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Abitur in der Tasche und ab in den Wald

Jagdschein Abitur in der Tasche und ab in den Wald

Für Abiturienten sind sie ungewöhnlich alt. 64 und 62 Jahre. Sie haben Tage- und nächtelang gelernt. Jetzt haben Ursula Leußler und Wilfried Schacherl das Abitur in der Tasche – das grüne Abitur, die Ausbildung zum Jäger.

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„Sie treten das Walnussbäumchen um“, sagt Wilfried Schacherl (rechts) zu OP-Volontär Dennis Siepmann. Gemeinsam mit Ursula Leußler hat er das „Grüne Abitur“ bestanden.

Quelle: Dennis Siepmann

Marburg. Ursula Leußler ist keine Prinzessin, wie sie im Lehrbuch steht. Sie macht sich die Hände schmutzig, tauscht Absatzschuhe regelmäßig gegen Gummistiefel. Einen Prinz hat sie trotzdem an ihrer Seite. Er zeigt ihr eine Welt, die sie so bisher nicht kannte. Eine Welt, die ihr bis dahin verborgen blieb, obwohl sie sich direkt vor ihrem Auge befand. Ursula Leußler hat sich mit 64 Jahren dazu entschlossen, den Jagdschein zu machen. Ein Jahr lernen – am Schreibtisch und im Wald. Geholfen hat ihr ein „Lehrprinz“, ein erfahrener Jäger, der jedem Paten zur Seite gestellt wird. Mit ihm ist sie durch den Wald gestreift. Hat gelernt Bäume zu bestimmen, Gräser zu benennen, Tierspuren zu lesen und Hochsitze zu bauen. Die Praxis, die konnte sie sich teilweise von ihrem Lehrprinz abschauen. Die Theorie nicht. Ursula Leußler musste pauken. Nahezu täglich. Über ein Jahr hinweg. „Zwölf Monate hat sich nun alles um das Thema Jagd gedreht.

Meine Familie hat mich irgendwann daran erinnert, dass ich auch noch ein Enkelchen habe. Ich habe bei null Wissen angefangen. Ich fand alles wunderschön – aber Bäume oder Gräser bestimmen, das konnte ich nicht“, sagt die 64-Jährige. Sie, die Oma, hat eben ihren eigenen Kopf. Und wenn sie sich etwas vorgenommen hat, dann zieht sie es auch durch. Oma wird nun Jägerin. Basta. Der Hund ist schon bestellt, der Plan für die ersten Wochen schon gemacht: Ansitzen. Stundenlang. Einfach auf dem Hochsitz ausharren und die Natur beobachten. Am liebsten gemeinsam mit ihrem Mann. Ebenfalls ein Jäger. „Alles im Leben hat seine Zeit“, erklärt Ursula gelassen. Sie kann die Stunden im Wald erst jetzt so richtig genießen. Jetzt, wo sie Zeit hat. „Ich musste im Leben Prioritäten setzten. Jetzt ist die Jagd dran – und die Wäsche kann warten.“

„Alles im Leben hat seine Zeit“ - Wilfried Schacherl würde diesem Satz so gern zustimmen. Aber irgendwie ahnt der 62-Jährige: meine Zeit als Jäger hätte schon 40 Jahre früher beginnen können. Aber Zeit, die ist in seinem Leben Mangelware. Als Geschäftsführer eines Unternehmens in Gießen, Leiter vUrsula Leußler ist keine Prinzessin, wie sie im Lehrbuch steht. Sie macht sich die Hände schmutzig, tauscht Absatzschuhe regelmäßig gegen Gummistiefel. Einen Prinz hat sie trotzdem an ihrer Seite. Er zeigt ihr eine Welt, die sie so bisher nicht kannte. Eine Welt, die ihr bis dahin verborgen blieb, obwohl sie sich direkt vor ihrem Auge befand.

Mit 64 Jahren Prioritäten gesetzt

Ursula Leußler hat sich mit 64 Jahren dazu entschlossen, den Jagdschein zu machen. Ein Jahr lernen – am Schreibtisch und im Wald. Geholfen hat ihr ein „Lehrprinz“, ein erfahrener Jäger, der jedem Paten zur Seite gestellt wird. Mit ihm ist sie durch den Wald gestreift. Hat gelernt Bäume zu bestimmen, Gräser zu benennen, Tierspuren zu lesen und Hochsitze zu bauen. Die Praxis, die konnte sie sich teilweise von ihrem Lehrprinz abschauen. Die Theorie nicht. Ursula Leußler musste pauken. Nahezu täglich. Über ein Jahr hinweg. „Zwölf Monate hat sich nun alles um das Thema Jagd gedreht. Meine Familie hat mich irgendwann daran erinnert, dass ich auch noch ein Enkelchen habe.

Ich habe bei null Wissen angefangen. Ich fand alles wunderschön – aber Bäume oder Gräser bestimmen, das konnte ich nicht“, sagt die 64-Jährige. Sie, die Oma, hat eben ihren eigenen Kopf. Und wenn sie sich etwas vorgenommen hat, dann zieht sie es auch durch. Oma wird nun Jägerin. Basta. Der Hund ist schon bestellt, der Plan für die ersten Wochen schon gemacht: Ansitzen. Stundenlang. Einfach auf dem Hochsitz ausharren und die Natur beobachten. Am liebsten gemeinsam mit ihrem Mann. Ebenfalls ein Jäger. „Alles im Leben hat seine Zeit“, erklärt Ursula gelassen. Sie kann die Stunden im Wald erst jetzt so richtig genießen. Jetzt, wo sie Zeit hat. „Ich musste im Leben Prioritäten setzten. Jetzt ist die Jagd dran – und die Wäsche kann warten.“

"Meine Zeit hätte 40 Jahre früher beginnen können"

„Alles im Leben hat seine Zeit“ - Wilfried Schacherl würde diesem Satz so gern zustimmen. Aber irgendwie ahnt der 62-Jährige: meine Zeit als Jäger hätte schon 40 Jahre früher beginnen können. Aber Zeit, die ist in seinem Leben Mangelware. Als Geschäftsführer eines Unternehmens in Gießen, Leiter von gleich drei Chören, Ehemann, Vater und Opa war und ist er über Jahre hinweg eingespannt. Den Chören, so prophezeit er, wird es in den kommenden Jahren zu drastischen Einschnitten kommen. Die Kinder sind mittlerweile erwachsen. Die Jahre als Berufstätiger gezählt. Es wird mehr freie Zeit in seinem Leben geben – und die will er im Wald verbringen. „Das ist Wahnsinn, wie die Natur verzahnt ist. Ich möchte der Natur etwas zurückgeben“, sagt er. Auch ihm wurde ein Lehrprinz zur Seite gestellt. Auch er musste alles von der Pike auf lernen.

Er kennt die Vorurteile, denen sich die Jäger ausgesetzt sehen. „Reiche Geldsäcke, die wahllos auf Wild schießen“. Aber er kennt auch die Realität. „Wir sorgen mit unserer Hegepflicht dafür, dass die Tiere und Pflanzen einen Lebensraum haben.Um die Natur auch genießen zu können, muss man sie erst hegen und pflegen. Ziel ist es, Biotope zu schaffen, in denen alle Tiere und Pflanzen vorhanden sind. Niemand schießt wahllos“, erklärt der 62-Jährige.

Das Schießen eines Tieres, das steht im noch bevor. In der Ausbildung zum Jäger musste er die Waffe bedienen lernen. Aber eine Zielscheibe ist eben etwas anderes als ein Reh. „Es ist für jeden eine Überwindung“, bekennt er. Selbst dann, wenn der Schuss ein krankes Tier von seinem Leid erlösen soll.

Gnadenlose Regel: Top oder Flop bei der Schießprüfung

Bei der Prüfung kann ein Fehlschuss das Aus bedeuten. Wer hier durchfällt, der kann die Prüfung erst im September, dann aber in allen Teilen komplett wiederholen. „Beim echten Abitur, da zählen zu einem Teil auch die Leistungen aus den Vorjahren. Beim grünen Abitur ist das anders. Wenn du beim schießen an diesem einen Tag, in dieser einen Sekunde zitterst, dann ist alles vorbei“, erklärt der 62-Jährige. Bestanden haben sie beide. Sowohl theoretisch, als auch praktisch.
In der Vorprüfungszeit hat es Wilfried Schacherl vermehrt in den Wald gezogen. Hier findet er seine innere Ruhe.  Frühmorgens, wenn die Welt um ihn herum zu schlafen scheint, ist er losgezogen. Die Natur selbst schläft und schweigt nie. „Wenn man im Morgengrauen auf dem Hochsitz sitzt, dann wird einem ein Vogelkonzert geboten, das schöner ist als jeder Gottesdienst“, schwärmt er.

Ansitzen, das stundenlange schweigende Ausharren auf einem Hochsitz, hat die beiden Jungjäger gelernt demütig zu sein. „Man sitzt da vier oder fünf Stunden auf einem Hochsitz. Wenn man Glück hat sieht man etwas, wenn man Pech hat, sieht man nichts. Und trotzdem war es dann schön“, erklärt Ursula Leußler. Sie hat gelernt, Seite an Seite mit ihrem Mann auszuharren. Zu beobachten, zu genießen. Vorbei die Zeit, in der Ursula Leußler allein zu Hause saß und darauf wartete, dass ihr Mann aus dem Wald zurückkehrt. Vorbei die Zeit, in der sie zwar Verständnis für das Hobby ihres Partners hatte, nie aber seine Leidenschaft und Faszination verstand. Das letzte Jahr, das Wissen, was sie gesammelt, die Achtung, die sie gelernt haben, fasst Wilfried Schacherl in nur einem Satz zusammen: „Ich  sehe plötzlich alles mit anderen Augen und bin voller Ehrfurcht vor der Natur.“

von Marie Lisa Schulz

Hintergrund

  • Die Ausbildung umfasst die Sachgebiete Jagdbiologie, Jagdbetrieb, Waffen, Recht.
  • Interessierte können sich am Donnerstag, 5. Juni, über den Jagdschein und seine Anforderungen informieren. Die Jägervereinigung Marburg bietet ab September einen neuen Kurs an. Informationen unter kontakt@jv-marburg.de oder unter der Adresse www.jv-marburg.de.
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