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100 Jahre Bildarchiv der Kunst und Architektur

Foto Marburg 100 Jahre Bildarchiv der Kunst und Architektur

Vor 100 Jahren gründete der Kunsthistoriker Richard Hamann das Bildarchiv Foto Marburg. Es ist heute das größte fotografische Gedächtnis in der Geschichte der Kunst und Architektur.

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Horst Fenchel ist der leitende Restaurator am Bildarchiv Foto Marburg. Der Zahn der Zeit nagt an den Negativen. In einem eigens dafür eingerichteten Labor versucht Fenchel die historischen Fotos zu restaurieren oder macht im Ernstfall eine Kopie.

Quelle: Bildarchiv Foto Marburg

Marburg. Man kann nur mutmaßen, ob Richard Hamann gefallen hätte, wie heute mit Fotos umgegangen wird. Fakt ist: Den Aufwand und die Akkuratesse mit der der Kunsthistoriker seine Aufnahmen Anfang des 20. Jahrhunderts gemacht hat, kann man in Zeiten von Handy-Bildern, Facebook und Flickr nur noch schwer nachvollziehen.

„Die Fotografie war zu diesem Zeitpunkt noch ein neues und modernes Medium“, sagt Christian Bracht, einer der beiden heutigen Archivdirektoren. Die Forscher und Entdecker, die damals mit schwerem Gerät zu Fotokampagnen in die weite Welt aufbrachen, seien Pioniere gewesen. Zum ersten Mal bot sich für Sie die Gelegenheit das, was sie entdeckten, beobachteten und beforschten, mit nach Hause zu tragen. Möglich gemacht hatten dies die beiden Franzosen Nicéphore Niepce und Louis Daguerre, die als Entdecker der Fotografie gelten. 1826 schaffte es Niepce, das erste beständige Foto anzufertigen: Es zeigt den Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers. Mit Belichtungszeiten von bis zu acht Stunden war es jedoch unmöglich, Menschen oder sich bewegende Gegenstände zu fotografieren.

Photoexpeditionen bis nach Ägypten

Ein paar verschüttete Tropfen Quecksilber, einige kluge Köpfe und kreative Ideen später, war die Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts soweit, dass man lichtempfindliche Chemikalien-Mixturen auf große Glasplatten aufbringen konnte, um darauf ein Bild zu fixieren. Der Bild-Hunger der Zeit war gewaltig: Erstmals konnte man das Objekt seiner Begierde nicht nur als Skizze oder Zeichnung, sondern als originalgetreues Abbild der Wirklichkeit mit nach Hause nehmen. Im Falle des Kunsthistorikers Richard Hamann galt die Begierde der Architektur, Denkmälern und Kunstobjekten aller Epochen.

1927: Der Sohn des Marburger Bildarchiv-Gründers, Richard Hamann-Mac Lean (rechts), fotografiert mit der so genannten Marburger Kanone das Langhaus der Kirche Sainte-Madeleine in Vézelay. Der Materialaufwand war gewaltig.

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1913, also vor genau 100 Jahren gründete der Professor für Kunstgeschichte das Bildarchiv Foto Marburg. „Zusammen mit seinem Sohn und seinen Schülern sammelte er auf wissenschaftlichen Photoexpeditionen Kathedralen in Südfrankreich, Gemälde in Italien und Skulpturen in Griechenland“, sagt Christian Bracht. Sogar bis hin nach Ägypten zog es ihn.

Im Laufe der Zeit kamen so fast 250 000 Negative von Kunst- und Bauwerken aller Zeiten zusammen. Bei einem Rundgang durch das Bildarchiv bekommt man schnell einen Eindruck, zu welchen Kosten Hamann seinen Bild-Hunger stillte. Ein Foto aus Pioniertagen, das Christian Bracht in seinen Büroräumen hängen hat, zeigt die damals noch bis zur Hüfte im Sand verbuddelte Sphinx von Gizeh in Ägypten. Im Hintergrund Pyramiden. Die Tiere wurden dazu benutzt die Großformat-Kameras zu transportieren, mit denen fotografiert wurde. „Bildträger war damals keine Chips, sondern schwere Glasplatten mit einer lichtempfindlichen Schicht aus Silbernitrat“, sagt Bracht. 


Je mehr Bilder man machen wollte, desto mehr Glasplatten mussten mitgeschleppt werden.

Frauenkirche wurde nach Fotos rekonstruiert

Auch große Leitern und Holzstative hätten damals zur Standardausrüstung gehört. Bei Belichtungszeiten von bis zu mehreren Minuten sei an Schnappschüsse aus der Hand nicht zu denken gewesen.
Christian Bracht führt weiter in den Keller des Fotoarchivs in Marburg: Hier lagern die berühmten Glasplatten zusammen mit den später benutzten Nitrofilmen und Plastik-Negativen; die Schätze der Fotografen, die Hamanns Erbe angetreten haben.

Insgesamt rund 1,7 Millionen Negative lagern hier. Lang zerstörte Bilder, Skulpturen und Bauten werden auf den Aufnahmen wieder lebendig. Mit Bildern aus Marburg konnte die Frauenkirche in Dresden wieder originalgetreu aufgebaut werden. Auch die 1943 zerstörte Kasseler Orangerie, findet sich in einem grauen Pappkarton im Kellerregal vom Bildarchiv noch in einstiger Pracht.

Ganz vom Verfall verschont bleiben allerdings auch die Negative im Bildarchiv nicht. Der Zahn der Zeit nagt vor allem an den Farbaufnahmen auf Nitro- und Kunsstofffilmrollen. „Die Farbstoffe sind nicht langzeitstabil“, erklärt der Chef-Restaurator, Horst Fenchel. Gift für die Filme seien schwankende Temperaturen, Licht und Feuchtigkeit.

Alte Fotos können sogar gefährlich sein

Seit einiger Zeit hat Foto Marburg einen großen Kühlraum. Bei sieben Grad haben die Bilder hier die ideale Temperatur, um ihre Information möglichst lange unbeschadet zu tragen und Farbverschiebungen zu vermeiden. Außerdem schützt diese Form der Lagerung vor dem schlimmsten aller Übel: Ähnlich wie Tomaten im Kühlschrank bilden lang gelagerte Nitro-Filme Gase, die auch andere Fotos anstecken und Verderben lassen. „Nur, dass diese Gase auch gesundheitsschädlich sind und sogar Metall angreifen“, so Fenchel.Für ganz schlimm betroffene Patienten unter den Negativen hat Horst Fenchel eine Intensivstation im Keller des Hauses eingerichtet: Haben Entwickler nicht korrekt gearbeitet und das Bild nicht lange genug ausgewaschen, bleiben Chemikalien zurück, die nach gewisser Zeit mit dem Silber reagieren, das auf dem Film das Bild macht.

Gleiches passiert mit Schadstoffen aus der Luft: „Silber ist sehr reaktionsfreudig und häufig bilden sich zum Beispiel Silber-Schwefel-Verbindungen, die für gelbliche Flecken und Verfärbungen auf dem Negativ sorgen. Horst Fenchel badet seine Patienten dann gewissenhaft in Bleichen und entfernt hässliche Silberspiegel, die entstehen wenn sich Silber aus tieferen Schichten des Films auf der Oberfläche absetzt. Im Gegensatz zu Humanmedizinern ist Fenchel in seinem Kellerlabor aber wirklich Herr über Leben und Tod. Wenn für einen Patienten mal wirklich nichts mehr zu tun ist, stellt er sich an seinen Negativ-Kopierer und macht das Foto einfach nochmal. Bilder für die Ewigkeit: Daran arbeiten auch die Mitarbeiter von Thomas Scheidt, dem Werkstatt-Leiter des Bildarchivs Foto Marburg.

Bildarchiv ist online zugänglich

Seit dem Jahr 2000 digitalisieren diese jedes der knapp zwei Millionen Bilder im Archiv. „Wir versuchen jedes Bild dabei so original wie möglich zu transportieren und können mit unserer Technik kleine Bildfehler und -schäden ausgleichen“, sagt Thomas Scheidt. Weiterer Vorteil der Digitalisierung: Die Fotos sind inzwischen fast alle online zugänglich: unter www.bildindex.de können Laien und Fachleute kostenlos nach Stichwörtern suchen. Die riesige Datenbank wird jährlich von rund einer Million Menschen besucht: Forscher die Bildmaterial für Veröffentlichungen suchen, Architekten oder einfach Kunstinteressierte bekommen für ein Entgelt, die Bilder zur Verfügung gestellt. Das Bildarchiv hat eine eigene Service-Abteilung, die versucht alle Wünsche in kürzester Zeit zu erfüllen.

Altes erhalten und zukünftigen Generationen zur Verfügung stellen, das ist den Marburgern aber alleine nicht genug. Inzwischen macht das Fototeam um Thomas Scheidt auch wieder eigene Kampagnen, die teils von Wissenschaftlern in Auftrag gegeben werden. Das Jugendstilprojekt „Partage Plus“ wird sogar von der Europäischen Union finanziert. Für das Projekt, werden Tausende von Museumsobjekten wie Vasen, Möbel und Skulpturen fotografiert. Bei anderen kleinen Kampagnen wurden die romanischen Kirchen in Waldeck, das Schloss Bad Arolsen und der Stuttgarter Hauptbahnhof vor dem Abriss dokumentiert. „Seit 2008 sind die Digitalkameras so gut, dass wir damit die gewünschte Bildqualität erreichen, seitdem haben wir umgestellt“, so Scheidt.

Die Archivleiterin Susanne Dörler freut sich besonders über Schenkungen von Privatleuten oder professionellen Sammlern: „2008 haben wir den Nachlass des Bielefelder Historikers Reinhart Koselleck zusammen mit dem Literaturarchiv in Marbach erhalten“, so Dörler. Koselleck hat sich unter anderem mit der spannenden Frage beschäftigt, wie viel politische Aussage in Kunstwerken verschiedener Epochen steckt. Das Marburger Bildarchiv hat gerade ein wissenschaftliches Buch veröffentlicht, dass sich mit Reinhart Koselleck und der politischen Ikonologie beschäftigt. Die Arbeit im Bildarchiv Foto Marburg hört nie auf. Mehr als zehn Wissenschaftliche Mitarbeiter sind damit beschäftigt, die Bilder von unzähligen Reisen und Fotokampagnen zu sichten, zu archivieren, zu digitalisieren, zu erhalten und dann irgendwann zu restaurieren. So setzt das Bildarchiv seine Arbeit fort, damit es auch nach weiteren 100 Jahren das fotografische Gedächtnis der Geschichte von Kunst und Architektur sein wird.

Der Gründer:

Heinrich Richard Hamann, wurde in Magdeburg geboren, ging dort auf ein Domgymnasium und studierte anschließend Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte. In freier wissenschaftlicher Arbeit entstehen in 9 Jahren einschneidende Veröffentlichungen. 1911 erscheint die „Ästhetik“1911 habilitiert sich Hamann bei Wölfflin und erhält noch im gleichen Jahre einen Ruf als Professor der Kunstgeschichte an die Akademie Posen.
1913 erfolgt der Ruf auf das neueingerichtete Ordinariat an der Universität Marburg. Hier entfaltet sich Hamann in umfassendster Weise, bis über seine Emeritierung 1949 hinaus, als Lehrer, Forscher, Organisator, Kunstfreund und selbst als Photograph. Von der Antike bis zur Moderne reicht sein Arbeitsgebiet. Seit 1919 beschäftigt ihn – auch in Vorlesungen – der Gesamtverlauf der Kunstgeschichte.
Das Ergebnis ist die „Geschichte der Kunst“ in 2 Bänden (1933 und 1952), die immer wieder in neuen Auflagen erscheint. 1949 wird er ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften Berlin und gründet dort 1954 eine „Arbeitsstelle für Kunstgeschichte“ als erste Einrichtung dieses Faches an einer deutschen Akademie.

Zu den Personen:

Hubert Locher, seit 2008 Direktor des Bildarchivs Foto Marburg. 2008 Berufung an die Universität Marburg als Professor für Geschichte und Theorie der Bildmedien. Seit 2005, Zweiter Vorsitzender des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker.

Christian Bracht, seit 2004 Direktor des Deutschen Dokumentationszentrums für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg, Philipps-Universität Marburg. Leitung verschiedener Projekte der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

100-Jahr-Feier

Das Jubiläum wird am 19. Oktober mit einer Tagung, der Verleihung des Richard-Hamann-Preises an Professor Wolfgang Kemp und einer Ausstellung gefeiert. Die von Studierenden zusammen gestellte Schau zeigt und kommentiert die 100 besten Fotos des Bildarchivs. Zugleich wird das 100-jährige Bestehen des Kunstgeschichtlichen Instituts begangen. Die Ausstellung soll dann am 15. November auf dem Uni-Fest „Campus-Marburg“ auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Foto-Forschung:

Professor Hubert Locher ist wissenschaftlicher Direktor des Bildarchivs Foto Marburg. Im OP-Gespräch verrät er, welche Erkenntnisse und Entdeckungen man als Forscher im riesigen Fundus des Bildarchivs machen kann.

OP: Im Bildarchiv bewahren sie in erster Linie die auf Bild gebannte Geschichte der Kunst und Architektur. Welche Fragen kann man als Forscher an diesen Schatz stellen, wie kann man ihn nutzen?

Hubert Locher: Richard Haman hat das Bildarchiv Foto Marburg als kunsthistorisches Lehr und Forschungsarchiv gegründet. Die Aufnahmen zeigen auch Objekte, die in der Realität schon zerstört sind. Qualitativ sehr gute Aufnahmen, die die Geschichte von Kunst und Architektur konservieren. Wenn ein Wissenschaftler eine Monographie schreibt, dann kann er bei uns Bilder finden. Dieses Archiv ist selbst zu einem Monument geworden, dass eine Sammlung für die Geschichte der Wissenschaft. Auch die Fotografie selbst ist Gegenstand der Forschung: Die Entwicklung der Fotografie als Kunstform und als Technik.

OP: Was wird aktuell im Bildarchiv beforscht?

Locher: Wir haben zwei sehr populäre Schenkungen bekommen: Bilder von Kunstwerken von Karl Ernst Osthaus, der einer der wichtigsten deutschen Kunstmäzene und Kunstsammler des beginnenden 20. Jahrhunderts war und die Folkwang Idee begründete. Außerdem bearbeiten und beforschen wir gemeinsam mit dem Literaturarchiv in Marbach, den Nachlass des berühmten deutschen Historikers Reinhart Koselleck, der unter anderem eine große Zahl an Fotoaufnahmen von seinen Forschungsreisen hinterlässt.

OP: Was haben Sie für Laien zu bieten, die sich weniger mit den Bildinhalten, als mit der Geschichte der Fotografie befassen.

Locher: Wir sind eigentlich ein Negativ-Archiv. Weil jedes Negativ ein Unikat ist und die Urform der Fotografie. Aber auch bei Foto Marburg hat man in jüngster Zeit begonnen die eigenen, über die Jahre angesammelten Bestände an Fotopositiven zu sichten und zu erforschen. In der Absicht, das Material einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen haben wir eine virtuelle Präsentation in Angriff genommen und diese in einem Studierenden-Projekt erstellt. Unter den frühen Foto-Positiven finden sich zum Beispiel faszinierende Aufnahmen des aufkommenden Foto-Tourismus. Die ersten Fotos von Venedig, Rom finden sich hier genauso, wie die ersten touristischen Aufnahmen der Pyramiden von Gizeh in Ägypten.

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