Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
200 Pakete vom Mann mit der Wollmütze

Unterwegs mit dem Paketboten 200 Pakete vom Mann mit der Wollmütze

Alle Jahre wieder boomt das Weihnachtsgeschäft. Immer mehr Menschen bestellen ihre Geschenke im Internet. Geliefert werden sie von den Paketzustellern. Wir haben einen von ihnen begleitet.

Voriger Artikel
Vitos-Park darf bebaut werden
Nächster Artikel
Straßenbahn: am Berg ja, im Tal nein

Jörg Löbig auf seiner Tour durch die Marburger Oberstadt. Rund 200 Pakete stellt er in der Weihnachtszeit täglich zu.

Quelle: Ruth Korte

Marburg. Es ist halb 10 in der Paketstation Marburg. Jörg  Löbig und seine Kollegen vom Deutsche Post Paketdienst sind seit dem frühen Morgen damit beschäftigt, Pakete in ihre Lieferwagen zu verladen. 4 500 sind das in der Adventszeit täglich – Tendenz steigend.

Deutsche Post-Pressesprecher Alexander Böhm rechnet damit, dass dieses Jahr ein Rekord gebrochen wird: „Wir gehen davon aus, dass wir kurz vor Heiligabend bundesweit die acht Millionen Paketsendungen knacken werden.“ Zum Vergleich: Im Sommer sind es nur etwa 3,6 Millionen Paketsendungen. Der Grund für den Sendungsanstieg kurz vor Weihnachten: Immer mehr Menschen bestellen ihre Geschenke im Netz. „In den letzten Jahren hatten wir einen stetigen Anstieg von durchschnittlich vier bis fünf Prozent pro Jahr. Dieses Jahr werden wir wahrscheinlich noch etwas mehr haben“, so Böhm.

In der Paketstation Marburg wurde deshalb vorgesorgt: statt normal 14 werden in der Weihnachtszeit 22 Fahrer eingesetzt. „Bei uns gibt es keine Frauen im Lieferdienst“, sagt Löbig, der seinen Job seit 26 Jahren macht. „Es ist ein Knochenjob. Das merkt man spätestens dann, wenn man 30 Kilo schwere Säcke mit Hundefutter ausliefern muss.“

Viele Jahre lieferte er in Frankfurt aus, wo er zu Hochzeiten bis zu 400 Pakete täglich zustellte. In Marburg, wo er seit vier Jahren arbeitet, sind es in der Adventszeit „nur“ rund 200 Pakete.
Sein Arbeitsplatz ist Bezirk 506 – der liegt in der Oberstadt. Die besondere Herausforderung daran ist, dass ein Teil des Bezirks eine Fußgängerzone ist. In der Oberstadt ist der Lieferverkehr  nur vormittags erlaubt. „Paketzusteller haben keine Sonderrechte was das Parken angeht“, sagt Löbig, der mit den Vorurteilen gegenüber Paketlieferanten vertraut ist.

Arbeit hält Paketzusteller körperlich fit

„Im Sommer fahre ich Fahrrad, um mich fit zu halten“, erzählt der 47-Jährige, dem man sein Alter nicht ansieht. „Im Winter hält mich die Arbeit an sich fit genug.“
Nachdem das letzte Paket in der Paketstation verladen ist, setzt sich Löbig in seinen Lieferwagen und macht sich auf den Weg in sein Revier. Es ist ein kalter Dezembertag. Die Oberstadt ist in einer Nebelwolke verschwunden. In den kleinen Gassen ist es kalt und nass. Löbig setzt sich seine Wollmütze auf und verlässt den Wagen.

Das erste Paket ist für einen Kunden in der Reitgasse. Löbig klingelt zwei Mal. Der Kunde öffnet nicht. Schließlich klingelt er bei einem Nachbarn, der das Paket bereitwillig annimmt, und hinterlässt eine Benachrichtigung im Briefkasten des Empfängers. Hilfsbereite Nachbarn wie diese seien wichtig, erklärt Löbig, denn sie ersparen nicht nur ihm, dass er das Paket wieder mit zurücknehmen muss, sondern dem Kunden auch Wartezeit in der Postfiliale, in der er das Paket am nächsten Tag selbst abholen müsste. Insgesamt können aber 90 Prozent der Pakete zugestellt werden.

Bei Geschäftskunden nimmt Löbig auch Pakete an

Neben Privatkunden beliefert Löbig auch viele Geschäfte und Apotheken in der Oberstadt. Hier lädt er seine Pakete nicht nur ab, sondern nimmt auch wieder welche mit. Das gehört zum Service. Kaum hat er also die ersten 30 Pakete ausgeliefert, kommen in einer Apotheke die nächsten 40 wieder dazu. So wird sein Lieferwagen nie richtig leer.

Ganz besonders freut sich Löbig über Kunden, die sich bei ihm mit einer Aufmerksamkeit für eine Paketlieferung bedanken – wie etwa mit einer Tafel Schokolade oder, wie im Café Vetter, mit
einem warmen Cappucino. „Ich hab da meine lieben Kunden, die mich verwöhnen“, sagt er und schmunzelt. Zum Schmunzeln brachte Löbig schon mal eine Kundin, die, wie in der Werbung, laut aufschrie, als er
ihr ein Zalando-Paket übergab.

Löbigs Cappuccino muss erst einmal im Auto warten, denn im Laderaum stapeln sich noch mehr als 150 Pakete. Und so setzt Löbig seine Reise durch die Reitgasse, über den Markt bis zur Gutenbergstraße, durch dunkle Eingänge, alte Treppenhäuser, verwinkelte Hausflure und lange Gänge, bis zur letzten Station in der Liebigstraße fort, damit keiner seiner Kunden bei der Bescherung in ein paar Tagen leer ausgeht.

von Ruth Korte

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr