Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 15 ° wolkig

Navigation:
„Alle Frauen verlassen bitte den Saal“

Aus dem Landgericht „Alle Frauen verlassen bitte den Saal“

Am ersten Verhandlungstag verblüffte der Marburger mit wirren Aussagen. Er muss sich unter anderem wegen Körperverletzung, Bedrohung sowie Beleidigung in 25 Fällen verantworten.

Voriger Artikel
Ehrenamtliches Engagement gewürdigt
Nächster Artikel
Mikrokosmos zwischen Sein und Schein

Ein 51-Jähriger trug vor dem Landgericht seine Abneigung öffentlich zur Schau.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Eine Einlassung gab es vom Angeklagten, der sich zurzeit im Maßregelvollzug der psychiatrischen Klinik in Haina befindet, nicht. Stattdessen stellte er an Dr. Marco Herzog, den Vorsitzenden Richter der Ersten Strafkammer des Landgerichts, einen Antrag: „Alle Frauen verlassen bitte den Saal. Frauen sind weniger kultiviert als Männer. Ich habe eine Abneigung gegen sie.“

Drei Mitglieder der großen Strafkammer – drei Berufsrichter, zwei Schöffen – waren Frauen. Dr. Herzog lehnte den Antrag ab.

Mehrmals hielt der Angeklagte die Verhandlung mit Einwürfen und Monologen auf, die mit den Tathergängen nichts zu tun hatten, laut dem Angeklagten jedoch essenziell seien. „Das ist wichtig, um mich zu verstehen“, meinte er. So versetzte er die Anwesenden zurück in die Schulzeit, als er eine ausgiebige Lehrstunde über die Geschichte seines Lebens hielt. Dr. Herzog musste ihn ausbremsen, was auf Missfallen stieß.

Überhaupt zeigte der 51-Jährige wenig Verständnis für die Strafprozessordnung. Er fiel Staatsanwalt Sebastian Brieden sowie den Zeugen mehrmals ins Wort.

Abstruse Aussagen

Viele Ausführungen des 51-Jährigen waren äußerst skurril. So forderte der Angeklagte, dass in der nächsten Sitzung ein Zeichentrickfilm gezeigt werde, der seiner Meinung nach eine Verschwörung um seine Person aufdeckt. Darüber hinaus behauptete er, 1961 die Mauer zwischen BRD und DDR gebaut zu haben. „Zusammen mit einigen meiner Leute. Das weiß aber leider keiner“, beklagte er. Zudem seien Menschenhändler aus Nah- und Fernost seit geraumer Zeit hinter ihm her.

Einige dieser abstrusen Aussagen richteten sich auch gegen die Zeuginnen. So meinte der 51-Jährige, von einer Mitarbeiterin einer sozialen Anlaufstelle „sexuell belästigt und betatscht“ worden zu sein. Die Beschuldigungen wies die Zeugin von sich.

Sie soll der Angeklagte mehrmals sexistisch beleidigt sowie ihr Anfang 2016 in zwei Fällen mit dem Tode gedroht haben. „Vorher war er recht umgänglich und zuvorkommend. Aber irgendwann hat er sich verändert und regelmäßig andere Gäste – besonders Frauen – sexistisch beleidigt“, berichtete sie. Daher erhielt der Angeklagte im Juni 2014 Hausverbot. Allerdings suchte er die Einrichtung danach mehrmals erneut auf und stiftete Unruhe.

Auch das Hausverbot in einer Marburger Apotheke kümmerte ihn herzlich wenig. „Er kam manchmal dreimal pro Tag rein und hat uns wirres Zeug erzählt, nie etwas gekauft. Er hat auch ekelige Vorschläge für neue Medikamente gemacht. Irgendwann hat es uns gereicht“, erzählte eine Apothekerin.

Als der Angeklagte der Apotheke verwiesen wurde, „hantierte“ er mit einer Waffe vor der Tür herum und zeigte sie der Arzneimittelhändlerin. „Ich kenne mich mit Pistolen nicht aus. Aber ich dachte, sie wäre echt“, sagte die Zeugin. „Ich glaube, er wollte Angst einjagen“, sagte sie. Die Pistole stellte sich als Spielzeug heraus.

Attacke auf Joggerin

Zum Zeitpunkt der Delikte, weitgehend Körperverletzung und Beleidigung, war der 51-jährige Marburger obdachlos und ging anscheinend wahllos auf Passantinnen los. So auch auf eine 21-jährige Studentin, eine 29-jährige Joggerin und eine 40 Jahre alte Verkäuferin aus dem Stamm-Imbiss des Angeklagten. Laut den Zeuginnen sei der Angeklagte völlig grundlos auf sie losgegangen und habe Schläge und Schubser ausgeteilt.

Attacken mit psychischen Folgen. „Ich bin diese Strecke seitdem nicht mehr gelaufen“, erzählte die Joggerin. Auch die Studentin berichtete von „Angst auf dunklen Straßen“.

Der Strafprozess wird am Freitag ab 9 Uhr im Schwurgerichtssaal des Marburger Landgerichts fortgesetzt.

von Benjamin Kaiser

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr