigten mehrfach mit der Faust ins Gesicht und warf ihn zu Boden, woraufhin auch die vier anderen Beschuldigten eingriffen. Alle fünf sollen schließlich gemeinsam auf den Wehrlosen eingetreten haben.

Nachdem zwei weitere Anwesende versucht hatten, dem am Boden Liegenden zu helfen, wurden diese ebenfalls mit Schlägen und Tritten traktiert. Ein 29-jähriger Beschuldigter soll einem der Geschädigten zudem eine Bierflasche auf dem Kopf zerschlagen haben. Die drei Opfer erlitten während der Auseinandersetzung zahlreiche Prellungen und Schürfwunden, ein junger Mann trug eine Platzwunde sowie eine Gehirnerschütterung davon.

Während der Verhandlung vor dem Marburger Amtsgericht stellten alle fünf Angeklagten die Vorkommnisse vollkommen anders dar und bestritten die Vorwürfe. Der Versuch, die Geschehnisse der Tatnacht vor Gericht zu rekonstruieren, gestaltete sich äußerst schwierig. Sämtliche beteiligte Partygäste - mutmaßliche Täter, Opfer und mehr als zehn Zeugen - hatten mit umfassenden Erinnerungslücken zu kämpfen.

Amtsanwältin: „Leiden Sie an partieller Amnesie?“

Alle Angeklagten gaben an, dass sie die Massenschlägerei, an der zwischen 15 und 20 Personen beteiligt waren, nicht angezettelt und sich auch nicht aktiv daran beteiligt hatten. Nach der Party kamen die Freunde gegen fünf Uhr morgens nacheinander am Ort des Geschehens an. Mehrere fremde junge Männer schlugen aufeinander ein, während zahlreiche weitere Besucher die Prügelei beobachteten, so die Angeklagten. „Es war ein Riesentumult, da bin ich dazwischengegangen“, sagte einer der 29-Jährigen. Gemeinsam mit einigen anderen habe er versucht „deeskalierend einzugreifen“, die sich prügelnden Leute voneinander zu trennen.

Einer seiner Bekannten gab zu, „einen auf die Nase bekommen und möglicherweise zurückgeschlagen zu haben“. Ob die Geschädigten daraufhin zu Boden gingen, wussten die Angeklagten nicht mehr. „Alle lagen auf dem Boden“, sagte einer der Beteiligten.

Amtsanwältin Tina Grün wurde das Ganze schließlich zu bunt: „Leiden Sie plötzlich auch an partieller Amnesie?“, warf sie den Beschuldigten vor. Der mutmaßliche Auslöser der Kämpfe gab zu, dass er einen der Geschädigten angegriffen hatte, nachdem sein eigener Bruder, ebenfalls angeklagt, „mit blutender Nase“ aus dem Getümmel aufgetaucht war.

Wer wann und warum den Streit vom Zaun gebrochen habe, konnte weder von der Polizei noch vor Gericht eindeutig geklärt werden, eine eindeutige „Täter- und Opfergruppe“ habe es nicht gegeben, meinte ein Angeklagter. Dies bestätigten mehrere Zeugen vor Gericht. Nach dem Eintreffen der Polizei sei die Stimmung vor Ort überraschenderweise relativ ruhig und „nicht aggressiv“ gewesen, erinnerte sich einer der Polizisten. Keiner der Beteiligten musste von der Polizei getrennt oder festgenommen werden. Einer der Geschädigten, der als Nebenkläger auftrat, warf den Angeklagten vor, ihn und einen Bekannten „laut grölend und pöbelnd“ angegriffen zu haben. Der 24-jährige Aggressor der Gruppe habe ihn „umgehend zu Boden geschlagen“. Danach konnte er sich nur noch an zahllose Tritte mehrerer Angreifer erinnern.

Zwei Beschuldigte nicht zum ersten Mal vor Gericht

Um seinen Freund zu befreien, habe er „auch selber zugelangt“, gab der Geschädigte zu. Andere Partygäste gaben an, dass nicht die Angeklagten, sondern eine andere, fremde Gruppe die Massenprügelei ausgelöst hatten.

Lediglich zwei der fünf Angeklagten konnten von einigen Zeugen als direkte Beteiligte benannt werden. Beide Beschuldigte standen nicht zum ersten Mal vor Gericht. Während der 29-Jährige unter anderem wegen mehrfachen Diebstahls und Betrug bereits einige Haftstrafen verbüßte, wurde sein 24-jähriger Bekannter bereits wegen Körperverletzung verurteilt.

Richter: „großes Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel“

Der Tatvorwurf der gemeinschaftlichen Körperverletzung bestätigte sich nicht vor Gericht, so das Resümee von Amtsanwältin Grün. Als erwiesen sah die Vertreterin der Staatsanwaltschaft jedoch die Faustschläge der beiden überführten Angeklagten an. „Das war weder Notwehr noch Nothilfe“, betonte Grün und forderte für beide eine Geldstrafe. Strafrichter Dirk Schauß folgte dem Antrag und verurteilte den 24 Jahre alten Beschuldigten zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je 40 Euro, den älteren Täter zu 60 Tagessätzen à 15 Euro. Die drei anderen Angeklagten wurden von allen Vorwürfen freigesprochen. Wie so oft in Prozessen über eine von regem Alkoholkonsum beeinflusste Massenschlägerei, sei auch diese Verhandlung ein „großes Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel“ gewesen, fasste Schauß zusammen.

von Ina Tannert

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