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Abkassiert: Stress im Supermarkt

Kassen sind schneller als Kunden Abkassiert: Stress im Supermarkt

Der Supermarkt ist der wohl am gründlichsten erforschte Lebensraum der Spezies Mensch. Schließlich soll hier der Homo sapiens sapiens sein Geld lassen. Licht, Laufwege und Lieder sollen zum Bummeln einladen. An der Kasse ist Zeit jedoch Mangelware.

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3000 bis 3500 Produkte zieht ein guter Kassierer pro Stunde über den Scanner.

Quelle: Montage: Vera Lehmann

Marburg. Im Traum zieht sie Ware über die Kasse. Eier. Piep. Mehl. Piep. Waschpulver. Piep. Mit Karte oder Bar? Geheimzahl eingeben und mit Grün bestätigen. Kassenbon? Bitte, danke, auf Wiedersehen. Schweißgebadet wacht sie auf.„Du arbeitest zu viel“, sagt ihr Freund. Sie schweigt, dreht sich um und schläft sofort wieder ein. Sie will nachts nicht diskutieren. Ihr Körper braucht die Ruhe. Morgen wird es wieder anstrengend. Ware einsortieren, Kisten heben, Kunden bedienen. Und immer der Zeitdruck im Nacken.

Er hingegen geht nicht gern einkaufen. Zu stressig. Auf einen Einkaufswagen verzichtet er aus Prinzip. Schließlich braucht er nicht viel. Lieber entwickelt er akrobatische Stapelkünste. Brot und Aufschnitt werden balanciert, an den kleinen Finger hängt ein Netz Äpfel. Die Chipstüte klemmt er unter sein Kinn, das Six-Pack Wasser schiebt er mit dem Fuß vor sich her. Ungeduldig steht er an der Kasse. Die Einkäufe wiegen schwer auf seinem Arm. Das Warenband steht still. Ein älterer Herr mit Hut und viel Zeit hält den Betrieb auf. Sucht nach Kleingeld. Eine Minute vergeht, zwei. Dann geht es weiter. Piep, piep, piep, piep. 6,25 Euro bitte - bar oder mit Karte? Bitte, danke, Wiedersehen. So treffen sie sich: Kunde und Kassiererin. Beide unter Zeitdruck. Beide im Stress.

Moderne Kassensysteme machen ein scannen der Ware in einem Bruchteil einer Sekunde möglich. Strichcodes werden automatisch erkannt. Die Ware muss nicht mehr gezielt nach dem Strichcode durchsucht werden. Nicht die Kassierer mit ihren modernen Kassen, sondern die Kunden sind es, die mit dem aufladen, einpacken und zahlen der Ware nicht hinterher kommen

„Freundlichkeit geht zu Lasten der Schnelligkeit

„Das Tempo ist mit der Umstellung der Kassensysteme anders geworden. Die Ware wird teilweise schneller über den Scanner gezogen, als der Kunde einpacken kann“, weiß Thomas Gaudek, Lehrer an der Kaufmännischen Schule Marburg. Die Zeit, die an der Kasse gespart wird, wird in neue Arbeitsfelder investiert. „Die Arbeitsintensität hat mit einer immer größer werdenden Produktvielfalt zugenommen. Auch wenn der Kassiervorgang nun schneller geht“, beobachtet er.

Seine Schüler geben ihm recht. In einem anonymen Gespräch mit der Oberhessischen Pressen erzählen sie vom Arbeitsalltag im Einzelhandel. „Nur wenn du selbst schnell bist, wird der Kunde auch schneller“, erzählt ein Auszubildender. Seine Leistung ist messbar. 3000 bis 3500 Produkte soll er binnen einer Stunde über den Scanner ziehen. Ist er dauerhaft zu langsam, muss er sich rechtfertigen. Pro Sekunde etwa Produkt. Nicht eingerechnet die unberechenbarste Komponente: der Kunde. „Wenn dann die Leute anfange nach Kleingeld zu suchen und man schon sieht, dass es nicht reicht, dann hält das auf“, sagt er. Freundlich muss er trotzdem bleiben. Schließlich sollen die Kunden wiederkommen.Zuvorkommend und rasend schnell sollen sie sein. Manchmal schließt das eine das andere aus. Einkaufskörbe gibt es keine in dem Discounter, in dem er arbeitet.

Die Kunden sollen dazu „erzogen“ werden, sich den Einkaufswagen mitzunehmen. Passt mehr rein - geht beim Einräumen schneller. Sein Mitschüler arbeitet in einem anderen Betrieb. In einem, bei dem die Kunden an der Kasse in Ruhe ihre Produkte einpacken können. Warenausläufer machen es möglich. Ein „Scan-Soll“ pro Stunde kennt er nicht. Wohl aber die Vorgabe, die Wartezeit an der Kasse für die Kunde so kurz wie möglich zu halten. Aber wie? Ein schneller Kassierer macht nicht automatisch einen schnellen Kunden. Interessen stehen Zwängen gegenüber. „Manche Kunden sind jedes Mal überrascht, dass sie zahlen müssen. Dann suchen sie nach dem Geldbeutel, der ganz unten im Einkaufskorb liegt“, beschwert er sich. „Andere räumen erst in aller Ruhe ein. Sie könnten zwischendrin aber schon zahlen“, sagt eine andere. „Und dann fällt ihnen zum Schluss ein, dass sie noch einen Pfandbon haben“. Wertvolle Sekunden, die verstreichen.

Wie sieht sie aus, die Unternehmenspolitik an den Kassen? „Bei uns gibt es keine Leistungsmessung. Aber man muss klar sagen, dass Freundlichkeit immer zu Lasten der Schnelligkeit geht. Der Kunde sollte so kurz wie möglich anstehen. Mancher braucht aber ein bisschen länger“ erklärt Stella Kircher, Pressesprecherin der tegut-Ketten in Hessen. Alle weiteren angefragten Betriebe schweigen zu diesem Thema.

„Es gibt Leistungsdruck auf allen Ebenen“, weiß Karin Zennig, verdi-Gewerkschaftssekretärin im Bereich Handel. Sie kennt die Scan-Ziele, die Unternehmen ihren Mitarbeitern auferlegen. „Diese Vorgaben gibt es definitiv. Im Lebensmittelhandel ist das eine Maßnahme, um das Arbeitsvolumen der Mitarbeiter zu messen.“

Kassierer und Kunden - beide treffen sie im Supermarkt aufeinander. Beide haben sie ein Ziel: schnell sein. Um jeden Preis.

Umfrage:

Stress Sie das Tempo, das Kassierer an Supermarktkassen vorgeben?

von Marie Lisa Schulz

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