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„2050 mehr Plastik als Fisch im Meer“

Mögliche Folgen der zunehmenden Vermüllung „2050 mehr Plastik als Fisch im Meer“

Derzeit befinden sich mehr als 100 Millionen Tonnen achtlos entsorgter Plastikmüll im Meer, täglich kommt weiterer hinzu. Die fatalen Auswirkungen auf die Umwelt waren Thema eines Vortrags an der Uni Marburg.

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Der Chemiker und Geologe Dr. Gerd Liebezeit.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Ekelerregende Schreckensbilder von Booten, die auf einem Teppich aus schwimmendem Abfall fahren, von qualvoll an Plastikmüll erstickten und verhungerten Meerestieren und stinkenden, vermüllten Stränden aus aller Welt - es sind Bilder mit dramatischem Effekt, die doch die traurige Realität zeigen und aufrütteln sollen.

So zu sehen auch während eines Vortrags aus der aktuellen Ringvorlesung des Zentrums für Konfliktforschung. Über die gefährliche und wachsende Verschmutzung der Ozeane als „Senke des Weltmülls“ sprach Dr. Gerd Liebezeit von der Uni Oldenburg.

Der Großteil des in den Meeren schwimmenden Abfalls, etwa 90 Prozent, besteht aus Plastik, ist biologisch nicht abbaubar. Durch achtlose oder falsche Entsorgung finden die stabilen und lange haltbaren Produkte als mariner Müll ihren Weg in die Meere. Was viele dabei außer Acht lassen: Nur die leichten Teile, PVC, Tüten oder Joghurtbecher schwimmen auf der Oberfläche - der Großteil, mehr als 70 Prozent, landet auf dem Grund. Die allseits bekannten schwimmenden Müllhaufen sind nur die Spitze des Eisbergs, „wir sehen nur einen geringen Teil, der Rest versinkt“, erläuterte der Chemiker.

Ein Hauptproblem ist die lange Haltbarkeit des Abfalls. Bestimmte Kunststoffe werden in unserer direkten Umwelt vermutlich über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte erhalten bleiben. Geschätzt halten Trinkbecher aus Plastik locker 50 Jahre, Alu-Dosen etwa 200 Jahre und Fischleinen bis zu 600 Jahre. „Der Müll bleibt, er ist langlebig und tödlich“, betonte der Referent.

Eine Million tote Seevögel jedes Jahr sind nur ein Resultat einer zunehmend verschmutzten Umwelt. Pro Jahr sterben alleine etwa 30000 Seebären in achtlos entsorgten Netzen und Leinen der Fischerei-Industrie. Die als sogenannte Geisternetze im Meer treibenden und für die Tiere besonders gefährlichen Schlingfallen sollen etwa zehn Prozent des Meeresmülls ausmachen. Tüten, Netze und Seilreste werden regelmäßig in großer Zahl in den Mägen von Walen und anderen Meeresbewohnern gefunden - fast 100 Prozent der Seevogelarten, die dafür bekannt sind, den Müll mit Futter zu verwechseln, sind mit Plastik belastet.

Eine Gefahr stellt neben den sichtbaren Teilen zudem der sogenannte Mikromüll dar, soll heißen: kleine Verpackungsteile wie Styroporkügelchen oder Fasern aus Waschmaschinen und Netzen, die sich ausbreiten und durch den Nahrungskreislauf in sämtlichen Meerestieren landen.

Mit steigender Produktion von Plastikprodukten, vor allem Verpackungen zur einmaligen Nutzung, steigt zunehmend auch die Meeresverschmutzung. Auch wenn in Deutschland mehr als 90 Prozent recycelt wird, steht die Bundesrepublik auf Platz vier der globalen Liste der Plastiknutzer - statistisch bedeute dies eine jährliche Müllproduktion von 3,7 Kilogramm pro Person, die im Ökosystem landet. Deutschland brüste sich gerne mit einem vorbildhaften Abfallsystem - „wir müssen uns aber nicht immer selber auf die Schulter klopfen, wie umweltbewusst wir sind“, machte der Referent deutlich.

Plastiktüten-Verbot in Ruanda und Bangladesh

Gerne schieben Kritiker das Problem auf andere Industriestaaten oder Entwicklungsländer. Dabei gebe es ansehnliche Beispiele wie etwa das strenge Plastiktüten-Verbot in Ruanda oder Bangladesh. Die Staaten konfiszieren Tüten aus Plastik bereits am Flughafen. Auch muss man nicht weit aus dem eigenen Land hinaus schauen: So sammelt sich der schwimmende Müll unter anderem am Ende der norwegischen Fjorde - in Italien soll es gängige Praxis sein, den angesammelten Müll der Touristen nach der Urlaubssaison unter den Sand der idyllischen Strände zu vergraben, bis die nächsten Besucher ankommen. Hoch oben in den „Top-Ten“ des an Stränden entsorgten Abfalls finden sich übrigens Zigarettenkippen, Plastikverschlüsse, Flaschen und Tüten.

Die Entsorgung des angeschwemmten Mülls verursacht horrende Kosten, belaufen sich alleine für den Pazifik auf eine Milliarde Dollar pro Jahr.

Auch wenn fünf große Müllstrudel im Pazifik, Atlantik und indischen Ozean bekannt sind - den Dreck einfach abfischen ist kaum eine Option: Der Großteil des schwimmenden Abfalls ist weit verstreut, „ein Müllteil kommt etwa auf drei Quadratmeter“, rechnete der Referent vor.

Wenn die marine Vermüllung in diesem Maße weiter voranschreitet, soll das Verhältnis von Plastik zu Fisch in knapp 35 Jahren mehr als eins zu eins betragen: „Wenn sich nichts ändert werden wir in 2050 mehr Plastik als Fisch im Meer haben und weiter unsere wichtigste Lebensquelle verunreinigen“, warnte Liebezeit.

von Ina Tannert

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