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Abzocke-Vorwürfe gegen Vermieter

Mieten Abzocke-Vorwürfe gegen Vermieter

Machen sich Eigentümer die Sprachprobleme von ausländischen Mieternzunutze, um für Wohnungen mehr Geld zu kassieren? Das beobachten ausländische Studenten an der Universität.

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Marburg. Wut, Ärger, Enttäuschung: Kacey Shannon (25) verbindet mit ihrem Leben in Marburg einen Horrortrip. Die Australierin fühlt sich abgezockt. Von Vermietern, die ihre Kaution kassieren, das Geld aber nicht zurückzahlen. Von Maklern, die ihr komplexe Verträge voller Klauseln vorsetzen, die sie nicht versteht. Von Wohnungsverwaltern, die sie auf Deutsch anschreien - „kurz: die sich die Sprach-Barriere zwischen Einheimischen und Ausländern zunutze machen“, wie ihr Freund Jan Wypich sagt. Der Mitarbeiter am Sportinsitut der Universität hilft der Gaststudentin bei ihrem Kampf um die Rückzahlung ihres Geldes. Shannon sagt, sie habe drei Monate in einer Gammelwohnung in der Barfüßerstraße gehaust, oberhalb einer Bar. Schimmel wucherte, unzählige Sticker klebten an den Wänden - und sie hätte alles reparieren sollen. 300 Euro Miete für ein paar Quadratmeter - dass sie unter Marburgs Mietmarkt ächzen würde, ahnte sie vor dem Einzug. Dass sie ihre 900 Euro Kaution nicht wiedersehen würde, schockiert sie jedoch. „Ich wurde von Anfang an schlecht behandelt. Weil ich aus dem Ausland kam, hatten die Vermieter leichtes Spiel.“

"Jeder, der 20-seitige Vertragswerke vorgelegt bekommt, ist überfordert"

Den Zoff und Schriftverkehr, welcher der OP in Auszügen vorliegt, hatten sie und Helfer, Lehrkräfte von der Universität, mit der Marburger Mieting GmbH. Deren Geschäftsführerin Petra Masan-Bauer weist die Vorwürfe auf OP-Nachfrage zurück: „Die junge Frau traf eine Vereinbarung mit der Vormieterin, dass sie bei Bedarf renoviert“, sagt sie. Da das nicht geschehen sei, habe das Unternehmen die Kaution behalten.

Shannon bestreitet diese Version. Nie habe ihr jemand gesagt, dass sie die Wohnung renovieren müsse. Ein Schriftstück habe es daher auch nicht gegeben. Dieses Formular lässt sich auch nach Angaben von Masan-Bauer nicht mehr unter den Unterlagen finden. Im Zwist um das Geld hat Shannon mittlerweile einen Anwalt eingeschaltet.

Der Deutsche Mieterbund kennt solche Streits. „Das Problem haben aber nicht nur ausländische Studenten. Jeder, der 20-seitige Vertragswerke mit zig Klauseln vorgelegt bekommt, ist überfordert“, sagt Ulrich Ropertz, Geschäftsführer des Deutschen Mieterbunds. Nach OP-Recherchen ist Shannon in Marburg kein Einzelfall. Viele Betroffene wollen sich nicht äußern, bestätigen aber die Praxis undurchsichtiger Mietverträge und mangelnder Aufklärung. „Vermieter nutzen den Zeitdruck aus, unter dem viele stehen, um zügig eine Wohnung zu finden“, sagt Maria Iordanova (29). Sie studierte als Gast ein Jahr in der Stadt, zog in ihre russische Heimat und arbeitet nun in Frankfurt. Sie habe damals ebenfalls lange mit dem Eigentümer einer Wohnung in Ockershausen um die Kaution gerungen. „Der Eigentümer hat gehofft, dass ich das alles nicht verstehe und es einfach hinnehme.“ Diese Taktik wirft auch Shannon der Mieting GmbH vor. Diese bestreitet das. „Außerdem kann niemand erwarten, dass das Geld nach ein, zwei Wochen überwiesen wird. Bei dem Andrang, der - gerade im April und Oktober - herrscht, dauert so etwas eben länger“, sagt Masan-Bauer.

Das Image der Stadt leidet

Um solche Konflikte zu vermeiden, bietet die Uni Hilfe an: „Hier gibt es eine spezielle Ansprechperson, die stellvertretend Telefonate mit Vermietern und Maklern für die Studierenden führt“, sagt Christina Bohle, Unisprecherin. Nach ihren Angaben kommen pro Jahr etwa 200 allein über das Erasmusprogramm nach Marburg, vor allem aus Südeuropa. Viele kommen in Studentenwohnheimen unter. Das Image der Stadt leidet bei Auslandsstudenten zufolge spürbar aufgrund schlechter Erfahrungen wie Shannon und Iordanova sie gemacht haben, glaubt Jan Wypich. „Und das, obwohl wir mit Programmen wie etwa dem Transcultural European Outdoor Studies ein Vorzeigemodell, und generell viele ausländische Studenten in der Stadt haben.“

Shannon hat ihr Urteil bereits gefällt: „Ich komme nie wieder nach Marburg.“

von Björn Wisker

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