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Ähren mager, Grünschnitt knapp

Ähren mager, Grünschnitt knapp

Die sanften Regenschauer der vergangenen Tage können es nicht retten. Die heimische Landwirtschaft hat das trockenste Frühjahr seit langem hinter sich gebracht - und deutliche Verluste zeichnen sich ab.

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Die Gerste auf dem Feld in Reimershausen ist fast reif – aufgrund der Trockenheit einige Wochen zu früh und mit voraussichtlich geringem Ertrag. Landwirtschafts-Meister Günter Kraft (von links), Kreisbauernverbands-Vorsitzende Karin Lölkes und ihr Stellvertreter Reiner Nau informierten darüber während eines Pressetermins in Reimershausen.

Quelle: Thorsten Richter

Reimershausen. „So hoch würde der Weizen jetzt normalerweise stehen“, sagt Reiner Nau, stellvertretender Vorsitzender des Kreisbauernverbands, und hält seine Hand auf Hüfthöhe. Die Ähren des Weizenfelds in Reimershausen reichen ihm gerade bis zu den Knien.

Das Gerstenfeld nebenan - es steht kurz vor der Ernte, viel zu früh im Vergleich zu anderen Jahren, und es sieht nicht viel besser aus mit kleinen mageren Ähren, die wenig Körner tragen. „Dabei wird ein schlechter Ertrag beim Getreide, von dem wir im Moment ausgehen müssen, noch das kleinere Problem sein“, erklärt Kreisbauernverbands-Vorsitzende Karin Lölkes. Landwirtschafts-Meister Günter Kraft aus Reimershausen verdeutlicht anhand einer Grünland-Fläche, worum es geht: „Hier habe ich Mitte Mai Silage gemacht - das Gras müsste jetzt schon wieder 30 Zentimeter hoch stehen und dann wäre in einer Woche der zweite Schnitt dran. Aber hier gibt es gerade gar nichts zu mähen.“ Die Wiese um ihn herum präsentiert sich dürr und mit bräunlichen Flecken übersät. Und Karin Lölkes berichtet aus ihrem Landwirtschafts-Betrieb in Simtshausen, dass mit erstem und zweitem Schnitt beim Heu so viel zusammengekommen sei wie im Vorjahr bei nur einmal Mähen. „Da können die Bauern nur hoffen, dass sie noch Futtermittelbestände vom Vorjahr haben - sonst werden sie viele Tiere abgeben müssen“, sagt sie und verweist auf die Futtermittelbörse des Bauernverbands. Die Kreisgeschäftsstelle will vermitteln, sagt Geschäftsführerin Anja Püchner. „Wer braucht Futter, wer kann welches abgeben? Innerhalb des Landkreises und auch über die Grenzgebiete hinaus kann man sich eventuell aushelfen.“

Die alte Bauernregel „Mai kühl und nass füllt dem Bauern Scheun‘ und Fass“ - in diesem Jahr bewahrheitet sie sich im Gegenteil. Schon der April und dann auch Mai und Juni waren ungewöhnlich trocken. Es seien nur 25 bis 30 Prozent der üblichen Niederschlagsmenge gefallen, hält der Deutsche Wetterdienst (DWD) fest. Im Mittelwert fielen in ganz Hessen nur 21,6 Liter pro Quadratmeter statt der üblichen 71,5 Liter. Der heimische Landkreis erlebte laut DWD den trockensten Mai sei Beginn der Wetteraufzeichnungen. „Da es schon von April an sehr trocken war, ist da jetzt auch nichts mehr nachzuholen“, sagt Landwirt Günter Kraft und berichtet von einem Berufskollegen aus der Gemeinde Steffenberg, der in den Mai- und Juniwochen bislang eine Niederschlagsmenge von lediglich sechs Litern pro Quadratmetern gemessen habe.

Landwirte wollen Heu von Greening-Flächen ernten

Gerade in benachteiligten Gebieten wie dem Hinterland mit seinen Hanglagen und ohnehin schon geringeren Erträgen ist dies fatal. „Inzwischen ist es so trocken, dass wir schon mal acht bis zehn Liter pro Quadratmeter bräuchten, damit es überhaupt einmal richtig durchweicht und die Erde wieder Feuchtigkeit aufnehmen kann“, sagt Günter Kraft und verweist darauf, dass das Regenwasser derzeit einfach nur wegläuft in die Kanalisation und gar nicht in den Boden einsickert. Was die Heuernte angeht, so hoffen die Landwirte auf politische Unterstützung in schwieriger Lage. Der Hessische Bauernverband, so berichtete Püchner, setze sich bei Landwirtschaftsministerin Priska Hinz dafür ein, dass „ausnahmsweise auf den Greening-Flächen Raufutter geerntet werden darf“.

Die EU-Agrarapolitik sieht vor, dass Ackerbaubetriebe ab einer Fläche von 15 Hektar fünf Prozent ihrer Fläche brachliegen lassen müssen - „diese Flächen, auf denen theoretisch Raufutter wächst, könnten jetzt sehr hilfreich sein“, sagt Püchner. Die Bauern werben gegenüber dem Agrarministerium für eine Ausnahmeregelung, haben aber wenig Hoffnung.

Wasser fehlt derzeit nicht nur den Pflanzen, sondern auch den Tieren. Reiner Nau berichtet, dass Wildschweine vermehrt im jungen Raps unterwegs sind und dort teils erhebliche Schäden hinterlassen. „Sie kauen die Grünpflanzen, um etwas Flüssigkeit zu bekommen - im Wald gibt es im Moment ja auch kaum mehr Wasser“, erklärt der Landwirt aus Wittelsberg.

Mit Prognosen zur Getreideernte halten die Landwirtschaftsvertreter sich im Moment lieber noch zurück. Eine üppige Ernte haben sie nicht zu erwarten, „aber vielleicht wirkt sich dies wenigstens positiv auf die Getreidepreise aus“, hofft die Kreisbauernverbands-Vorsitzende. Gegenwärtig zeichnet sich dies allerdings noch nicht ab: Der Preis für den Doppelzentner Gerste liegt bei 13 Euro, der für Weizen bei 14,50 - laut Nau beides Beträge unter dem Vorjahresniveau.

von Carina Becker

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