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Abgeschieden - aber nicht abgeschrieben

OP-Serie: Nebenan Abgeschieden - aber nicht abgeschrieben

Ihre nächsten Nachbarn wohnen über zwei Kilometer entfernt. Wer glaubt, das Leben von Familie Wagner wäre einsam, der hat weit gefehlt. Sie schätzen die Abgeschiedenheit und Gäste sind stets willkommen.

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Quelle: Montage: Pavlenko

Marburg. Klaus schweigt. Und das schon seit Minuten. Stattdessen steht auf dem Display: „GPS-Signal verloren“. Klaus ist die männliche Stimme des Navigationsgeräts. Fast fragend, schiebt Klaus nach mehreren Minuten Stille hinterher: Ziel erreicht? Ziel erreicht? Wo denn, lieber Navi-Klaus. Weißt doch sonst immer alles besser? Wo bitte ist die Kahlsmühle, in der Familie Wagner lebt. Ganz allein, ohne einen Nachbarn weit und breit.

Improvisation ist das halbe Leben

„Haben sie den Weg zu uns gut gefunden?“ Wird Ingrid Wagner wenige Minuten später mit einem wissenden Lächeln fragen, während sie duftenden Kaffee serviert. Irgendwo zwischen Erksdorf und Hatzbach liegt die Kahlsmühle. Einsam, ja. Aber nicht verlassen. Ingrid und Heinrich Wagner leben im Haupthaus. Sohn Marcel im Nebenhaus. Nur wenige Wochen im Jahr sind sie allein. Meist beherbergen sie bis zu 30 Gäste auf dem Hof. Meist Menschen aus der Großstadt. Solche, die einmal das Leben auf dem Bauernhof kennenlernen, den Kuhmist riechen, ein Schwein streicheln, ein Pferd satteln wollen. „Ich brauche das Leben um mich rum. Sonst würde ich komplett vereinsamen“, erklärt Ingrid Wagner. „Die Leute um uns herum vergessen uns manchmal.“ Sie gehören eben nicht so recht zum Dorfleben dazu, die Wagners. Sie werden immer die von „drüben“, die vom Hof, bleiben. Die, die für jedes Päckchen Butter ins Dorf fahren müssen. Die, die im Winter vom Streudienst vergessen werden.

Und irgendwie genießt Ingrid Wagner dieses Einsiedlerleben. „Ich vermisse das Dorfleben nicht. Man wird schon selbstständig hier.“ Nachbarschaftstreits? Kennt sie nicht. Beschwerden wegen zu lauter Musik? Unwahrscheinlich. Ein Vorteil, den besonders die drei Kinder im Laufe ihres Lebens zu schätzen gelernt haben. „Unsere Kinder waren hier schon glücklich“, erinnert sich Ingrid Wagner. „Die hatten hier Freiheiten, die andere Kinder sicher nicht hatten.“ Trotzdem ist die 56-Jährige froh, dass der Nachwuchs mittlerweile selbstständig ist. Die Fahrten zum Musikunterricht, zum Sport, zu Freunden - alles musste koordiniert, alles allein gestemmt werden. „Wenn mich heute die Gäste bedauern, weil ich so viel zu tun habe, denke ich an die Zeit zurück,als die Kinder noch klein waren. Damals war es viel kraftzehrender.“

Ohne Auto wären die Wagners aufgeschmissen. Ohne eine gute Planung sowieso. Die Vorratskammer ist immer gut gefüllt, jedes Essen gut durchplant. „Wenn man nicht organisiert ist, lernt man auch zu improvisieren“, erklärt die 56-Jährige. Das Leben in der Einsamkeit - für die dreifache Mutter eine Umstellung. Aufgewachsen im Nachbardorf musste sie sich erst einmal umstellen. „Wenn abends weit und breit kein Licht zu sehen ist - das finde ich schon ein bisschen komisch. Und wenn mal was passiert, dann wünsche ich mir, dass schnell Hilfe da ist.“

Aber bisher ist noch nie etwas passiert. Zumindest nichts schlimmeres. Als der Sturm Kyrill über den Hof hinweg fegte, rückten die Wagners mit ihren verbleibenden Gästen ein Stückchen enger zusammen. Als draußen der Wind an den Rollläden riss und der Strom ausfiel, kochten sie kurzerhand ein Festmahl über dem offenen Feuer. Und als der Sturm nur noch ein laues Lüftchen war und die ersten Autofahrer klopften, ließen sie auch die hinein. „Einer wollte eine Motorsäge haben, damit er sein Auto wieder freischneiden kann. Ringsherum krachte alles weg - wir haben aber bei Kerzenschein zusammengesessen. Wenn hier in das Tal einmal das Wetter reinkommt, ist alles verloren“, weiß Ingrid Wagner.

Hinter der Idylle steckt knochenharte Arbeit

Ihr Mann kann mit so viel Gerede über die Einsamkeit auf seinem Elternhof wenig anfangen. Er kennt es nicht anders. „Ich habe bei meiner Einschulung zum ersten Mal meine Klassenkameraden kennengelernt.“ Spielen mit Gleichaltrigen? Damals undenkbar. Die Fahrt mit dem Fahrrad ins Dorf war für den kleinen Heinrich eine große Reise. Er hat sie absolviert. Hunderte, ach was, tausende Male. Bergauf. Bergab. Bei Wind und Wetter. „Damals waren das noch andere Winter als jetzt“, erinnert sich Heinrich Wagner.

Er kämpfte sich durch Schnee und Regen, brauchte teilweise Stunden, um an seinem Zielort anzukommen. Heute lässt er das Fahrrad stehen, nimmt das Auto. Die Arbeit auf dem Hof kostet ihn genug Kraft und Zeit. Schließlich bauen die Wagners nicht nur ihr Getreide und ihre Kartoffeln selbst an. Sie haben auch einen kompletten Kleintierzoo zu versorgen. Vom Reitpony bis zum Minischwein, von der Ziege bis zum Esel. Eben alles, was die Großstadtkinder auf einem Bauernhof erwarten. Hofhund und eine Horde wild gemusterter Katzen dürfen nicht fehlen. Perfekte Bauernhofidylle eben.

Eine Idylle, die manchmal trügt. Denn der Hof im Grünen, in der weite der Natur, bedeutet knochenharte Arbeit. Hier muss sich jeder auf jeden verlassen können. Und trotzdem: für Ingrid Wagner und ihre Familie ist es der schönste Ort der Welt. „Ich will hier nie wieder weg.“

von Marie Lisa Schulz

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