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Adele ist eine Betrügerin

Neue Betrugsmasche Adele ist eine Betrügerin

Emelie Landmann dachte, eine neue Mitbewohnerin gefunden zu haben. Am Ende bleibt für sie das 
ungute Gefühl, hinters Licht geführt worden zu sein und einige Zweifel: 
„Bin ich wirklich zu gutgläubig?“

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Marburg. Ihr Name ist Adele 
Chivers. Sie ist 28 Jahre alt und kommt aus London. Sie ist 
Marketingberaterin für eine Kosmetika-Firma. Am Wochenende geht Adele gerne mit ihren Freunden aus und genießt das Leben. Ihr deutsch ist mäßig – dennoch will sie etwas Neues ausprobieren. Sie will den Schritt wagen – weg aus ihrem gewohnten Umfeld. Weg aus 
ihrer Heimat.

In Marburg will Adele die Chance nutzen, ihr Wissen für die Arbeit in einer Forschungsgruppe einzusetzen. Sie braucht eine Wohnung. Ein Zimmer. Wenn es irgendwie geht, dann natürlich in der Nähe der schönen Unistadt an der Lahn.

Der erste Kontakt

Emelie Landmann  (Foto: Dennis Siepmann) st auf der Suche nach einer neuen Mitbewohnerin. Seit August steht das andere Zimmer in der 2er-WG frei. Die Annonce findet sich auf mehreren Immobilien-Portalen im Internet. Interessierte 
können sich dort ein Bild von den Räumlichkeiten in Wehrda machen. Neben den Fotos gibt es Informationen zur Quadratmeterzahl und den Kosten.

Momentan herrscht jedoch noch keine Hochsaison bei der Wohnungssuche in Marburg. Es ist vorlesungsfreie Zeit – das neue Semester startet im Oktober. Erfahrungsgemäß suchen dann vor allem Studenten eine günstige und zentral gelegene „Bude“. Die Resonanz auf das Inserat ist also erst mal überschaubar. Doch dann kommt eine Mail aus London.

Adele stellt sich vor. Sie zeigt sich interessiert und möchte auch mehr über Emelie Landmann erfahren: Was sind ihre Hobbys, wie alt ist sie eigentlich, womit verdient sie ihr Geld? Mails werden hin und her gesendet. Der erste Eindruck ist wichtig. Und der ist gut. „Ich fand das spannend. Ihre Arbeit und auch, dass sie etwa in meinem Alter ist“, sagt Emelie rückblickend.

Die ersten Komplikationen

Adele ist sich sicher: Sie möchte die Wohnung anmieten. Das hat sie mit ihrem Arbeitgeber besprochen. Dieser will ihr sogar den Flug nach Deutschland und einen Teil der Miete bezahlen. Adele fragt nach der Adresse der Vermieter. Diesem würde sodann ein Überweisung zugestellt werden. Und tatsächlich: Emelie Landmanns Vermieter findet nur wenige Tage nach der schriftlichen Ankündigung ein Couvert in seinem Briefkasten.

Darin ein Scheck. Ausgestellt über 5 800 Euro. Die 29-jährige Emelie schreibt Adele in einer weiteren Nachricht, dass der Scheck eingetroffen ist. Überhaupt findet die gesamte Kommunikation der beiden Frauen per Mail statt. Emelie fragt immer wieder nach einer Telefonnummer und den angekündigten Fotos von Adele. Eine Antwort erhält sie nicht, denn Adele ist aufgeregt.

Irgendwas ist schiefgelaufen mit dem Scheck. Statt nur die Kosten für Miete 
und Kaution zu überweisen, hat die Finanzabteilung ihrer Firma versehentlich das ganze zugesicherte Geld auf dem Scheck notiert. Einen Teil der 5 800 Euro benötigt Adele jedoch für ihr Flugticket und „Projektmaterialien“. Verzweifelt wendet sie sich an Emelie.

Die will natürlich helfen. Sie schreibt Adele, dass sie nicht in Panik geraten solle. Eine Lösung werde sich schon finden. „Ich dachte, man könnte den Scheck einfach einlösen und einen Teil der Summe wieder zurück überweisen“, sagt Emelie.

Adele hat jedoch kein international gängiges Konto. Eine Überweisung ist deshalb nicht möglich, schreibt sie. Aber sie hat einen anderen Vorschlag: „Ich sollte das Geld per MoneyGram überweisen. Bei dieser Bank kann man bar einzahlen und bekommt danach eine ID, eine Nummer, die man dann dem Empfänger nennt, damit dieser sich das Geld wiederum auszahlen lassen kann“, erklärt Emelie. Adele schickt Emelie die Adresse des nächstgelegen 
 MoneyGram-Büros in Gießen.

Zwischenzeitlich war Emelies 
 Vermieter bereits bei seiner Hausbank, um Adeles Scheck einzulösen. Dort erfährt er 
jedoch, dass ausländische Schecks einer 30-tägigen Prüfung unterliegen. Es gibt also vorerst keine Chance auf das Geld.

„Bei der Sache mit MoneyGram bin ich dann das erste Mal so richtig stutzig geworden“, sagt Emelie. Keine Frage, das Geld wird sie nicht überweisen. Damit stimmt sie mit ihrem Vermieter überein.
Adele ist verzweifelt. Weder Freunde noch Vermieter geben ihr Geld. Emelie 
muss doch nur nach Gießen fahren und das Geld einzahlen und ihr neues Leben in Marburg kann beginnen...

Ganz viel Zeit für Böses

„Ich glaube, du bist ein sehr glaubwürdiger & ehrlicher Mensch“, schreibt Adele in einer ihrer Mails. Es ist an Zynismus wohl kaum zu übertreffen, wenn der Betrüger selbst an die Ehrlichkeit seines Opfers appelliert. Ungeklärt bleibt, wer sich hinter „Adele“ verbirgt. Eine Mailadresse ist schnell angefertigt. Alles andere eine Frage der Skrupellosigkeit und kriminellen Energie. In diesem Fall ist letztere riesig. Emelie hat derweil eine neue Mitbewohnerin gefunden. Adele bleibt eine 
unliebsame Erinnerung an die eigene Gutgläubigkeit.

von Dennis Siepmann

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