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Ahnungslos, aber vorbereitet

Serie Erster Weltkrieg, Teil 1 Ahnungslos, aber vorbereitet

In Marburg hätte sich heute vor 100 Jahren kaum einer träumen lassen, dass das gesamte Deutsche Reich knapp fünf Wochen später im Krieg stehen würde.

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Im alten Teil des Friedhofs in Ockershausen erinnern Reste eines Gräberfelds und dieses Denkmal an die gefallenen Marburger im Ersten Weltkrieg. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Ende Juni 1914 herrscht in Marburg eine trügerische Ruhe. Die „Oberhessische Zeitung“ berichtet, dass sich der Siebenschläfertag am 27. Juni „ganz gut“ anließ. Nach einer Pause von acht Tagen werden die „Lichtspiele“ wieder eröffnet. Auf dem Programm steht das Lustspiel „Wir lassen uns scheiden“. In den Stadtsälen war am Abend zuvor das niederdeutsche Stück „Onkel Bräsig“ aufgeführt worden, laut Zeitung, „ein vergnüglicher Abend“.

Der Leiter der Landesheilanstalt, Professor Dr. Franz Tuczek, tritt am 1. Oktober in den Ruhestand, berichtet die Zeitung. Mit der „einstweiligen Leitung der kommunalständischen Irrenheilanstalt“, wird der seitherige Oberarzt Dr. Jahrmärker beauftragt. Puck, die neue „Qualitäts-Cigarette“, wird für 3 Pfennig beworben. Jacob Briel bewirbt seinen Saison-Ausverkauf ab 1. Juli - genauso wie Carl Storck, der in der Neustadt 23 Strumpfwaren aller Art, „Corsetts“, weiße Matrosenanzüge und Blusen zu „Preisen, auf das äußerste ermäßigt“ feilbietet. In Wetter findet am 1. Juli der Kram- und Viehmarkt statt, und das 70 Kilometer entfernte Bad Nauheim, „55 Ärzte am Platze, 35000 Kurgäste, 480000 Bäder, Saison vom 16. April bis 15. Oktober“, weist auf seine „Heilerfolge bei Herzleiden, Rheumatismus, Gicht, Frauenleiden, verzögerte Gesundung“ hin.

Marburg und Umgebung scheinen ein ruhiges, friedvolles Leben zu führen. Dabei ist die Stadt seit der Reichsgründung schnell gewachsen. Waren es 1871 noch knapp 9000 Einwohner, wurden 1914 22000 Einwohner gezählt. Vor allem die Universität hatte einen schnellen Aufschwung genommen. Innerhalb weniger Jahrzehnte verzehnfachte sich die Zahl der Studenten. Knapp 2500 Studenten beherbergte die Stadt vor dem Ersten Weltkrieg, mehr als jeder zehnte Marburger war ein Student. Nicht wenige Bürger verdienten sich durch die Vermietung von Zimmern an Studenten ein Zubrot. Es hieß: Die Marburger leben von einem Studenten unterm Dach und zwei Ziegen im Keller.

Zwei weitere wichtige Ereignisse haben die Entwicklung von Marburg in den zurückliegenden Jahrzehnten bestimmt: der Anschluss der Stadt an die Main-Weser-Bahn und die Erhebung zur Garnisonsstadt.

Mangels Industriebetrieben findet sich in Marburg der klassische Industriearbeiter nur in kleiner Zahl. Die SPD erzielt bei der Reichstagswahl 1912 entsprechende nur gut 10 Prozent der Stimmen. Marburg ist eine Stadt der Beamten, der Professoren und Rentner - und der Soldaten. Die Jägerkaserne in der heutigen Frankfurter Straße wird 1866 errichtet. Das Hessische Jägerbataillon Nr. 11 wird im selben Jahr eingerichtet und in Marburg stationiert. Es soll im Verlauf der Geschichte unter dem Namen „Marburger Jäger“ eine wichtige Rolle spielen.

Frauenwahlrecht und Kriegerfesttage

Und es herrscht Wohnungsnot: 1907 wird deswegen der Spar- und Bauverein von mehr als 100 Bürgern gegründet. Seine Aufgabe ist, „minderbemittelten Familien zweckmäßig eingerichtete Wohnungen zu billigen Preisen zu verschaffen“. Notgedrungen verzichtete man auf das vorherrschende Wohnungsideal von Einfamilienhäusern und beschloss, sechs bis acht Wohnungen pro neuem Gebäude zu errichten. Das Wohngebiet am Afföller entstand.

Zur vollen Wahrheit gehört aber, dass auch in Marburg am Vorabend des Ersten Weltkriegs über die Einführung des Frauenwahlrechts diskutiert wird. Eine Anzeige in der „Oberhessischen Zeitung“ weist eine Woche nach dem Attentat auf eine „zwanglose Zusammenkunft“ im Café Markees, bei der über das „Frauenwahlrecht in der Praxis“ (in Frankreich und Italien) informiert werden sollte.

Wie überall im Deutschen Reich spielt auch in Marburg und Umgebung die Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 und insbesondere an die wahrscheinlich kriegsentscheidende Schlacht von Sedan am 1. September 1870 eine wichtige Rolle. Der „Bund deutscher Militäranwärter“ hat 1914, berichtet die „Oberhessische Zeitung“ Ende Juni, fast 100000 Mitglieder. Kriegervereine gibt es fast in jedem Dorf. Beim Treffen des Kreiskriegerverbands Kirchhain in Schweinsberg am Tag des Attentats von Sarajewo bringt der Vorsitzende Hauptmann a.D. Goldammer ein Hoch auf den „obersten Kriegsherrn“ aus und hält eine „patriotische Rede“.

Erinnerung an 1870/71: „Ein einig Volk unter Waffen“

Die „Oberhessische Zeitung“ berichtet in diesen Tagen ausführlich über das Attentat von Sarajewo, aber nur spärlich über die Reaktionen in Marburg und Umgebung. Am Wochenende nach dem Attentat findet in Marburg die dreitägigen Kriegerfesttage statt, in dessen Mittelpunkt die Einweihung eines Denkmals für die Gefallenen des Krieges von 1870/71 steht. Mehrere 1000 Menschen sind zum Friedrichsplatz durch die Stadt gezogen. Das nationale Pathos, das in jener Zeit auch in Marburg herrscht, wird in der Berichterstattung der „Oberhessischen Zeitung“ deutlich:

Der Vorsitzende des Kreiskriegerverbandes, Geheimrat Professor Schenck, führt ausweislich des Zeitungsberichts aus: „Es genügt nicht, wenn wir nur Worte haben, um unseren Gefühlen für unsere Helden von 1870 Ausdruck zu verleihen. Es ist an uns zu geloben, dass wir uns die Helden zum Vorbild für eigenes Tun nehmen wollen, wo immer die Gelegenheit sich dazu bietet, sei es, was Gott verhüten möge, im Krieg, sei es im Frieden.“ Die Gelegenheit zur Nacheiferung dieser Helden sollte sich bald ergeben.

So klingt die Bezeichnung des Denkmals durch Oberbürgermeister Paul Troje fast wie eine Prophezeiung: Er nannte das Denkmal ein „Merkzeichen aus der großen Vergangenheit für die Zukunft“, ein „Zeichen der Erinnerung daran, dass 1870/71 das große geschichtliche Ereignis der Wieder-Errichtung eines Deutschen Vaterlands nur möglich war durch Mannesmut und Mannesopfer, durch Blut und Tod auch so manches Marburger Bürgers und Studenten, durch ein einig Volk unter Waffen“.

von Till Conrad

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