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6 Millionen Euro für einmaliges Zentrum

Synmikro 6 Millionen Euro für einmaliges Zentrum

Das Marburger „Loewe“-Zentrum der Synthetischen Mikrobiologie wird für weitere drei Jahre bis 2018 mit 6, 1 Millionen Euro gefördert. Die Verantwortlichen sehen das als Bestätigung der ­erfolgreichen Arbeit.

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Im August gab unter anderem Dr. Kurt Drescher (hinten), Leiter der Max-Planck-Forschungsgruppe „Bacterial Biofilms“ Hessens ­Ministerpräsident Volker Bouffier Einblicke in die Forschungsprojekte des „Synmikro“-Zentrums.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Bei „Synmikro“ arbeitet die Philipps-Universität eng mit dem Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie zusammen. Das 2010 gegründete „Loewe“-Zentrum widmet sich der Frage, wie mikrobielle Zellen mit maßgeschneiderten Eigenschaften gezielt hergestellt werden können.

„Die Bewilligung des zweiten Fortsetzungsantrags bestätigt die erfolgreiche Arbeit der beteiligten Wissenschaftler“, sagt Professor Bruno Eckhardt, Geschäftsführender Direktor des Zentrums. Besonders hebt er das Engagement der bei „Synmikro“ etablierten Nachwuchsgruppen hervor, deren Arbeitsmöglichkeiten für weitere Jahre gesichert seien. Hinzu komme, dass die Fortführung des „Loewe“-Zentrums die Basis für die Verlängerung eines Sonderforschungsbereichs in der Mikrobiologie sei.

„Innerhalb weniger Jahre hat sich Synmikro zu einem international bedeutenden Zentrum für synthetisch-mikrobiologische Forschung entwickelt“, sagt Uni-Vizepräsident Professor Ulrich Koert, „Es soll auch über das Jahr 2018 hinaus als Forschungszentrum an unserer Universität weitergeführt werden.“

Die Wissenschaftler des Zentrums für Synthetische Mikrobiologie hatten bisher noch keine Zeit zum Feiern. Die Nachricht von der verlängerten „Loewe“-Finanzierung hat aber für große Freude bei den „Synmikro“-Forschern gesorgt, sagte auf OP-Anfrage Professor Victor Sourjik, bei „Synmikro“ verantwortlich für das Fachgebiet „Zelluläre Signalverarbeitung und Regulation“. Die Begutachtung sei im August gewesen. „Das war kein Selbstläufer“, erläutert Sourjik.

Die letzten drei Jahre der Anschubfinanzierung aus dem Landesförderprogramm sind jetzt gesichert und fließen vorwiegend in die Finanzierung des Personals, sind aber auch Sachmittel. Die Forscher können sich jetzt wieder verstärkt ihrem Forschungsgebiet widmen: Die Synthetische Mikrobiologie ist eine sehr junge Forschungsrichtung, die es weltweit erst seit knapp 15 Jahren gibt. Anstelle der klassischen Herangehensweise gehe es in dem Marburger Forschungszentrum darum, beim gezielten Design synthetischer Zellen mit maßgeschneiderten Eigenschaften aus standardisierten Bauteilen eine neue Ebene der Biotechnologie zu erreichen.

Biosensoren entwickeln„Transport-Bakterien“

„Wir wollen gezielter und etwas komplexer bauen“, erläutert Sourjik. Beispielsweise werde genauer geschaut, wie stark das Zellwachstum durch von den Wissenschaftlern herbeigeführte Veränderungen beeinträchtigt werde, wie die Zellen auf Stressfaktoren reagieren oder wie sich die Anzahl der Proteine in der Zelle verändere.

In Sourjiks Fachgebiet steht die Entwicklung von Biosensoren als wichtiger Schwerpunkt im Mittelpunkt: natürlich vorhandene Mikroorganismen sollen so umgebaut werden, dass sie Umwelt-Schadstoffe wahrnehmen und abbauen können. Solche Biosensoren können aber auch die Entwicklung von „Transport-Bakterien“ benutzt werden, welche Mikro-Partikel mit nützlichen Eigenschaften ans Ziel bringen können, beispielsweise zum Tumorgewebe im Darm. Ein weiteres wichtiges Forschungsgebiet bei „Synmikro“ zielt darauf ab, Mikroorganismen und ihre Gemeinschaften so umzuprogrammieren, dass sie die Nutzstoffe viel effizienter produzieren.

In der Synthetischen Mikrobiologie gehe es zunächst um die Grundlagenforschung und das bessere Verständnis der Eigenschaften von Mikroorganismen - in Marburg stehen dabei vorwiegend unterschiedliche Bakterien im Fokus. Noch stehe man dabei aber am Anfang, erläuterte Sourjik. „Die meisten Anwendungen, die in der Bioindustrie umgesetzt werden, sind sehr einfache Systeme, bei denen in den Mikroorganismen nur ein Protein oder einige wenige Proteine ausgetauscht worden ist“, erklärt der Wissenschaftler. Wenn aber mehr als eine Handvoll Teile in einer Zelle verändert würden, dann stünden die Forscher größtenteils noch vor großen Schwierigkeiten.

Noch sei man auch nicht so weit, eine neue Zelle von Anfang an zu konstruieren. Sourjik hält es aber prinzipiell nur für eine Frage der Zeit, bis es in der Synthetischen Mikrobiologie sogar zum Bau einer völlig neuen künstlichen, selbstwachsenden und sich reproduzierbaren Zelle komme. Sourjik berichtet von einem positiven Selbstverständnis der Synthetischen Mikrobiologen an dem in Marburg vor einigen Jahren neu aufgebauten Zentrum. „Wir sind zusammengewachsen. Wir arbeiten alle in verwandten Fachgebieten und können darüber gut miteinander reden.“ So habe er das Gefühl, dass in Marburg mit diesem Zentrum etwas Neues entstanden sei, was in Deutschland und wohl auch weltweit einmalig sei.

von Manfred Hitzeroth

  • Hintergrund:
  • Im 2010 gegründeten „Synmikro-Zentrum“ arbeiten Biologen, Biochemiker, Physiker, Mathematiker, Bioinformatiker und Bioethiker zusammen. Diese interdisziplinäre Forschungskooperation bietet neue Möglichkeiten, das Verständnis der molekularen Grundlagen von Mikroorganismen zu erweitern und neue Einsatzgebiete zu erschließen. Die Marburger Forscher streben das gezielte Design synthetischer Zellen an. Diese Zellen könnten dann genutzt werden, um beispielsweise neue Medikamente, Chemikalien, Biokraftstoffe und Nahrungsmittelzusätze effizient, kostengünstig und umweltverträglich zu produzieren.
  • Ein Teil der Forscher arbeitet bereits im sogenannten Modulbau auf den Lahnbergen zusammen.
  • Sichtbares Zeichen des Zentrums soll aber in wenigen Jahren der 2014 vom Wissenschaftsrat zur Förderung empfohlene Forschungsneubau für „Synmikro“ auf dem Campus Lahnberge sein, der in Sichtweite des kleineren Modulbaus bis Sommer 2019 fertiggestellt werden soll. „Damit erhält das „Loewe“-Zentrum für Synthetische Mikrobiologie das lang ersehnte Gebäude, in dem die bislang auf verschiedene Standorte verteilten Wissenschaftler unter einem Dach in hochmodernen Laboren gemeinsam forschen und experimentieren können“, freut sich Professor Bruno Eckhardt, Geschäftsführender Direktor von „Synmikro“.
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