Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Aktivist schleicht zum Auto-Protest

Rad vs. Auto Aktivist schleicht zum Auto-Protest

Hans-Horst Althaus will den Verkehr lahmlegen. Am Montag ab 14 Uhr protestieren er und einige Mitstreiter auf den Hauptstraßen der Innenstadt. Ihre Mission: "Das Rasermonopol in Marburg brechen".

Voriger Artikel
Steuereinnahmen stopfen Löcher
Nächster Artikel
Wunsch nach bezahlbarem Wohnraum für alle

Hans-Horst Althaus demonstriert mit einem Mittelklassewagen-Modell den Platzbedarf eines Autos. Am Montag zieht er mit dem Gestell über einige Hauptverkehrsstraßen. Fotos: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Route der Demonstration soll sich von der Georg-Voigt-Straße über die Kurt-Schumacher-Brücke, den Erlenring, Rudolphsplatz, die Biegen- und Deutschhausstraße, den Pilgrimstein, die Universitätsstraße, Schwanallee und Frankfurter Straße erstrecken. „Der gesamte Verkehr muss an Geschwindigkeit verlieren“, sagt Althaus. Und wenn er mit einigen Gleichgesinnten am Montagmittag über den Asphalt der Hauptverkehrs-Adern wandert, wird dieser, soll er erlahmen.

Denn der 74-Jährige schnallt sich ein zehn Kilogramm schweres Automodell auf den Rücken. Es ist den Maßen eines Mittelklassewagens nachempfunden, soll darstellen, wie viel Platz ein Auto einnimmt - vor allem auf den in Marburgs Zentrum spärlich vorhandenen Parkplätzen. „Für 75 Kilogramm Mensch werden rund 24 Quadratmeter Fläche beansprucht“, sagt der Ex-Pfarrer.

Deutscher Kinderschutzbund unterstützt Demonstranten

Nach Daten des Statistischen Bundesamts hat es in den vergangenen 66 Jahren mehr als 101 Millionen Autounfälle in Deutschland gegeben. 700 000 starben, 26 Millionen wurden verletzt. Während die Zahl der Unfälle seit 20 Jahren in etwa gleich bleibt (rund 2,3 Millionen), ist die Zahl der Verkehrstoten seitdem um mehr als 66 Prozent auf den geringsten Wert der Geschichte gesunken (von 11 300 in 1991 auf 3600 in 2012)

Althaus wittert „in dieser Stadt eine Pogromstimmung gegenüber Radfahrern“. Dabei seien viele Rüpel-Radfahrer nur aus ihrer Not heraus manchmal ein Hindernis. „Weil der Verkehr in Marburg so läuft, wie er läuft“, sagt Althaus.

Überall müssten sich Radfahrer, selbst wenn sie normal fahren durch enge Gassen zwängen, sich an breiten Autos vorbei schlängeln. „Unter Lebensgefahr“, sagt Althaus. Für Fußgänger sei die Situation ähnlich gefährlich, „weil rücksichtslos gerast wird, sind das die ärmsten Schweine“. Vor allem Schüler drohe jeden Tag aufs Neue Unheil, wenn sie sich auf die Straße begeben.

Unterstützung erhalten die Demonstranten vom Deutschen Kinderschutzbund. Ans Heck des Modellautos wird ein Aufsteller montiert, ein Kind mit Tempo-30-Schild, das zum Langsamfahren mahnt. „Es gibt für Jungen und Mädchen ja nicht mal mehr Spielstraßen weit und breit, aber der Aufschrei bleibt bislang aus.“ Althaus fordert zudem, dass rund um Schulen ein Auto- und Parkplatz-Bannkreis gezogen wird. 500 Meter vor den Gebäuden solle keine Abstell- und Haltemöglichkeit existieren, „damit Kinder wieder einen Schulweg haben, der den Namen verdient und nicht mit dem Mama-Taxi ins Klassenzimmer gebracht werden“.

"Ich bin kein Anti-Auto-Fundamentalist"

Althaus‘ Automodell fußt auf einer Idee des österreichischen Ingenieurs Hermann Knoflacher (73). Um die Problematik des Verkehrswesens aufzuzeigen, entwickelte er 1975 das Konzept des „Gehzeugs“. Dabei handelt es sich um einen Holzrahmen, den sich Fußgänger umhängen können, um dieselbe Fläche wie Autofahrer in Anspruch zu nehmen. Es wird vor allem in Österreich in Demonstrationen gegen den Autoverkehr eingesetzt und verbildlicht die auch von Knoflacher formulierte Kritik an der Irrationalität des Straßenverkehrs, vor allem des städtischen, und an dessen relativ hohem Platzbedarf.

Althaus sagte, er wolle nicht als Anti-Auto-Fundamentalist missverstanden werden. Er fahren hin und wieder sogar selbst, „aber diese Strecken von unter fünf Kilometern doch nicht - und das ist die Mehrzahl aller Fahrten“.

Unterdessen sind die Ermittlungen wegen Volksverhetzung gegen den Fahrrad-Fan eingestellt. Der Staatsschutz prüfte ein Protestschild, das Althaus kürzlich an einer Laterne am Pilgrimstein platziert hatte, auf verfassungswidrige Nazi-Symbolik. „Es gab dazu mit den Ermittlern ein klärendes Gespräch. Ich habe meine Provokation erläutert, da bleibt zum Glück nichts nach“, sagt er.

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr