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160.000 Stimmen für die eine Sache

Monika Otte startete Petition 160.000 Stimmen für die eine Sache

Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages wurde für Monika Otte zum Schauplatz eines politischen Kampfes, den sie so eigentlich nie gewollt hatte.

Marburg. Die Uhr im Blick, ist sie ihre Rede immer wieder durchgegangen. Wort für Wort. Solange, bis diese exakt zwölf Minuten dauerte und alle wichtigen Punkte enthielt. Nun ist sie hier. Hier in Berlin. Sie trifft wichtige Menschen in schicken Anzügen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) ist einer von ihnen. Er sitzt mit Monika Otte an einem Tisch.

Die Marburgerin hatte das alles so nicht geplant. „Ich war schon etwas blauäugig, was den Arbeitsaufwand betrifft“, sagt sie, „aber nun ist es so weit.“ Sie wird ihre Meinung im Petitionsausschuss des Bundestages sagen. Ihre Meinung als Kinderkrankenschwester und Lehrerin für Pflegeberufe.

Nicht alle Veränderungen wirken sich positiv aus

Monika Otte liebt ihren Job. Nun fürchtet sie aber, dass es ihn bald nicht mehr in dieser Form geben wird. Grund für ihre Angst ist der Entwurf eines Pflegeberufegesetzes, den die Bundesregierung Ende November vorgestellt hat. Als wesentliche Neuerung beinhaltet das Papier, eine generalisierte Ausbildung der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zu etablieren.

Hauptargument der Initiatoren des Gesetzentwurfs ist, dass die Attraktivität und Qualität für die Altenpflegeausbildung erhöht werde und dem Pflegenotstand bei der Versorgung von älteren Menschen entgegengewirkt werden könne.

Für Monika Otte sind diese Gedankengänge nachvollziehbar, aber eben kein Grund, das bestehende System über den Haufen zu werfen. Der Entwurf ist auch ein Schritt in Richtung „europäisierte Einheitlichkeit“, um die Jobsuche und den Arbeitsplatzwechsel zwischen den Staaten zu erleichtern. Otte empfindet diesen Weg jedoch als Gleichmacherei.

„Wir sind stolz auf unsere qualitativ hochwertige Ausbildung“, sagt sie und verweist darauf, dass andere Länder, zum Beispiel England, gerade eine spezialisierte Altenpflege-Ausbildung prüfen lassen und sich somit an dem deutschen Vorbild orientiert.

Monika Otte fürchtet um qualifizierte Versorgung

Monika Otte fürchtet um die qualifizierte Versorgung der Kinder und darum, dass ihr Beruf stirbt. Aber warum diese starken Ängste? „Weil es eben etwas völlig anderes ist, ein Kind zu versorgen oder einen Erwachsenen“, sagt Otte. Je nach Altersstufe müsse man immer auch die Eltern mit im Blick haben.

„Natürlich haben auch erwachsene Patienten Angehörige, aber es besteht doch ein erheblicher Unterschied zur Pflege von Frühgeborenen bis Jugendlichen.“ Seien beispielsweise dauerhaft schmerzhafte Eingriffe erforderlich - etwa bei Punktionen in einer onkologischen Station - müsse das Kind eine besonders liebevolle Behandlung erfahren und zugleich die Eltern angeleitet und unterstützt werden.

Ein Kleinkind verstehe eben noch nicht, warum es mehrfach quälende „Piekser“ ertragen muss, sagt Otte.

Und auch die Sorgen und Ängste der Familie dürften nicht auf das Kind übertragen werden. Besonders nahe geht der Marburgerin, dass die „Entscheidung von Menschen in Ministerien getroffen wird, die die Situation nicht zu kennen scheinen“, sagt Otte. „Ich fühle mich da derzeit schon etwas fremdbestimmt“, erklärt sie und weiter: „Ich biete jedem an, sich einmal selbst auf unseren Stationen der Kinderklinik umzuschauen.“

Nur ein Gedanke bleibt: „Nein, so geht das nicht“

Zu all diesen Punkten stört Monika Otte auch ein inhaltlicher Rechtfertigungsgrund der Gesetzesbefürworter. Das Gesundheitsministerium stütze sich unter anderem auf das Modellprojekt „Pflegeausbildung in Bewegung“ aus dem Jahr 2008, das jedoch in keinem Fall repräsentativ sei, meint Otte. An diesem Projekt, das im Ergebnis eine Empfehlung für die Generalistik ausgesprochen hat, nahmen insgesamt 308 Auszu­bildende teil. Davon jedoch nur 18 Azubis der Kinderkrankenpflege.

Das seien lediglich sechs Prozent, die sich noch dazu allesamt negativ zum vereinheitlichten Ausbildungsmodell äußerten, gibt Monika Otte zu bedenken und ist sich sicher: „Die Kinderkrankenpflege fällt hier ganz klar unter den Tisch.“

Als ein Kollege sie im vergangen Spätherbst auf den Gesetzesentwurf aufmerksam machte, hatte Otte nur einen Gedanken: „Nein, so geht das nicht.“ Nur was tun?

„Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich dann auf das Petitionsrecht gekommen bin“, sagt Otte. Doch die Möglichkeit erschien ihr sinnvoll.

Ungünstiger zeitpunkt für Schaltung der Petition

Der Zeitpunkt, an dem die Petition online geschaltet wurde, war hingegen eher ungünstig. Am 28. Dezember, zu einer Zeit, in der viele Menschen entweder schon in den Ferien sind oder sich um andere Dinge kümmern, startete die Unterschriftenaktion. Laut offizieller Vorgabe blieb ein Monat Zeit, um 50000 Unterstützer für die Petition zu finden.

Das Quorum wurde dann am 25. Januar erfolgreich mit 80326 Mitzeichnern weit übertroffen. Bis zum 5. April unterzeichneten genau 161072 Menschen. Eine gewaltige Zahl. Mehr als 20 Fach- und Elternverbände haben sich hinter das Anliegen der Kinderkrankenpflege gestellt.

In Berlin äußert Otte nun ihre Sorgen, aber werden diese auch wirklich ernst genommen? „Herr Gröhe hat eingeräumt, bei dem Gesetz noch einmal nachzubessern. Grundsätzlich befürchte ich, dass die Generalistik durchgesetzt wird. Ich hoffe, dass für die Kinderkrankenpflege eine ausreichende Schwerpunktsetzung festgelegt wird.“ Vonseiten des Gesundheitsministeriums gibt es jedoch das Angebot für eine weitere Gesprächsrunde. Noch wartet Otte auf Nachricht aus Berlin.

von Dennis Siepmann

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