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19-Jähriger beleidigt Polizisten, randaliert in Zelle

Aus dem Amstgericht 19-Jähriger beleidigt Polizisten, randaliert in Zelle

Ein nächtlicher Streit unter Nachtschwärmern endete für einen pöbelnden Partygast auf der Polizeiwache, wo er randalierte und seine „Gastgeber“ beleidigte.

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Ein heute 21-Jähriger musste sich vor dem Jugendschöffengericht veranworten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Wegen Beleidigung und Sachbeschädigung musste­ sich der bereits einschlägig vorbestrafte Heranwachsende aus Marburg vor dem Jugendschöffengericht verantworten. Dort gab sich der heute 21-Jährige­ ­geläutert und handzahm - in ­einer Nacht Ende Juli vergangenen Jahres sah das noch ganz anders aus.

Gegen drei Uhr morgens war er gemeinsam mit einigen Freunden auf dem Bahnhofsvorplatz unterwegs. Dort geriet er mit einer anderen Gruppe Feiernder aneinander, nachdem er mit seinem Handy eine Auseinandersetzung vor einem Lokal per Video aufnahm. Das passte den widerrechtlich Gefilmten nicht, die sich lautstark beschwerten, den Beschuldigten anpöbelten und verfolgten. Der floh zu zwei in der Nähe stehenden Polizisten, berichtete, dass er angeblich von zwei Frauen aus der Gruppe angegriffen wurde. Als die anderweitig beschäftigten Polizeibeamten seine verlangte Anzeige nicht umgehend aufnahmen, bezeichnete er sie als „Idioten“. Wegen der Beleidigung und da die aufgeheizte Stimmung auf dem Platz drohte zu eskalieren, erteilten die Ordnungshüter dem Mann einen Platzverweis. Nach deren Meinung kam er der Anordnung nicht zügig genug nach, sie nahmen ihn in Gewahrsam. Auf der Polizeistation drehte der damals 19-Jährige noch einmal auf und warf mit weiteren Beleidigungen um sich, so die Anklageschrift. Bis zum Mittag saß er in der Arrestzelle, riss dort wutentbrannt ­eine Überwachungskamera von der Decke. Es entstand ein Schaden von 150 Euro.

Die Situation stellte der Heranwachsende vor Gericht etwas anders dar, sprach von Aggressionen gegen ihn selbst und warf den Polizisten ein unfaires Verhalten vor. Nachdem er aus Angst vor der pöbelnden Gruppe, scheinbar einige Mitglieder einer polizeibekannte Familie aus Marburg, die Polizisten um Hilfe ersuchte, sei er von einem der Einsatzkräfte „aggressiv“ angegangen, sein Anliegen ignoriert worden. Der angebliche Grund: Er ist der Polizei bereits gut bekannt so wie einige seiner Verwandten, sei wohl in dieser Nacht eine Art „Trophäe“ gewesen, vermutete der Mann. Nachdem er kontrolliert worden war, erhielt er den Platzverweis, fühlte sich zu unrecht auf den Kieker genommen. Seiner Meinung nach wollte er der Anordnung gerade Folge leisten, als ihm auch schon Handschellen angelegt wurden.

„Natürlich war ich nicht sonderlich erfreut darüber“, erklärte der 21-Jährige. Dennoch habe er sich am Bahnhof und noch in der Polizeistation „im Zaum gehalten“, mit den Polizisten zwar diskutiert, sie aber nicht beleidigt. Nachdem er schließlich in der Zelle saß, habe er angeblich mehrmals um einen Telefonanruf, Wasser und einen Toilettengang gebeten - alles lange Zeit nicht erhalten und schließlich in die Ecke uriniert, erhob er schwere Vorwürfe gegen die Wachleute. „Da sind die Pferde mit mir durchgegangen, ich wollte auf mich aufmerksam machen“, erklärte er die Zerstörung des Kamera-Kabels. Auch dass er aufgrund der seiner Meinung nach ungerechten Behandlung ausfällig wurde und irgendwann anfing, die Polizisten zu provozieren, sei möglich.

Richter: eine „etwas zweifelhafte“ Verhaftung

Die eher harmlose Schilderung seines Verhaltens erlebten mehrere Zeugen anders. „Außer Rand und Band“ sei er zuvor auf dem Bahnhofsvorplatz auf die Polizisten zugeschossen, ­begann bereits zu pöbeln, noch während diese schließlich doch noch seine Anzeige gegen die Frauen aufnahmen, forderte sie quasi zu Polizeigewalt auf, worauf die Beamten nicht eingingen. Er habe sich „gereizt und sehr provokant“ gezeigt. Vor allem aber um eine Konfrontation mit der anderen Gruppe zu verhindern und den Platzverweis durchzusetzen, wurde er mit auf die Wache genommen, so einer der Polizisten. Auch habe der Mann aufgebracht und wie im Rausch gewirkt, erklärte ein weiterer Zeuge die lange Dauer des Haftaufenthalts.

Dieser Grund ist umstritten, auch dass der Beschuldigte überhaupt zu Recht in ­Gewahrsam festgehalten wurde, wie Verteidiger Dr. Dietmar Ricke sagte: „Die Konfrontationsgefahr war ja weg - er wusste auch nicht einmal, warum er in der Zelle­ saß.“ Dass der Angeklagte bis zum Mittag eingesperrt wurde, „wäre vielleicht gar nicht nötig gewesen“, wunderte sich auch Richter Dirk-Uwe Schauß. Da der junge Mann in seiner Zelle­ ausflippte und sich „aggressiv gebärdete“, hielten es die Polizisten für ratsam, ihn länger festzuhalten, erklärten die Zeugen, die sich die Vorwürfe des jungen Mannes nicht erklären konnten. Er sei wie jeder andere Gefangene behandelt worden, ein Recht verwehrt wurde ihm nicht. Eine korrekte polizeiliche Maßnahme bezweifelte die Verteidigung weiterhin, trotzdem sei dies kein „Entschuldigungs- oder Rechtfertigungsgrund“ für das Verhalten des Mannes.

Die „etwas zweifelhafte“ Verhaftung wertete auch das Jugendschöffengericht als mildernden Umstand. Weiterhin günstig für den 21-Jährigen: Er ist zwar bereits einschlägig vorbestraft und stand bis vor kurzem unter Bewährung, hat sich in den vergangenen drei Jahren jedoch nichts zuschulden kommen lassen. Das Gericht verurteilt ihn wegen Beleidigung und Sachbeschädigung zur Wiedergutmachung des von ihm angerichteten Schadens.

von Ina Tannert

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