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Akademiker warnen vor AfD-Taktiken

Dies Academicus Akademiker warnen vor AfD-Taktiken

Die Auseinandersetzung mit der AfD hat den „Dies Academicus“ der Philipps-Universität geprägt. In Dutzenden Vorträgen und Workshops wurden vor allem Partei-Rhetorik, Taktik und typische Merkmale der Anhänger erläutert.

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Elena Hartmann (links), Anna Fischer, Sedra Al-Mokded und Lynn Klinger präsentieren ihr Flüchtlingsprojekt im Hörsaalgebäude, während Hunderte die Vorträge zum Dies-Academicus-Hauptthema „Flucht und Asyl“ hörten.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Rassistisch, völkisch, anti-aufklärerisch und einem konstruierten deutschen Opfermythos anhängend: So beschreibt Politikprofessor Samuel Salzborn die Alternative für Deutschland und Pegida.

„Flucht und Migration sind nur dankbare Anlässe, um schon vorhandene Einstellungen zu artikulieren“, sagt er. Seit Jahrzehnten wisse die Forschung um die Masse jener im Land, die rechtem Gedankengut wenigstens zuneigen: 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung. Bislang habe  es gerade für jene, die zwar rechtsradikal seien, sich aber nicht als Rechtsradikale verstehen, lediglich keine politische Heimat gegeben. Auch dank einer „dem Internet eigenen Simplifizierung der Welt auf 140 Zeichen“ habe sich das geändert.

Die AfD-Anhänger verbinde zum einen typischerweise der Glaube daran, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands, der über Jahre entstandene Luxus – was man durch Flüchtlinge und Migranten in Gefahr wähne – sei eine Eigenleistung, wenigstens eine der Vorfahren. Dabei werde ausgeblendet, dass diese Entwicklung von Beginn an auf Hilfe aus dem Ausland fuße: Alliierten-Wiederaufbaupolitik und  Gastarbeiter.

Zum Anderen gebe es bei jenen, die „sich das brave Etikett der besorgten Bürger verpassen“ eine „Sehnsucht nach einer homogenen statt vielfältigen Gesellschaft“ sowie  das Gefühl, nicht die Flüchtlinge, sondern die Deutschen seien die Opfer – und das aus einer Rhetorik heraus, die den Zweiten Weltkrieg, die Lehren daraus aus der Historie der eigenen Kultur verdrängen will. „Die Geschichtsvergessenheit der AfD-Anhänger ist mindestens traurig. Geht diese Entkontextualisierung hin zu völkisch-rassistischen Konzepten weiter, wird so was Programm, ist das brandgefährlich.“

„Stimmen von Geflüchteten hörbar machen“

Der Marburger Sozialpsychologie-Professor Ulrich Wagner widmete sich im Zuge einer AfD-Anhängerschafts-Analyse der grundlegenden Entstehung, Verbreitung und Bekämpfung von Vorurteilen. „Unsicherheit erzeugt Angst und Angst erzeugt Ablehnung“, sagt er. Jeder Mensch fühle sich, sowohl für die Bildung der eigenen Identität als auch der Schaffung eines Weltbilds, bestimmten Gruppen zugehörig – Deutscher/Ausländer, Einheimischer/Flüchtling, Christ/Moslem. Diese Gruppen würden jeweils gegeneinander abgegrenzt, in dem Maße, wie man die eigene Gruppe aufwerte, überhöhe, werte man die andere ab. „Als rationale Entscheider, die Informationen einholen und abwägen, sehen wir uns alle gerne. Das stimmt aber nicht. Wir sind keine isolierten Wesen.

Auf der positiven Seite wirken moralische und ethische Grundwerte  – Nächstenliebe, Gastfreundschaft – und es wirken Stereotype, in Gesellschaftsdebatten und privaten Gesprächen lange gepflegte Feindbilder“, sagt Wagner. Die effektivste Form des Vorurteilsabbaus sei der persönliche Kontakt, Gespräche mit Flüchtlingen – so ließen sich zwar keine AfD-Spitzenkräfte überzeugen, jedoch sehr wohl „viele der vielen Sympathisanten“.

Der „Dies Academicus“ der Philipps-Universität bot im Rahmen des Grundsatzthemas „Flucht und Asyl“ aber auch Platz für Themen abseits der AfD. Die Marburger Migranten-Jugendorganisation DIDF
etwa kümmert sich seit einem Jahr speziell um den Austausch von deutschen und türkischstämmigen Menschen. Sie informierten und diskutierten gestern vor allem über die Rolle der Türkei in der europäischen Flüchtlingspolitik. „Diesem Staat, der im Ausnahmezustand ist, quasi die Flüchtlingspolitik anzuvertrauen, ist extrem heikel“, sagt Baran Kiraz.

Studentinnen der Friedens- und Konfliktforschung widmeten sich indes – ganz im Sinne von Wagners Kontakt-These – den Flüchtlingen selbst. Sie präsentierten im Hörsaalgebäude mit einer Installation die Konflikte aus der Perspektive Geflüchteter. „Wir haben mit Betroffenen gesprochen, wollen ihre Stimmen hörbar machen, nicht nur über sie oder von ihnen sprechen“, sagt Lynn Klinger. Was kam heraus? „Viele beschreiben den Zustand des ewigen Wartens im Asylverfahren – und sehen sich als kriminalisierte Objekte.“

von Björn Wisker

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