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300 Jahre alte Kastanie wird gefällt

Naturdenkmal 300 Jahre alte Kastanie wird gefällt

An der Fällung der markanten Rosskastanie in der Kastanienstraße nehmen die Schröcker regen Anteil. Über eines herrschte traurige Einigkeit bei allen, die zum Vor-Ort-Termin am Bildstock (Wegekreuz) in der Schröcker Kastanienstraße gekommen waren: Die Namensgeberin der Straße, eine über 300 Jahre alte Rosskastanie, ist zu krank, um sinnvoll länger erhalten zu werden.

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Die Kastanie im Zyklus der vier Jahreszeiten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Vor allem aus Sicherheitsgründen muss sie gefällt werden, informierte Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) am Mittwoch. Viele trauern um den Baum. Es ist immerhin einer der letzten Bäume dieses Alters im Marburger Stadtgebiet, berichtete Dieter Happel, der Baumsachverständige der Stadt. In den 70er Jahren erhielt er deshalb sogar eine Naturdenkmal-Plakette, auch wenn die Aufnahme in die Liste der Hessischen Naturdenkmäler dann doch nie offiziell erfolgte, so Happel.

Das „Kerschbehmche“ nennen die Schröcker den etwa 30 Meter hohen Baumriesen liebevoll. Nach einer Recherche von Diplombiologe und Ortsbeiratsmitglied Christian Geske bedeutet das aber nicht wie manchmal angenommen „Kirschbäumchen“, sondern der Baum hat seinen Spitznamen vermutlich über sprachliche Umwege von der Tiroler Bezeichnung für die Esskastanie – „Kerschtn“ – erhalten.
Ein „Kerschtnbäumchen“ also, weil die Tiroler Wanderarbeiter im 18. Jahrhundert die ihnen unbekannte Rosskastanie eben für eine Esskastanie gehalten haben, so Geske. Der Baum ist schon seit einigen Jahren von der durch ein Bakterium verursachten Pseudomonaskrankheit befallen.

Weitere „Starkastbrüche“ sind wahrscheinlich

Diese ist im Bundesgebiet inzwischen stark verbreitet und schreitet gerade bei alten Rosskastanien schnell voran. Eine Neupflanzung derselben Baumart wird aus diesem Grunde von Fachleuten nicht empfohlen. Dazu kommt bei der Schröcker Rosskastanie noch ein Sekundärparasit. Das ist der aggressive Baumpilz Samtfußrübling, der für Einfaulungen und einen starken Holzabbau sorgt.

Der Verfallsprozess des Baumes schritt so schnell voran, dass auch baumchirurgische Maßnahmen wie ein Kronensicherungsschnitt um 20 Prozent nach einem „Starkastbruch“ im August 2013 nicht mehr langfristig für ausreichend Sicherheit sorgen konnten, erklärte der Bürgermeister. Dann berichtete er, dass eine der in der Baumkrone angebrachten Auffangsicherungen beim erneuten Abbrechen eines großen Astes am 11. Juni glücklicherweise den Sturz des Astes auf die benachbarte neue Tisch-Bank-Kombination verhindern konnte.

Weitere solche „Starkastbrüche“ sind aber aufgrund des Schadensbildes sehr wahrscheinlich, weshalb der Baum gefällt werden muss, um eine Gefährdung von Passanten und Besuchern des Bildstocks zu vermeiden, so Kahle. Er äußerte sein Bedauern darüber, dass der jahrelange gemeinsame Kampf um eine Erhaltung des Baumes und gegen die zwei Schädlinge nun aufgegeben werden müsse. Als Ersatz solle aber eine großkronige Esskastanie gepflanzt werden, wie es sich bei einer Umfrage die Mehrheit der Anwohner gewünscht habe (siehe „HINTERGRUND“).

Mehrere direkte Anwohner bemängelten allerdings beim VorOrt-Termin die Entscheidung für diesen Ersatzbaum, der ihnen durch seine Laubmasse jede Menge Arbeit machen werde. Der Ortsbeirat hatte der Fällung einstimmig zugestimmt, da der Baum nun einmal unheilbar krank und sein Ende nur mit großem Aufwand vielleicht um ein weiteres halbes Jahr herauszögerbar gewesen sei, berichtete Schröcks Ortsvorsteher Uwe Heuser.
Bürgermeister Kahle sowie Marion Kühn (Fachdienstleiterin Stadtgrün) und Baumfachmann Happel informierten darüber, dass sowohl die Baumfällung als auch die Neupflanzung der etwa sechs Meter hohen, 15 Jahre alten und 2 000 Euro teuren Esskastanie noch vor Weihnachten erfolgen sollen.

von Kristina Lieschke

  • HINTERGRUND: Ortsvorsteher Uwe Heuser erläuterte beim Ortstermin, dass die Mehrheit der Befragten in Schröck bei einer Umfrage für die jetzt bestellte Esskastanie als Ersatz für die Rosskastanie votiert habe, auch wenn diese Mehrheit nur sehr knapp gewesen sei. Damit hätten allerdings die nicht direkt Betroffenen in dieser Angelegenheit gegen die Interessen der direkten Anwohner entschieden, warf Ortsbeiratsmitglied Harald Nahrgang ein. Denn diese und vor allem die Leute, die sich vor Ort um das Gelände kümmern, hätten alle nicht für die Esskastanie gestimmt. Eigentlich habe an dieser Stelle deshalb noch Gesprächsbedarf bestanden, weshalb der kurzfristige Fälltermin bedauert werde. Nahrgang hatte vor der entscheidenden Ortsbeiratssitzung im Oktober eine Befragung der Bewohner der anliegenden Straßen Bettewiese und Kastanienstraße durchgeführt. Auf Anfrage der OP berichtete er am Donnerstag genauer über deren Ergebnis: Von 70 ausgeteilten Fragebögen seien 34 zurückgeschickt worden. Davon hätten 14 für die Wiederanpflanzung einer Rosskastanie votiert, 8 für eine Esskastanie und 12 für verschiedene andere Bäume, vor allem Buche und Eiche. Als Exot sei sogar eine immerblühende Akazie vorgeschlagen worden. Der Ortsbeirat, dem bekannt war, dass eine neue Rosskastanie von Fachleuten wegen des bakteriellen Schädlings nicht empfohlen werden könne, habe dann für die danach meistgenannte Esskastanie gestimmt.Die Esskastanie ist eine andere Baumart als die Rosskastanie und deshalb für eine Pflanzung an dieser Stelle geeignet.
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