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22 Stationen sollen Funkkontakt sichern

Digitalfunk im Landkreis 22 Stationen sollen Funkkontakt sichern

Nach Jahren der Vorbereitung hält 2013 der Digitalfunk bei den Rettungskräften im Landkreis Einzug. Die Feuerwehrspitze erwartet durch den neuen Funk deutliche Verbesserungen.

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Atemschutzgeräteträger der Feuerwehr löschen in einer Scheune Heu. Dichter Qualm und das eingeschränkte Sichtfeld der Einsatzkräfte erschweren die Arbeit. Zur Koordination und zur eigenen Sicherheit dient dort eine gute Funkverbindung.

Quelle: Lutz Benseler

Marburg. Obwohl das Land Hessen die freiwilligen Feuerwehren der einzelnen Kommunen bei der Erstausstattung mit Digitalfunk jeweils mit einem 30-prozentigen Zuschuss unterstützt, werden doch die Haushalte deutlich belastet. Einziger Trost für die Bürgermeister in ihrer Funktion als Kämmerer ihrer Kommune: Die Ausgaben kamen nicht aus heiterem Himmel, sie konnten kalkuliert werden.

„Der Bedarf an Funkgeräten wurde seit 2008 ermittelt und die Warenkörbe seither aktuell gehalten“, sagt Kreisbrandinspektor Lars Schäfer. Er sieht auf die Mitglieder der freiwilligen Feuerwehren im nächsten Jahr sehr viel Arbeit zukommen. „Wir haben ungefähr 2200 Sprechfunkberechtigte, die Minimum acht Stunden an den Geräten geschult werden müssen“, so Schäfer. Die erste offizielle Schulung ist für Ende Januar vorgesehen. Falls jedoch ausreichend Ausbilder schon vorher Termine anbieten können, könne es auch schon etwas früher beginnen. Damit die Funkgeräte überhaupt einen „Piep“ machen, müssen sie mit einer Sicherheitskarte ausgestattet sein. Diese werden im Landkreis noch in diesem Monat zur Verteilung erwartet. Schäfer geht davon aus, dass das gesamte nächste Jahr Testphase sein wird.

„Das bedeutet, dass wir neben dem neuen Funk auch den bisherigen analogen Funk betreiben werden. Zur flächendeckender Arbeit mit Digitalfunk sind im Landkreis 22 Stationen geplant. „21 von ihnen sind fix und fertig geplant, 17 sind bereits gebaut, zehn sind betriebsbereit“, informiert Dr. Markus Morr, Sprecher des Landkreises auf OP-Anfrage. Und weiter: „Wir hoffen, dass wir noch in diesem Jahr den Ring geschlossen bekommen.“

Im Zuge der Baugenehmigungen sind alle Kommunen mit eingebunden worden. Allein die genauen Standorte der Stationen möchte der Kreis aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich machen. So sieht das übrigens auch das hessische Innenministerium, die eigens für die Einführung die Projektgruppe „Digitalfunk BOS Hessen“ eingerichtet hat. „Diese neue Technik dient mittelbar auch den Bürgern, indem sie eine schnelle und verlässliche Hilfeleistung im Notfall ermöglicht. Insofern muss das BOS-Digitalfunknetz als ein Netz für die Kommunikation der Sicherheitsbehörden im Interesse des Allgemeinwohls besonders geschützt werden“, sagt Mark Kohlbecher, Sprecher des Ministeriums auf OP-Anfrage. Unter diesen Voraussetzungen war es den Kommunen natürlich auch nicht möglich, die Standorte öffentlich diskutieren zu lassen.

Schäfer geht davon aus, dass der Digitalfunk im Landkreis Marburg-Biedenkopf Verbesserungen in vielen Bereichen bringt. „Im Gegensatz zum analogen Funk blendet der Digitalfunk sämtliche Nebengeräusche einfach aus. Das bedeutet eine hohe Sprechqualität, die gut verstanden wird.“ Zudem könne über die Nutzung des Digitalfunks bei den Einsätzen vor Ort „taktisch mehr geleistet werden“. Und was ganz wichtig ist, der Digitalfunk erhöht auch die Sicherheit der Einsatzkräfte. „Die Endgeräte können so ausgestattet sein, dass sie automatisch nach vorgegebener Zeit einen Alarmton aussenden, wenn zum Beispiel ein Atemschutzträger in einem Gebäude umgekippt ist und selbst Hilfe benötigt.

„Durch den Alarm wissen wir sofort, wer in Not geraten ist und wo er eingesetzt war. Das verkürzt die Suche“, sagt Schäfer.

HINTERGRUND:

Die Abkürzung BOS steht für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben. Darunter fallen unter anderem Feuerwehr, Rettungsdienste und Polizei. Das deutsche BOS Digitalfunknetz wird mit 500000 Nutzern, die parallel kommunizieren können, das weltweit größte seiner Art sein. Technisch basiert der Digitalfunk BOS auf dem TETRA-Standard. TETRA steht für TErrestrial Trunked RAdio.

Der TETRA-Standard wurde für die besonderen Anforderungen der BOS entwickelt. Die Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS) erklärt wie die Informationen übertragen werden. Dies geschieht vom Endgerät zur Basisstation oder umgekehrt mit Hilfe von Funkwellen niedriger Sendeleistung. Diese Wellen werden durch Hindernisse und geografische Begebenheiten beeinflusst.

Die Intensität nimmt mit zunehmender Entfernung zwischen Endgerät und Basis stark ab. Aus diesem Grund ist es notwendig, dass Basisstationen auch innerhalb von Ortschaften errichtet werden. Die BDBOS weist darauf hin, dass beim Aufbau des Digitalfunknetzes „alle gesetzlichen Regelungen zum Schutz von Personen vor elektromagnetischen Feldern beachtet werden“.

In Deutschland sind die Grenzwerte in der 26. Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes festgelegt. Alle Basisstationen , die mit mehr als zehn Watt EIRP (steht für äquivalente Strahlungsleistung) senden, benötigen eine Genehmigung von der Bundesnetzagentur. Dies gilt auch für die Basisstandorte des BOS Digitalfunknetzes.

TETRA-Netze sind ganz deutlich die Zukunft in Europa. Elf Staaten, darunter Großbritannien, Schweden, Belgien, Niederlande und Dänemark verfügen bereits über ein landesweites Netz.

Neben Deutschland bauen derzeit sieben weitere Staaten ein TETRA-Netz auf. Darunter befindet sich auch Österreich. Somit können in Grenzgebieten Rettungskräfte der betroffenen Länder leicht miteinander kommunizieren.

Dass die Standorte des neuen Digitalfunks in Deutschland geheim bleiben, führen Kritiker weniger auf die Sicherheitzurück als darauf, dass Bürger nicht informiert werden sollen. Der Verein Bürgerwelle, Dachverband der Bürger und Initiativen zum Schutz vor Elektrosmog, macht in zahlreichen Publikationen auf sein Anliegen aufmerksam: Elektrosmog kann krank machen und zerstört die Natur. Unterstützt wird der Verein, der nach eigenen Angaben 1700 Initiativen in Deutschland betreut und auch Ableger in Österreich, Italien und in der Schweiz hat, von Experten und Wissenschaftlern, die andere Maßstäbe anlegen als die offiziellen Behörden. Während eine ganze Reihe von Wissenschaftlern sich noch keine abschließende Meinung über Langzeitfolgen gebildet haben, weil ihnen aus ihrer Sicht für seriöse Aussagen ausreichendes Datenmaterial und Erfahrungswerte fehlen, gibt es natürlich auch welche, die ihre Meinung positiv wie negativ gefällt haben und darum bemüht sind, ihre Ergebnisse mit immer neuen Erkenntnissen zu untermauern. Eine Annäherung der Positionen ist dabei nicht in Sicht, weil jene, die der Auffassung, dass die Grenzwerte schadlos sind, davon nicht abweichen wie auch jene, die das Gegenteil behaupten. „Im Ergebnis der bislang durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen gibt es keinen Hinweis darauf, dass sich die bei TETRA verwendeten Funkwellen bei Einhaltung gesetzlich vorgegebener oder empfohlener Grenzwerte nachteilig auf die Gesundheit auswirken“, sagt Mark Kohlbecher, Sprecher des hessischen Innenministeriums auf Anfrage der OP. Die Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS) sagt über sich, dass sie „die Besorgnisse der Bevölkerung gegenüber Funkanlagen ernst“ nehme. Durch das Bereitstellen umfassender Informationen über die elektromagnetische Umweltverträglichkeit des Digitalfunks BOS gehe man aber davon aus, die Sorgen zu nehmen.

Die Kritiker werden da nur mit den Köpfen schütteln. Das Fazit der Bürgerwelle fällt anders aus. „Die Grenzwerte schützen nicht.“ Die Mehrzahl der wissenschaftlichen Studien im Bereich gepulster Hochfrequenz hat negative biologische Auswirkungen gefunden“, heißt es in einer Informationsbroschüre. Die TETRA-Technik ist aus gesundheitlicher Sicht für die Bediensteten von Katastrophenschutzbehörden, Landespolizeien, Bundespolizei, THW, Feuerwehr, Rettungsdiensten, Ordnungsämter als Nutzer und für die zwangsbestrahlte Bevölkerung abzulehnen.“ Der Verein untermauert das Fazit mit Erfahrungsbeispielen aus jenen Ländern, die mit TETRA Funk arbeiten. Doch bleibt es meist bei Beobachtungen: So heißt es aus dem englischen Littlehampton in der Nähe von Brighton gelegen: Am Tag der Inbetriebnahme einer TETRA-Sendestation in 150 Metern Entfernung von zwei Schulen mussten elf Kinder wegen Kopfschmerzen, Übelkeit und Nasenbluten nach Hause geschickt werden.

von Götz Schaub

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