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270 Lehrer im Landkreis streiken

Kundgebung in Wiesbaden 270 Lehrer im Landkreis streiken

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat verbeamtete Lehrer in Hessen für diesen Dienstag zu einem eintägigen Warnstreik aufgerufen. Die GEW will mit dem Streik erreichen, das die schwarz-grüne Landesregierung das Tarifergebnis für die angestellten Lehrer auch für Beamte übernimmt.

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Lehrer aus dem Landkreis streiken und nehmen an einer Demonstration in Wiesbaden teil.

Quelle: Patrick Pleul / dpa

Marburg. Während die Gehälter der angestellten Beschäftigten des Landes Hessen rückwirkend zum 1. März 2015 um zwei Prozent steigen und zum 1. April 2016 nochmals um 2,4 Prozent angehoben werden, soll die Besoldung sie für verbeamtete Lehrer nicht steigen. Zudem fordern die verbeamteten Lehrer die Reduzierung ihrer wöchentlichen Arbeitszeit von 42 auf 40 Stunden. Für angestellte Lehrer gilt dies bereits seit 2009.

„Die Beamtinnen und Beamten in Hessen haben mit der 42-Stunden-Woche damit die höchste Arbeitszeitverpflichtung in Deutschland, die Lehrkräfte die höchsten Stundendeputate“, klagt die GEW Hessen. Dagegen wehren sich die Beamten. Nachdem ein für den Streik erforderliche Quorum von 3000 streikbereiten Lehrern erreicht wurde, werden diesen Dienstag bei einer Demonstration und Kundgebung bis zu 7000 Teilnehmer erwartet.

Ausfälle und Vertretungsstunden

Aus Marburg und dem Landkreis werden sich rund 270 Lehrer an der Demonstration beteiligen. Für sie stell die GEW vier Reisebusse zur Verfügung. Der leitende Direktor des staatlichen Schulamtes Bernhard Drude missbilligt derweil das Vorhaben der Lehrer sich an dem laut Schulrecht für Beamte verbotenen Streik zu beteiligen. Er droht den Teilnehmenden mit einem Eintrag in ihre Personalakte.

Aufgrund des Streiks ist in unserem Landkreis mit Vertretungsunterricht und Unterrichtsausfällen zu rechnen. Laut Drude werde es jedoch keine Überraschungen geben. Sowohl Schüler als auch Lehrer wurden frühzeitig darüber informiert, wann und warum gestreikt werden würde. Im OP-Gespräch erläutern zwei Lehrerinnen der Adolf-Reichwein-Schule das Anliegen der Streikenden. Sie sprechen unter anderem von einer starken Überlastung.

Belén Yárnoz ist verzweifelt. „Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.“ Seit fünf Jahren arbeitet die promovierte Spanisch- und Lateinlehrerin mit befristeten Angestelltenverträgen, seit zwei Jahren an der Adolf-Reichwein-Schule (ARS). Trotz der kurzfristigen Arbeitsverträge, die ihren Arbeitsplatz immer nur vom Anfang bis zum Ende eines Schuljahres sicherten, fühlt sie sich wohl an dem Gymnasium. Die Arbeitsbedingungen seien gut, die Kollegen und Schüler nett.

Doch zum neuen Schuljahr kann die ARS Belén Yárnoz kein neues Einstellungsangebot machen. Zwar seien sie zufrieden mit ihrer Arbeit. Um den Bedarf zu decken, müssen sie jedoch Lehrer anderer Gymnasien abordnen. „Somit habe ich ab Juli 2015 keine Beschäftigung und kein Einkommen mehr“, erklärt die alleinerziehende Mutter zwei kleiner Kinder.

Viele Lehrer fühlen sich überlastet

Es sind Kolleginnen wie Belén Yárnoz, für die Angelika Schwank beim Beamtenstreik in Wiesbaden auf die Straße geht. „Es kann nicht sein, dass junge, talentierte Leute nicht eingestellt werden“, empört sich die ARS-Lehrerin. „Wenn wir eine Stunde weniger arbeiten müssten, könnte man damit die Lehrer mit ins Boot holen, die dringend ein paar mehr Stunden brauchen könnten“ sagt sie und meint damit Belén.

Viele Lehrer, die auch Yárnoz‘ Spanischstunden übernehmen, seien außerdem bereits überlastet. „Ich höre im Kollegium nur: ‚Ich habe keine Zeit‘, ‚Ich kann nicht mehr‘, ‚Es ist so viel zu tun‘. Viele unserer Kollegen haben bereits ihre Arbeitsstunden reduziert, weil es ihnen einfach zu viel ist“, erläutert Schwank. „Wenn man hört, dass Lehrer 25 Pflichtstunden haben, klingt das für manche wie ein Traum. Neben dem Unterricht passiert aber noch viel, viel mehr.“

Dass selbst freitags bis zum späten Nachmittag unterrichtet werde, sei keine Ausnahme mehr. Hinzu kämen Korrekturen, Schüler- und Elterngespräche, Fortbildungen, Gremien-Arbeit, Entwicklungsaufgaben, Qualitätssicherung, Schulprogrammarbeit. „Die Lehrer haben heute ungeheure Aufgaben zu bewältigen.“

Forderung: 40 statt 42 Arbeitsstunden

„Ich fahre nach Wiesbaden, damit unsere Arbeitszeit auf die 40-Stunden-Woche angeglichen wird. Es kann nicht sein, dass wir Beamten zwei Stunden mehr arbeiten müssen“, empört sich Schwank und fasst damit eines der Anliegen der streikenden Beamten zusammen. Sie wollen das, was die Angestellten im öffentlichen Dienst bereits 2009 erreicht haben: eine Reduzierung ihrer Arbeitsstunden von 42 auf 40 und eine Steigerung ihres Gehaltes rückwirkend zum 1. März 2015 um zwei Prozent.

„Ich möchte genau so behandelt werden wie die Angestellten im öffentlichen Dienst. Wenn der Lehrerberuf nicht einkommensmäßig angeglichen wird, wird er langfristig entwertet.“ Dass die schwarz-grüne Koalition nicht beabsichtige, das Tarifergebnis auf die Beamten zu übertragen, zeuge ihrer Meinung nach von einer fehlenden Wertschätzung ihrer Arbeit.

Bernhard Drude, Leitender Direktor des Staatlichen Schulamtes in Marburg, missbilligt das Vorhaben der Lehrer, sich an dem für Beamte verbotenen Streik zu beteiligen. „Sie wissen, dass sie nicht streiken dürfen“, so Drude. Wer dennoch streike, müsse mit Konsequenzen rechnen: einen Eintrag in der Personalakte.

„Es wird keine Überraschungen geben“, verspricht Drude. Allen Eltern und Schülern sei von den jeweiligen Schulen vorzeitig mitgeteilt worden, wann und warum gestreikt werde.

von Ruth Korte

ARS-Lehrerinnen Dr. Belén Yárnoz (links) und Angelika Schwank im OP-Gespräch. Foto: Thorsten Richter
 
Hintergrund
Die GEW ruft für diesen Dienstag alle verbeamteten Lehrer in Hessen zum Streik und zur Teilnahme an der Demonstration und Kundgebung in Wiesbaden auf. Hintergrund ist, dass zwar die Gehälter der angestellten Beschäftigten rückwirkend zum 1. März 2015 um zwei Prozent steigen und zum 1. April 2016 nochmals um 2,4 Prozent angehoben werden. Eine Übertragung des Tarifergebnisses für die angestellten Beschäftigten lehnt die hessische Landesregierung jedoch weiterhin ab.
 
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