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AfD in sozialen Brennpunkten stark

Kreistagswahl in Marburg AfD in sozialen Brennpunkten stark

Die Stimmbezirke, in denen die rechtspopulistische AfD in Marburg bei der Kreistagswahl am meisten gepunktet hat, liegen in erster Linie in sozialen Brennpunkten.

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Ein Wahlplakat der AfD.

Quelle: Uwe Zucchi

Marburg. 20,3 Prozent der Wähler im Wahllokal „Treffpunkt Richtsberg“ gaben bei der Kreistagswahl der AfD ihre Stimme, so viele wie sonst nirgendwo in Marburg. 18,18 Prozent AfD-Wähler waren es im Altenzentrum in der Sudetenstraße, 16,5 Prozent im alten Rathaus in Cappel - die dritte AfD-Hochburg in Marburg.

Es folgen der Wahlbezirk Astrid-Lindgren-Schule (16,28 Prozent), St.-Martin-Haus im Waldtal (15,38 Prozent), die Evangelische Kindertagesstätte am Oberen Richtsberg (14,51 Prozent), das Sozialzentrum am Unteren Richtsberg (12,83 Prozent), das Bistro A Capella im Stadtwald (12,61 Prozent) und der Kindergarten am Unteren Richtsberg (12,15 Prozent).

Durchschnittlich erhielt die AfD bei der Kreistagswahl in Marburg eine Zustimmung von 7,65 Prozent, kreisweit waren es 12,49 Prozent.

Am schwächsten schnitt die AfD in den Wahllokalen Emil-von-Behring-Schule (2,2 Prozewnt), im Haus der Ketzerbachgesellschaft (2,33), der Schule am Schwanhof (2,37), der Stadtbücherei (2,57) und im Bauamt (2,66) ab.

In Cappel mögen die Nähe zum Flüchtlingslager an der Umgehungsstraße und die aufgeheizte Diskussion um die Moscheepläne der Ahmadiyya-Gemeinde eine Rolle gespielt haben, zumal die AfD-Ergebnisse auch in drei der vier anderen Wahlbezirke in Cappel (9,85, 9,25 und 11,25 Prozent) deutlich über dem Marburger Durchschnitt liegen. Davon abgesehen liegen alle anderen Wahlbezirke mit besonders starker AfD-Zustimmung in Stadtvierteln in sozialer Randlage, den so genannten „sozialen Brennpunkten“.

Ähnliche Erfahrungen gibt es beispielsweise in Gießen, wo die AfD in den Quartieren in der Nord- und Weststadt besonders stark abschnitt, den sozialen Brennpunkten in der Nachbarstadt.

AfD umwirbt Russlanddeutsche

Zum Teil hat das auch mit traditionell schlechten Wahlbeteiligungen in diesen Quartieren zu tun. Bei der Kreistagswahl lag sie zwischen 18,0 Prozent (Unterer Richtsberg, Sozialzentrum) und knapp über 25 Prozent (Stadtwald) - bei einem Marburger Durchschnitt von 45,6 Prozent.

Ein anderer Zusammenhang, der denkbar, aber nicht zu beweisen ist: Bundesweit stellen Wahlforscher fest, dass die AfD stark unter Spätaussiedlern aus Russland und der Sowjetunion wirbt. Die meisten Russlanddeutschen in Marburg leben am Unteren und am Oberen Richtsberg - den AfD-Hochburgen. Anwohner können allerdings von außergewöhnlich massiver Wahlwerbung am Richtsberg nicht berichten.

Diese Bevölkerungsgruppe war bundesweit wegen ihrer Antiflüchtlingsdemos in die Schlagzeilen geraten. Nach dem „Fall Lisa“ in Berlin, der angeblichen Vergewaltigung eines russisch-deutschen Mädchens, waren in vielen Städten - auch in Marburg - wütende Russlanddeutsche auf die Straße gegangen.

Wahlforscher vermuten, dass diese Bevölkerungsgruppe, die sonst eher als bemüht still und unauffällig eingeschätzt wird, sich in ihrer Mehrheit von der Merkelschen Flüchtlingspolitik abgekehrt und sich zu großen Teilen der AfD zugewandt hat. In Brandenburg haben die Rechtspopulisten sogar Wahlwerbung in russischer Sprache gemacht und gezielt unter Russlanddeutschen verteilt.

von Till Conrad

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