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Achtsamkeit und kleine Rituale gegen die Hektik

Erholung in der Weihnachtszeit Achtsamkeit und kleine Rituale gegen die Hektik

Zwischen Pflichten und Festvorbereitungen sind der Advent und die Zeit zwischen den Jahren für viele Menschen alles andere als erholsame Tage. Wie man trotzdem Kraft tanken kann, verraten ein Psychologe und ein Naturheilkundiger.

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Leon Shankara aus Münchhausen pflegt Rauhnachts-Traditionen: Rot als Signal für die Götter, die Glück und Segen ins Haus bringen mögen. Links neben der Haustür hat der 30-Jährige mit Kreide „keltische Schutzsymbole“ an die Wand gemalt, die Negatives abwehren sollen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Weihnachtsfeier in der Firma, Adventsfest im Kindergarten, Familientreffen, die Verabredung mit Freunden, die man vor den Feiertagen unbedingt noch einmal sehen will ...

In der Advents- und Weihnachtszeit wächst vielen Menschen der Alltag über den Kopf. „Die Erwartung ist, dass wir viel Entspannung finden und viel Zeit miteinander verbringen, aber tatsächlich stressen wir uns unendlich, um alles perfekt zu machen“, schildert der Marburger Diplom-Psychologe Roland Stürmer dieses Phänomen. „Die Verabredungen werden zu Pflichtveranstaltungen, die es sonst im Jahr auch nicht gibt. Um dem zu entkommen, sollten wir die Grenzen der ­eigenen Möglichkeiten bewusst wahrnehmen“, sagt Stürmer und rät, auch mal zu verzichten. „Man kann ohne schlechtes Gewissen ablehnen und stattdessen vorschlagen, dass man die Verabredung in eine ruhigere Zeit legt, in der man einander mit mehr Wertschätzung begegnen kann“, führt Stürmer aus und ergänzt: „Es hilft, bei der Absage eine Alternative anzubieten.“

Mit dem Rauhnachts-Retreat zur Ruhe kommen

Für Ruhe- und Entspannungssuchende bietet der Münchhäuser Naturheilkundige und Yoga-Lehrer Leon Shankara zum Jahresende einen speziellen Online-Kurs, das sogenannte Rauhnachts-Retreat. Er organisiert es zum dritten Mal, diesmal mit rund 50 Teilnehmern. „Die meisten kommen aus der Region, aber es sind auch Leute aus anderen Teilen Deutschlands mit dabei.“

Die Kursteilnehmer erhalten vorab ein Paket mit Kräutern für Räucher-Rituale. Vom Heiligabend bis zum Drei-Königstag folgen tägliche E-Mails, in denen Shankara zu einfachen Aufgaben anleitet, die die Teilnehmer zur Ruhe bringen und zur „Innenschau“ anregen sollen. „Jeder setzt dies für sich um, so wie es in den Alltag passt. Die Teilnehmer sollen sich gezielt Freiräume schaffen, in denen sie sich auf sich selbst konzentrieren können und auf das, was gerade gut für sie ist“, sagt der 30-Jährige, der in Münchhausen das Zentrum für Energie- und Lichtarbeit betreibt.

Auch kurze Auszeiten vom Alltag können hilfreich sein, um ausgeglichen zu bleiben, weiß Psychologe Roland Stürmer. „Dann muss man das Smartphone vielleicht wirklich­ mal für zwei Tage abstellen. An den entschleunigten Tagen kann man dies üben und dann immer mal wieder ausprobieren, um der Nachrichtenflut zu entgehen“, rät er.

Das vermeintliche Pflichtprogramm sein lassen, vom Alltag mit seinen Anforderungen bewusst abrücken: Darum geht es auch im Rauhnachts-Retreat. Leon Shankara gibt den Teilnehmern  Anregungen für Aufenthalte in der Natur, für Meditations- und Yoga-Übungen, fürs Segnen des eigenen Heims – und fürs Räuchern. Mit kreisenden Armbewegungen schreitet er durchs Zimmer. Mit beiden Händen hält er eine feuerfeste blaue Schale, darin glimmt das soeben entzündete Räucherwerk. Pustend facht Shankara die Glut an. Dichter Rauch breitet sich aus. Beifuß, Weihrauch und Mistel geben einen intensiv würzigen Geruch ab. Im Uhrzeigersinn schreitet er den Raum ab. „So hat es schon meine Mutter mit uns gemacht als wir Kinder waren, so haben wir unser Haus zwischen den Jahren gereinigt von allem Negativen.“
Psychologe Roland Stürmer stellt fest, dass die Menschen sich für die Zeit zwischen den Jahren viel vornehmen. „Manche wollen dann daheim endlich mal alles aufräumen und reparieren. Es ist aber besser, sich dann gezielt etwas mehr Zeit zu nehmen für Ruhe und Besinnung, vielleicht, um nach langer Zeit wieder einmal zu einem Buch zu greifen“, sagt der Therapeut.

Carmen Glässer hat es ausprobiert. „Ich hatte auch erst etwas Sorge, dass es mir zu esotherisch wird, dann habe ich es aber gar nicht so wahrgenommen“, sagt die 55-jährige Zahnärztin aus Bürgeln, die schon einmal bei Leon Shankaras Rauhnachts-Retreat mit dabei war und sich erneut angemeldet hat. „Die Rauhnächte und viele Sitten, die damit einhergehen, kannte­ ich von meiner katholischen ­Erziehung her“, erzählt Carmen Glässer. Schon ihre Großeltern verzichteten zwischen den Jahren beispielsweise aufs Wäschewaschen. Denn der Volksglaube besagt, dass dann „alle Räder stillstehen sollen“.

Doch warum brauchen Menschen überhaupt einen Kurs, der sie zum Ausruhen und zur Achtsamkeit anleitet? „Ich habe mir über diese Dinge vorher gar keine Gedanken gemacht“, sagt Carmen Glässer, die in ihrem Yoga-Kurs zum ersten Mal von dem Rauhnachts-Retreat erfahren hat. „Ich bin Zweck-Pessimist und immer im Stress und in Eile. Es hieß, der Kurs würde dabei helfen, mal wieder zu sich selbst zu kommen.“ Dieser Impuls kam der Zahnärztin gerade recht, denn „ich habe oft am Ende eines Jahres gedacht, dass alles einfach so an mir vorbeigerauscht ist“. Besinnung und Ruhepausen in Eigenregie, das habe „irgendwie nicht funktioniert“, erzählt die 55-Jährige, „beim Yoga ist das auch so, ich brauche da einen festen Termin, eine Verbindlichkeit“.

Bei Carmen Glässer hat das ritualisierte Ausruhen und Besinnen während des Rauhnachts-Retreats geholfen. „Ich bin erholter ins neue Jahr gestartet, und ich war offener für Begegnungen mit anderen Menschen, konnte mich besser auf sie einstellen.“ Sie ist überzeugt, dass die festen Rituale wie Räuchern und Auszeiten in der Natur ihr zur Entspannung verholfen haben. Kein Wunder, wenn man der psychologischen Bewertung des Therapeuten Roland Stürmer folgt. „Rituale sind wichtig, sie nehmen uns Entscheidungen ab.“ Das Leben in der heutigen Gesellschaft mache in Tausenden von Situationen eine Abwägung erforderlich, sagt Stürmer. „Entscheidungen, mit denen man sich vor einigen Jahrzehnten noch gar nicht auseinandersetzen musste“, erklärt der Psychologe und nennt den Telefonanbieter als Beispiel. „Früher gab es einen einzigen, jetzt gibt es permanent E-Mails mit neuen Angeboten, die zum Preisvergleich anregen. „Bei Ritualen ist es anders, es ist vorgegeben, was passiert, alles steht schon fest. Und wir können handeln, ohne vorher abwägen zu müssen.“

Der Übergang vom alten zum neuen Jahr

Runterkommen zur Weihnachtszeit, die möglicherweise freien Tage rund um den Jahreswechsel als Ruhepause gestalten und auftanken – viele Menschen wünschen sich dies im Übergang vom alten zum neuen Jahr. „So, wie wir das alte Jahr verabschieden und das neue Jahr willkommen heißen, werden sich die zwölf neuen Monate, die vor uns liegen, dann auch gestalten“, glaubt Leon Shankara. Er empfiehlt seinen Kursteilnehmern, in der Zeit der Rauhnächte Tagebuch und Traumtagebuch zu führen, um sich mit den eigenen Wünschen, Ideen und Plänen bewusst auseinanderzusetzen und dadurch gestärkt ins neue Jahr zu starten. „Für mich sind es mit die schönsten Tage im Jahr“, sagt Psychologe Roland Stürmer. Auch er empfiehlt, die Zeit zwischen den Jahren achtsam zu gestalten. „Schon ganz kleine Momente der Ruhe helfen, und die kann man immer einrichten. Im Alltag reichen oft ein paar Mal ein oder zwei Minuten, in denen man sich beispielsweise­ auf dem Weg zur Haustür oder zum Auto auf jeden Schritt und jeden Handgriff wie in Zeitlupe konzentriert, sich selbst Aufmerksamkeit schenkt und genau wahrnimmt, was man macht, statt zu hasten und unterwegs schon nach dem Schlüssel zu kramen.“

Und dann steht 2017 vor der Tür. Die Zeit der guten Vorsätze  ist gekommen. Dabei gibt es ­etwas, das besser wirkt. Wenn Menschen Veränderung wünschen, rät Stürmer zu „einem gezielten Versprechen, das man sich selbst gibt, vielleicht auch etwas, wovon man weiß, dass es nicht leicht wird“. Kleine Schritte und eine großzügigere Zeitplanung könnten hilfreich sein, weiß der Therapeut. „Man kann Veränderungen in den ersten Wochen des neuen Jahres ausprobieren und dann schauen, wo man nachjustieren muss“, rät er zu einem geduldigen Umgang mit sich selbst.

Wie klappt das mit dem Weihnachtsfrieden?

Die Erwartungen ans Weihnachtsfest sind mitunter riesig. Friedlich und harmonisch soll es zugehen, man wünscht sich echte Begegnungen und gute Gespräche zwischen den Familienmitgliedern. „Dabei­ treffen wir ja auf Menschen,­ die wir uns, anders als in unsrem Freundeskreis, gar nicht selbst als Kontakt ausgesucht haben, mit denen wir manchmal gar nicht so viel gemeinsam haben“, erklärt Psychologe Roland Stürmer, warum­ sich das Miteinander ­gerade innerhalb der Familie ­mitunter schwierig gestaltet. „Man kann es als gute Gelegenheit nehmen, um Anderssein kennenzulernen“, rät er zu Toleranz und Respekt gegenüber den anderen, ihren Ansichten und Bedürfnissen. „Weihnachten wird ja mit Traditionen überfrachtet und der Anspruch ist oft, dass alles gemeinsam gemacht wird“, sagt der Psychologe. „Und dann werden möglicherweise Familienmitglieder dazu genötigt, mit in die Christmesse zu gehen, obwohl sie damit nichts anfangen können.“

Dabei spreche nichts ­dagegen, dass ein Teil der ­Familie gemeinsam in die Kirche geht, während die anderen in der Zwischenzeit das Essen vorbereiten oder spielen und reden – oder sich zurückziehen. „Es ist wichtig, Respekt vor den Entscheidungen der anderen zu haben und sich selbst Alternativen zu eröffnen.“

 
Hintergrund

Von Rauhnächten und Laustagen

Odin oder ­Wotan, die mit ihrer „wilden Jagd“ über den Himmel ziehen und ähnlich geisterhafte Geschichten. Bei allem, was angeblich aus germanischer oder aus keltischer Tradition über die Rauhnächte­ überliefert wurde, ist Vorsicht ­geboten, sagt der Marburger Kulturwissenschaftler Professor Siegfried Becker. Die Rauhnächte seien­ „als mystisches Ereignis eine Erfindung des 19. Jahrhunderts“, erklärt er und berichtet über die Forschungen der Brüder Grimm. „Angestoßen durch die napoleonischen Kriege gab es eine­ Rückbesinnung auf die germanische Mythologie.“ Dabei wisse man nicht genau, wie viel damals tatsächlich überliefert wurde aus Volkserzählungen und wie viel aus dem politischen Kontext heraus quasi neu dazukam, sagt Becker und spricht darüber, dass damals das Nationalbewusstsein wuchs und es wohl eine­ gewisse Sehnsucht nach so etwas wie den germanischen Wurzeln gab.

Griffiger wird‘s laut Becker beim Begriff der Laustage. Deren Traditionen schafften es bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dahinter verbirgt sich die Zeit, die auch die Rauhnächte beschreiben: meist von Weihnachten bis zum 6. Januar (Heilige Drei Könige). Dies waren für Knechte­ und Mägde die arbeitsfreien Tage im Jahr, erklärt Becker, „die Zeit, in der man sich eine neue Anstellung suchte, wenn man keinen besseren Lohn hatte aushandeln können. Oder man besuchte seine ­Familie“. Es war auch eine Zeit des Schabernacks, wie Becker verdeutlicht. So ritten die jungen Leute, die sich zumeist als ­Gesinde ihr Geld verdienten, an ihren freien Tagen vermummt durchs Dorf oder hängten Hoftörchen aus und versteckten sie. „Hinter diesem Treiben stand viel Protest gegen die Regeln, die das ­Leben der Jüngeren bestimmten – man konnte­ damals erst heiraten, wenn man selbst Besitz aufgebaut hatte, und das dauerte oft sehr lange“, ­erklärt ­Becker.

In Bayern haben Rauhnachts-Traditionen für viele Menschen einen festen Stellenwert. Auch Heiler und Esotheriker befassen sich mit dieser Zeit, der eine übersinnliche Bedeutung zugeschrieben wird. Eine Herleitung des Wortes Rauhnacht geht übrigens vom Beräuchern von Ställen und Haus mit Weihrauch aus. Den Begriff „Laustage“ führt Kulturwissenschaftler Becker auf Begriffe wie „lusen“ und „laußen“ zurück, die im oberhessischen Sprachgebrauch fürs Lauschen standen, so dass der Begriff Lausnächte­ wohl für das Belauschen der Mädchen in den Spinnstuben durch die Burschen stehe. Man könne die Laustage schriftdeutsch auch als Scherztage übersetzen, passend zu Lausbub, sagt Becker.

von Carina Becker-Werner 

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