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92-Jährige stürzt – Hilfe bleibt aus

Unfassbar 92-Jährige stürzt – Hilfe bleibt aus

Sie stürzte schwer, das ganze Gesicht blutete, sie hatte Schmerzen und hoffte auf die Hilfe des Busfahrers – doch darauf, dass von der Leitstelle ein Notruf abgesetzt wurde, wartete eine 92-jährige Marburgerin vergeblich.

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Ein Spazierstock als Stütze, eine ramponierte Straße als Hindernis: Die 92-jährige Elisabeth Oehlschläger stürzte auf der unebenen Marburger Straße vor einer Bushaltestelle.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. „Das ist doch ein unmenschliches Verhalten“, sagt Elisabeth Oehlschläger. Die zierliche Frau erinnert sich mit Schrecken an das Datum 27. Oktober, 10.30 Uhr. Damals sei sie den Fußgängerweg an der Marburger Straße entlang-
spaziert, habe eine Bekannte gesehen und kurz gegrüßt. Dann läuft sie hinüber zur Bushaltestelle Schubertstraße, bleibt in einer Unebenheit der ramponierten Straße hängen, stolpert, fällt zu Boden, schlägt mit dem Kopf auf den Asphalt – nur wenige Meter vor einen herannahenden Bus an der Haltestelle.

„Alles war voller Blut, das Gesicht völlig aufgerissen“, erinnert sich die 92-Jährige. Sie litt unter starken Schmerzen, musste ins Krankenhaus eingeliefert, dort mit mehreren Stichen genäht werden. Ganz verheilt sind die Wunden noch nicht, eine Narbe zwischen den Augen bleibt zurück, Schürfwunden und der Schock. „Jetzt sehe ich zwar nicht mehr so zum Fürchten aus, bin aber umso ärgerlicher“, sagt sie.

„Es hätte so viel passieren können“

Wieso? Unmittelbar nach dem Unfall reagierte ein heranfahrender Stadtwerke-Busfahrer sofort, alarmierte, so übereinstimmende Aussagen von Oehlschläger und anderen Beobachtern, per Funk die Leitstelle der Stadtwerke mit der Bitte, umgehend einen Krankenwagen anzufordern. Dann fuhr der Bus weiter.

Die Minuten, so erinnert sich Oehlschlägers Freundin und Zeugin Birgit Schmidt, vergingen. „Es tat sich nichts, offenbar hat in der Leitstelle niemand den Notruf alarmiert.“ Bei dem Sturz „hätte so viel mehr passieren können, es wusste ja niemand, ob sie innere Blutungen oder Knochenbrüche hat. Für mich ist das unterlassene Hilfeleistung“, sagt Augenzeugin Schmidt.

Die Stadtwerke bestätigen den Vorfall auf OP-Nachfrage: „Unsere Mitarbeiter in der Verkehrsleitzentrale gingen davon aus, dass ein Notruf per Handy abgesetzt wird“, sagt eine Stadtwerkesprecherin. Bei Unfällen habe es sich bewährt, dass jemand vom Ort des Geschehens direkt beim Rettungsdienst anrufe, da es so einen direkten Kontakt zum Opfer gebe, Zeugen Details schildern könnten.

Notruf ist kein Kann sondern ein Muss!

Ein Handy hatte aber weder die 92-Jährige noch ihre Freundin aus dem nahegelegenen Seniorenwohnheim parat. „Deshalb haben wir ja inständig darum gebeten, dass Hilfe geholt wird“, sagt Schmidt. „Dem Busfahrer, der auch kein Handy dabeihatte, mache ich keinen Vorwurf, der hat sich wirklich bemüht. Aber was die Leute in der Leitstelle angeht, sehe ich das anders“, sagt Oehlschläger.

Kritik kommt auch vom Deutschen Roten Kreuz Hessen: „Es darf nicht nur jeder einen Notruf absetzen, sondern muss dies bei Vorliegen eines Notfalles tun“, sagt Günter Ohlig. Andernfalls sei es „eine Art der unterlassenen Hilfeleistung“, strafbar nach Paragraf 323c Strafgesetzbuch. Für die Rettungskräfte sei es egal, wer sie alarmiere – keinesfalls müsste das vom Unfallopfer oder direkten Augenzeugen ausgehen. Die Stadtwerke teilen indes mit, dass das Unternehmen „den Vorfall sehr bedauert“ und dieser „vollständig aufgearbeitet“ werde.

Beim Sturz hatte die Cappelerin doppeltes Glück: Die Verletzungen entpuppten sich als weniger schlimm – und dass nach dem Versäumnis in der Leitstelle, nach fast einer halben Stunde, doch noch Sanitäter kamen, verdankt sie einer zufällig vorbeikommenden Krankenschwester, die einen Rettungswagen anforderte

von Björn Wisker

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