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Ärzteschaft kein Hort des Widerstands

Geschichte der Landesärztekammer Ärzteschaft kein Hort des Widerstands

Professor Benno Hafeneger sagt„Die Ärztekammer hat sich dem NS-Staat angeboten.“ Eine groß angelegte Studie will detaillierte Ergebnisse im kommenden Jahr präsentieren – einen Zwischenbericht gibt es schon.

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Dieses Bild zeigte die neu formierte hessiche Ärztekammer im Herbst 1933 und erschien im „Weckruf zum Volksgesundheitsdienst“, Jahrgang 1, im Jahr 1933.

Quelle: Archiv

Marburg. Eine Forschergruppe am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Philipps-Universität beschäftigt sich in einem zweijährigen Projekt  mit der Geschichte der Landesärztekammer Hessen, insbesondere in der Zeit zwischen 1933 und 1945, und geht dabei der Frage nach, welche Rolle die organisierte Ärzteschaft bei der Durchsetzung der nationalsozialistischen Gesundheits- und Rassenpolitik spielte.

Das Projekt, mit dem Professor Benno Hafeneger, Markus Velke M.A. und Lucas Frings B.A. beaufragt sind, ist eine „Pionierarbeit“, wie Professor Hafeneger sagt. Auftraggeber für die Marburger Forscher ist die Landesärztekammer Hessen.

Sie ist damit die erste Kammer, die sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie mit ihrer Vergangenheit befasst.

„Ohne die Geschichte zu kennen, sind wir bei aktuellen Entscheidungen oft hilflos“, sagt Dr. med. Siegmund Drexler, der Vorsitzende des Beirats zu dem Forschungsprojekt. Die Zwischenergebnisse werden auf dem Deutschen Ärztetag, der im Mai in Frankfurt stattfindet, vorgestellt.

Hafeneger und seinen Kollegen geht es bei der Darstellung der Zeit ab 1933  vor allem um die Frage, welche Rolle die organisierte Ärzteschaft bei der Durchsetzung der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik gespielt hat.

Die Mitschuld der Mediziner an den Verbrechen des Nationalsozialismus sei vielfach nachgewiesen, sagt Hafeneger – der Gruppe ging es um die Frage, welche Rolle die Standesorganisation gespielt hat.

Da ist zunächst das schnell durchgesetzte Berufsverbot für Ärzte jüdischer Herkunft. 1933 waren etwa 15 Prozent aller Ärzte im damaligen Deutschen Reich – im Sinne der NS-Gesetze – jüdischer Abstammung. Neun von zehn mussten ihren Beruf aufgeben.

Schon im April 1933 wurde allen jüdischen und kommunistischen Ärzten in Deutschland die Kassenzulassung entzogen. Die „Hessische Ärztekammer“ bat nach der Machtübernahme den hessischen Innenminister um die Ansetzung von Neuwahlen.

Gleichschaltung erfolgte im Juni 1933

Der Vorsitzende Brüning bat im selben Brief um personelle Änderungen der Ärztekammer und bot an, einzelne Mitglieder zum „freiwilligen Rücktritt [zu] veranlassen“. So wurde der jüdische Arzt Dr. med. Alphons Fuld seines Amtes als stellvertretender Vorsitzender der „Hessischen Ärztekammer“ enthoben.

Die „Hessische Ärztekammer“ wurde endgültig im Juli 1933 gleichgeschaltet. Eine der ersten Schritte ihrer Nachfolgeorganisation war die Gründung einer „Abteilung für Erbgesundheits- und Rassenpflege“, deren Vorsitz der Rassehygieniker Dr. med. Heinrich Wilhelm Kranz aus Gießen übernahm.

Als ihr Nachrichtenorgan fungierte seit 1934 das „Hessische Ärzteblatt“, das nicht nur über Tagungen und Fortbildungen berichtete, sondern auch Artikel zur NS-Weltanschauung mit den Aspekten Rassenpolitik  oder Bevölkerungspolitik enthielt, aber auch über Entlassungen und Berufsverbote, Deportation und Ermordung von „nicht-arischen“ Ärzten berichtete. Es dient den Forschern als wichtige Recherchegrundlage.

Die Quellenlage für die Arbeit der Forschungsgruppe ist, so sagt es Hafeneger, ansonsten kompliziert. Geschlossene Bestände zum Forschungsgegenstand gibt es wenige.

Wie hoch war der Organisationsgrad der hessischen Ärzte in nationalsozialistischen Organisationen? Für Hessen liegen Karteikarten über mehr als 4600 Ärzte vor, die die Marburger statistisch auswerteten.

Die Dateikarten enthalten Daten zu Bestallung, Geschlecht, Alter, Konfession, Fachrichtung, Wohnort/Kammerbezirk und den Mitgliedschaften in NS-Organisationen. Erste Zahlen zeigen für Hessen:

  • 88,5 Prozent der hessischen Ärzte waren Männer, 11,5 Prozent waren Frauen.
  • 63,9 Prozent waren Protestanten und 30,3 Prozent Katholiken; 5,8 Prozent gaben als Konfession deutschgläubig, gottgläubig oder konfessionslos an; einige machten keine Angabe.
  • 53,2 Prozent aller Ärzte waren Mitglied in der NSDAP; nimmt man die NSDAP-Anwärter hinzu, dann liegt die Quote bei 63,6 Prozent.
  • 25,5 Prozent aller Ärzte waren Mitglied in der SA.
  • 5,3 Prozent aller Ärzte waren Mitglied in der SS (zum Vergleich: in Niederschlesien waren es 7,8 Prozent und im Rheinland 3,6 Prozent).
  • 38,1 Prozent aller Ärzte waren Mitglied im Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund (NSDÄB).

Velke, Frings und Hafeneger zeigen, dass Tagungen, Treffen, Fortbildungen, Schulungslager, Gautagungen und Ähnliches der berufspolitischen Einbindung der Ärzte dienten. Auch die berufliche Fortbildung spielte eine große Rolle, etwa bei der Durchsetzung der rassenpolitischen Gesetze (insbesondere dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933).

Die Tagungen und Vorträge wurden unter anderem von den Vorsitzenden der Ärztekammern, den Gliederungen des NSDÄB in den Gauen und Bezirken sowie den Gauämtern für Volksgesundheit organisiert; weiter von medizinischen Gesellschaften, den Ärztevereinen oder den Universitäten in Frankfurt, Gießen und Marburg.

Die Marburger Forscher nennen typische Themen, mit denen sich  die Veranstaltungen auseinandersetzten.

Beispiele:So gab es am 2. Juli 1933 eine Kundgebung des NSDÄB-Gaus Hessen-Nassau mit einem Vortrag zu „Arzt und Volk“. Referent war  Dr. med. Walter Groß, Reichsleiter des „Rassenpolitischen Amtes der NSDAP“ in Berlin.

Vorträge über Rassen und „Führerschulung“

Am 15. Juli 1933 luden der NS-Lehrerbund (Fachschaft Hochschullehrer) und der NSDÄB-Gau Hessen-Nassau zu einem Vortrag über „Rassenpflege im völkischen Staat“.  Referent war Prof. Martin Staemmler, u.a. Mitherausgeber von „Volk und Rasse“. Vom 6. bis 9. Dezember 1934 befassten sich ein „Rassenhygienischer Fortbildungskurs für Ärzte“ und die Gautagung des NSDÄB Hessen-Nassau in Bad Nauheim mit den Themen „Rassenmischung und Rassenpathologie“, „Erbbiologische Bestandsaufnahme“, „Eheberatung“, „Arzt und Sterilisationsgesetz“, „Bevölkerungs- und Rassenpolitik“.

Weitere Schulungsthemen waren unter anderen „Führerschulung und rassische Auslese“, „Nordisches Erbgut“, „Revolutionäres Arzttum“ oder „Die politische Sendung des Arztes“.

Die recherchierten Materialien, gibt sich Hafeneger überzeugt, ermöglichen es, die Ärztepolitik und organisierte Ärzteschaft im Nationalsozialismus zu analysieren. Schon jetzt wird man sagen können, dass die organisierte Ärzteschaft kein „Hort des Widerstands“ gewesen ist _ „Anpassung, Mitläufertum und aktive Unterstützung für das Naziregime“ werden die Marburger Forscher wohl detailliert nachweisen können.

von Till Conrad

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