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50-Jähriger radelt mehr als 12000 Kilometer im Jahr

Leidenschaft Mountainbiken 50-Jähriger radelt mehr als 12000 Kilometer im Jahr

Die Füße hochlegen, ausspannen und einfach mal gar nichts tun: für viele die Beschreibung eines idealen Urlaubs, für das Ehepaar Gnendiger eine echte Albtraumvorstellung.

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Martin und Anne Gnendiger im heimischen Garten in Cappel.

Quelle: Dennis Siepmann

Cappel. Wenn die Ziellinie in Sicht ist, überkommt Anne Gnendiger ein Glücksgefühl. Die letzten Meter am Berg werden dann plötzlich wieder leichter. All die Mühen und der Kampf mit dem eigenen Körper zahlen sich nun endlich aus. Noch ein paar Tritte in die Pedale, und dann ist es geschafft. Im Ziel warten zumeist lächelnde Gesichter auf die 48-Jährige, denn oft ist die ganze Familie bei den Mountainbike-Rennen mit dabei.

Glückwünsche gibt es dann von den drei Kindern Lasse (15), Carla (22) und Lisa (25) sowie von Ehemann Martin, der meist noch das Trikot mit seiner Startnummer am Körper trägt. Der 50-Jährige ist seit mehr als 30 Jahren absolut radsportverrückt und hat auch seine Frau für das Mountainbiken begeistern können. Es gibt praktisch keinen Tag, an dem das Ehepaar nicht mindestens zwei Stunden auf dem Fahrrad sitzt.

Wer die „Hohe Leuchte“ in Marburg kennt, kommt in der Regel nicht auf die Idee, diese Steigung mit dem Fahrrad zu bewältigen - Martin Gnendiger tut dies täglich. Der Berg liegt auf seinem Weg zum Arbeitsplatz bei den Behringwerken in Görzhausen. Ein Arbeitskollege des Laborwerkers hat ihn vor kurzem gefragt, wie viele Kilometer er dieses Jahr eigentlich schon zurück­gelegt habe. Martin Gnendiger weiß es genau, denn er führt penibel Buch über Trainingslänge und -inhalte. Seine Antwort kommt deshalb wie aus der Pistole geschossen: „Es sind etwas mehr als 12000 Kilometer“.

Lassen die äußeren Bedingungen es einmal nicht zu, dass die Gnendigers in den heimischen Wäldern über Stock und Stein unterwegs sind, dann geht es auf die Hometrainer. Eine gute Gelegenheit für das Paar, über wichtige Dinge zu sprechen oder die Alltagssorgen wegzustrampeln. „Ich brauche täglich die Bewegung“, sagt Anne Gnendiger und gibt zu, dass sie nervös wird, wenn sie mal nicht auf dem Fahrrad sitzen kann. Dass sie ein besonderes Talent für den Sport hat, bemerkte auch ihr Mann ziemlich schnell.

Stürze gehören dazu

Nachdem sie eine Zeit lang mit ihm gefahren war, kam im Jahr 2008 der einschneidende Moment. „Du bist bereit“, sagte Martin Gnendiger zu seiner Frau. „Bis dahin waren Rennen nie ein Thema“, sagt Anne Gnendiger. Am Vogelsberg in Schotten spürt sie dann zum ersten Mal die Aufregung vor einem Wettkampf, das Adrenalin beim Start, den Pulsschlag am Hals und die schmerzenden Beine im Kampf gegen die Uhr und mit sich selbst. Die Belohnung für die Strapazen: Platz vier - gleich im ersten Rennen. Seither sind die Gnendigers an fast jedem Wochenende in den Sommermonaten auf staubigen oder schlammgetränkten Strecken unterwegs. „Klar - man muss sich auch quälen können“, sagt Martin Gnendiger. Aufgeschürfte Beine, Prellungen und Blutergüsse sind der Preis für manche tollkühne Abfahrt.

Stürze bleiben nicht aus - dennoch bleibt am Ende das Hochgefühl, wieder an die eigene Grenze gegangen zu sein, sagen die beiden, die bei den Rennen in ihren Altersklassen zumeist unter den Top drei landen. Zudem gehe es um das Gemeinschaftsgefühl unter den Wettkampfteilnehmern, sagt Anne Gnendiger. „Jeder fährt zwar für sich allein, aber trotzdem fühlt man sich wie in einem großen Team.“ Freundschaften zu anderen Mountainbikern haben sich so über Jahre entwickelt. „Es ist eigentlich eine große Radsportfamilie“, sagt Martin Gnendiger.

Ein echter Höhepunkt für die beiden Cappler war in diesem Juli die Teilnahme am Dolomity-Superbike-Rennen in Südtirol: 60 Kilometer Distanz, 1700 Höhenmeter und 4000 Teilnehmer in den verschiedenen Altersklassen.

Auch die Alpen hat das Ehepaar schon mit dem Fahrrad überquert. 450 Kilometer mit dem Rucksack in fünf Tagen vom österreichischen Innsbruck an den Gardasee nach Italien. In solchen Momenten geht es dann auch nicht um Platzierungen oder Zeiten. Dann zählt nur der Augenblick weit ab von befestigten Straßen und Stadtlärm. Letzteren versucht das Ehepaar auch in der heimischen Umgebung auszublenden. Und auch die Kinder der Gnendigers wissen, wenn nach dem fünften Klingelsignal niemand den Hörer abgenommen hat, sind die Eltern mal wieder unterwegs - über Stock und Stein.

von Dennis Siepmann

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