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Ärzte ohne Gnade

Tagung zur Nazi-Gesundheitspolitik Ärzte ohne Gnade

Viele NS-Ärzte sind nach 1945 im Amt geblieben – trotz der Verbrechen, die sie begangen hatten.

Marburg. Weltweit und ungeachtet der Ethnie der Bedürftigen agiert heutzutage die internationale Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“. Mediziner, die ihren beruflichen  Heil-auftrag in Ehren halten. Dass dies im Deutschland des Nationalsozialismus ganz anders war, machten mehrere Fachvorträge auf der Eugenik-Tagung im Marburger Staatsarchiv deutlich.

Zu hören waren unter anderem Professorin Irmtraut Sahmland von der Arbeitsstelle für Geschichte der Medizin der Philipps-Universität und Professor Gerhard Aumüller, emeritierter Dozent an der Uni Marburg für Anatomie und Zellbiologie ( Fotos: Benjamin Kaiser).

Sahmlands Referat, gespickt mit Fachvokabular, befasste sich insbesondere mit Begriffsdefinition und Semantik. Dabei drehte sich alles um die Wörter „Eugenik“ und „Rassenhygiene“. Ziel der nationalsozialistischen Ärzte sei es gewesen, den „Volkskörper“ durch das „Ausmerzen von ungesunden und schwachen Menschen“ möglichst „gesund und leistungsfähig“ zu halten. Sie sprach über Methoden wie Zwangssterilisierung, welche die NS-Ärzte nutzten, um die Vererbung von Krankheiten zu verhindern. Darunter fielen auch Krankheiten, deren Vererbbarkeit nicht einmal bewiesen war.

Aumüller machte es da dem Publikum weitaus leichter, seinen Ausführungen zu folgen. Er grub tief in der nationalsozialistischen Vergangenheit der Medizinischen Fakultät der Philipps-Universität und lenkte dabei den Fokus auf den Lehrkörper, insbesondere auf Professor Wilhelm Pfannenstiel. Der Mediziner wurde 1931 an die Philipps-Universität berufen. Pfannenstiel und weitere Marburger Mediziner verordneten zwischen 1934 und 1937 die Zwangssterilisierungen von 142 Männern und 147 Frauen, die in den Marburger Universitätskliniken durchgeführt wurden.

Dabei dienten Pfannenstiels gute Kontakte zur Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschland (NSDAP) seiner Karriere als Steigbügel. In Marburg leitete er das „Hygiene-Institut“ und war nicht nur Mitglied in der Schutzstaffel (SS) sondern auch im Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund, der sich die Ausmerzung „unwerten Lebens“ durch Rassehygiene auf die Fahnen geschrieben hatte. Bereits 1950 kam er wieder auf freien Fuß und starb 1982 in Marburg.

Rund 75 Zuhörer lauschten den Vorträgen.  Manche schüttelten immer wieder den Kopf, schockiert über das, was sie da hörten. Auch um das Schicksal der NS-Ärzte nach Kriegsende ging es: „In der Medizin gab es das gleiche Problem wie in der Rechtsprechung. Man konnte nicht alle Ärzte einfach schassen. Man hatte ja eine riesige Anzahl an Kriegsverletzten zu versorgen“, erklärte Aumüller. So seien viele der NS-Ärzte nach 1945 trotz der eklatanten Verletzungen ihres ärztlichen Heilauftrags  im Amt geblieben.

von Benjamin Kaiser

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