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50 Richtsbergern stinkt es gewaltig

Moder, Gestank, Verfall 50 Richtsbergern stinkt es gewaltig

Marode Wohnungen, verdreckte Fassade, gefährliche Fahrstühle: In einem offenen Brief klagen 50 Richtsberger über den Zustand von Häusern in der Sudetenstraße und untätige Hausverwalter – doch diese wehren sich.

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Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Hans-Markus Haizmann (28) ist es leid, in einer Bruchbude zu wohnen. In 
 seine Wohnung ströme Fäkal-
geruch, weil ein Schacht undicht sei. Wann immer die Nachbarn die Toilettenspülung betätigen, ziehe ein beißender Gestank durch die Wohnung. „Wenn das Fenster im Bad nicht offen ist, hält man es hier drin kaum aus“, sagt er. Rund um die Badewanne blättern die Fliesen ab, Löcher schauen hinter Rohren hervor. Klopft man an die Wand, ertönt ein dumpfes, hohles Geräusch. „Mit dem Zustand der Wohnungen, dem ganzen Haus geht‘s immer weiter bergab“, sagt seine Ehefrau Nicole.

Und die Familie stellt nur zwei von 50 Unterzeichnern eines offenen Protestbriefs gegen den Wohnungsverwalter, welcher der OP vorliegt. In dem Häuserblock Sudetenstraße 2 bis 6 herrscht Frust. Die Mieter fürchten den Verfall ihres Zuhauses – und wittern Untätigkeit des Wohnungsverwalters Amadeus, einem Unternehmen aus Limburg. „Seit die im August 2011 übernahmen, gibt es einen rasanten Niedergang wie nie zuvor“, sagt Burkard Harmel. Der 65-Jährige wohnt seit zwei Jahrzehnten im Haus. Gemeinsam mit anderen Anwohnern zählt er die Mängel auf: Die Stufen und das Geländer im Treppenhaus kleben vor Dreck. Die Farbe an den Fensterrahmen bröckelt, das nur noch blasse Gelb der Fassade ist von schwarzen Schlieren übersät. Rostige Eisenstangen schauen hinter dem Putz am Eingangsbereich hervor. Der Parkplatz, der direkte Weg zu den Häusereingängen, ist zerfurcht von Schlaglöchern. „Eine Buckelpiste, die immer wieder vor allem für ältere Mieter, viele mit Rollatoren, zu einer Gefahr wird“, sagt Daniel Wegner (25), der vor einem Jahr einzog. Mit Kies seien die Krater einst auf den Stellflächen notdürftig zugeschüttet worden, beim ersten starken Regen habe es das Flickwerk weggespült. Die Mängelliste ist laut der Mieter noch länger: Im Dachgeschoss funktioniere keine Lampe – eigenständig montierten sie die wenigen intakten Birnen aus dem Flur in die Kellerräume. Viele Klingeln seien defekt, Strom falle häufig aus, ebenso der Fahrstuhl, die Außenanlagen seien ungepflegt. „Und Amadeus vermittelt uns: Ihr Mieter seid an allem Schuld“, sagt Harmel.

Hausverwalter Amadeus verspricht Investitionen

Das Limburger Unternehmen gesteht Fehler ein: Der Fahrstuhl sei – meist allerdings aufgrund von mutwilliger Zerstörtung und aufwändigen Reparaturen – häufig kaputt gewesen. Sechs von 72 Heizungsanlagen waren zuletzt bemängelt worden und auch der Parkplatz sei in keinem guten Zustand. „Von gravierenden Mängeln in den Wohnungen wussten wir aber bisher nichts. Die uns Bekannten wurden beseitigt“, sagt ein Unternehmenssprecher. Amadeus verspricht nun eine Investitions-Offensive: In der kommenden Woche sollen Bauarbeiten am Dach beginnen. Kosten: 80 000 Euro. Insgesamt habe man binnen 18 Monaten 120 000 Euro in die Häuser investiert. „Parkplatz, Fassade und Wärmedämmung, Anstrich: Das 
alles steht an, dann gehen die Summen in die Millionen“, sagt er. Außerdem wolle man sich Anfang kommender Woche mit allen Mietern zum Gespräch treffen. „Uns geht es um einen Werterhalt, besser: eine Wertsteigerung der Immobilie“, sagt der Sprecher. Allerdings könne man nur in beschränktem 
Maße Geld für das 1972 gebaute Objekt ausgeben, zumal viele sozial Schwache in den Häusern wohnen, Mieterhöhungen 
wolle man vermeiden so lange das möglich sei.

Anwalt wegen Querelen mit Mieter eingeschaltet

Irritiert ist man bei Amadeus über die Wucht des Protests. „Zehn Stunden pro Tag sind wir telefonisch für alle erreichbar, auch ein Hausmeister ist vor Ort. Aber es melden sich wenige bei uns, drei von 50 vielleicht.“ Die Vermutung: Einige wenige Mieter stacheln Nachbarn an. Mit einem Wortführer gebe es zudem juristische Auseinandersetzungen, er terrorisiere Amadeus-Angestellte und deren Familien mit Telefonanrufen. „Wer so unzufrieden ist, sollte ausziehen.“ Ohnehin sei niemandem eine marode Wohnung angedreht worden, mancher Defekt sei per Übernahmeprotokoll und Nachmietervereinbarung freiwillig von den neu Einziehenden übernommen, von Amadeus dann sogar ausgebessert worden.
Mieterin Ursel Fries (31) wünscht sich nach dem zermürbenden Zoff baldige Ruhe: „Wir wohnen gerne hier, aber der Zustand wird unerträglich.“

von Björn Wisker

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