Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
„Abkürzung wird zur Partymeile“

Ortenbergsteg-Anwohner sind verärgert „Abkürzung wird zur Partymeile“

Anwohner am oberen Ortenberg kritisieren den geplanten Rad- und Fußweg zwischen dem Ortenbergsteg und der Rudolf-Bultmann-Straße als Teil des künftigen Gleisparks.

Voriger Artikel
Kristallanalyse und quantenchemische Auswertung
Nächster Artikel
Und plötzlich steht der Bruder da

Aus dem Trampelpfad oberhalb der Gleise soll ein neuer Rad- und Fußweg entstehen. Die Anwohner Sabine Röhr (von links), Günther Schwarz und Holger Ungruhe befürchten ein erhöhtes Risiko bei Gegenverkehr und Ärger mit Party-Gästen.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Vorbeirauschende Radfahrer, lärmende Schüler, Passanten und Partygäste, die direkt an oder über ihre Grundstücke laufen und eine erhöhte Unfallgefahr: Dieses Szenario befürchten Kleingärtner und Bewohner am Ortenbergsteg.
Drei Häuser sowie fünf Gartengrundstücke liegen entlang dem Weg, der eher einem Trampelpfad gleicht.

Noch endet dieser in einer Sackgasse, etwa auf halber Strecke versperrt ein Eisentor das weitere Durchkommen in Richtung Waggonhalle. Daher nutzen derzeit weder Passanten noch Radfahrer den Pfad entlang der abfallenden Bahnböschung und weichen auf die oberhalb gelegene Schützenstraße oder den unteren Radweg neben den Gleisen aus.

Anwohner erkennen keinen Nutzen

Eine dritte Alternative sei auch „völlig überflüssig“, finden drei Anwohner und kritisieren das Vorhaben als unnötige, teure Maßnahme zulasten der Steuerzahler. Die nahe Hauptstraße reiche als Verbindungsstrecke aus, „das wären höchsten 100 Meter Weg-Einsparung“, sagt Sabine Röhr.

Da in Zukunft der Ortenbergsteg mit dem unteren, gut frequentierten Fuß- und Radweg durch eine Spindeltreppe verbunden wird, sei zudem eine ausreichende Nord-Süd-Verbindung geschaffen. „Die Kosten übersteigen deutlich den Nutzen“, ärgert sich auch Anlieger Holger Ungruhe.

Dies sehen die Städteplaner anders. Ende Juli teilte die Verwaltung den Bürgern während einer weiteren Anwohnerversammlung den aktuellen Planungsstand des Areals mit. Im Zuge des geplanten Gleisparks, also der Neugestaltung der Freifläche auf dem ehemaligen Bahn
areal zwischen Waggonhalle und Alte Kasseler Straße, soll der 290 Meter lange Weg neu befestigt, asphaltiert und auf eine Breite von zweieinhalb bis drei Metern umgebaut werden.

„Ziel der neuen Wegeverbindungen ist, das Waggonhallenareal besser an den angrenzenden Stadtraum anzubinden“, teilte die Stadtverwaltung auf Nachfrage mit. Und weiter: „Die vorhandenen stadträumlichen Qualitäten in diesem Bereich – wie zum Beispiel die reizvollen Ausblicke auf die Stadt – sollen zukünftig allen Marburgern zugänglich gemacht werden und für die Erholungsnutzung zur Verfügung stehen.“

Angst vor Lärmbelästigung

Mit einer Anbindung entlang ihren Häusern befürchten die Bewohner in Zukunft jedoch Probleme mit Passanten in den Nachtstunden. „Die entstehende Abkürzung wird zur Partymeile“, prognostiziert Röhr. Drei Anwohner sowie fünf Pächter der angrenzenden Kleingartenanlage seien davon betroffen.

Neben einer möglichen Lärmbelästigung und potenzieller Vermüllung der Grundstücke sehen die Bewohner vor allem eine erhöhte Gefahrenlage auf der engen Wegstrecke. Die über 50 Jahre alte Zufahrt sei „instabil und einfach zu eng“. Nur je ein Anlieger kann sich mit einem Pkw auf dem engen Pfad bewegen, vorbeikommende Radfahrer könnten leicht übersehen werden – „die Gefahr einer Kollision wäre groß“, kritisieren die Beschwerdeführer, die sich von der Stadt überrumpelt sehen.

Die Planung wurde im Juni unter anderem mit den Anliegern „ausführlich diskutiert“, widerspricht die Stadt. Anregungen und Hinweise der Bewohner seien dabei mit in die Planungen eingeflossen. Um einer Kollisionsgefahr vorzubeugen sollen demnach „bei Bedarf Spiegel gegenüber den Grundstücksausfahrten angebracht werden. Grundsätzlich gilt jedoch die gegenseitige Rücksichtnahme gemäß Straßenverkehrsordnung.“ Für den Fall, dass Kraftfahrzeuge den künftigen Fuß- und Radweg als Abkürzung nutzen „wird die Durchfahrt durch Poller gesperrt“.

Geschätzte Kosten: 
185.000 Euro

Der Wegebau sei auch für die Anwohner von Vorteil, da im Zuge der Baumaßnahme eine Verfüllung der ehemaligen Luftschutzstollen ansteht, die teils unter den Häusern verlaufen. „Durch die Beseitigung der Hohlräume im Hang kann es hier nicht mehr zu Einbrüchen oder Absenkungen kommen“, teilt die Verwaltung mit.

Mittlerweile hat die Stadt die Wegebaumaßnahme öffentlich ausgeschrieben. Die geschätzten Kosten belaufen sich auf 185.000 Euro. Zum Ärger der Anlieger, die vor einigen Wochen noch von höchstens 130.000 Euro ausgingen.

Alternativ würden die Anwohner eher eine barrierefreie Anbindung des Ortenbergstegs an dem unteren Radweg entlang der Gleise befürworten: „Das wäre deutlich sinnvoller und kostengünstiger.“ Ein Aufzug oder eine Verlängerung der bestehenden Rampe könne dem Problem Abhilfe schaffen, ohne Eingriff in die Natur, „eine Rampe bis zum Boden wäre sinnvoller, der Platz ist vorhanden“, sagt Ungruhe.

Dem widersprechen die Städteplaner: Neben Bauaufwand und Kostengründen würde „bei einer Verlängerung der Rampe am Ortenbergsteg aufgrund der notwendigen Barrierefreiheit und den erforderlichen Hangbefestigungen ein unverhältnismäßig massives Bauwerk entstehen“, schließt die Stadt eine solche Maßnahme aus. Auch die Idee eines Aufzugs wurde wegen zu hoher Kosten und Wartungsaufwand verworfen.

Dies können die drei Anwohner nicht verstehen, der steile künftige Fußweg sei weder behindertengerecht noch wirklich notwendig. „Das ist eine Verschwendung von Steuergeldern und wir haben später den Ärger“, sagt Ungruhe.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr