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100-Jähriger will „den Saal rocken“

Jubiläumsgeburtstag 100-Jähriger will „den Saal rocken“

Es ist nicht leicht, einen Termin bei Simon Windholz zu bekommen. Er ist nicht nur in der Gerhart-Hauptmann-Straße zu Hause, sondern auch an sechs weiteren Orten in Marburg und Umgebung.

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Auf dem Ergometer und mit spazieren gehen hält Simon Windholz sich körperlich fit.

Quelle: Ruth Korte

Marburg. Seit acht Jahren lebt der Jubilar im Haus einer seiner Töchter, aber tagsüber ist er reihum auch bei seinen sechs anderen Kindern zu Gast. Alle sieben haben ihren Vater, der heute seinen 100. Geburtstag feiert, gerne bei sich. Er ist für sie keine Last, sondern bereichert ihr Leben, bemerkt jeder Besucher auf Anhieb.

Und das hat nicht nur seinen Grund darin, dass der alte Herr körperlich und geistig topfit ist, wie sein Sohn Hermann Windholz erzählt. Die Kinder lieben ihren Vater, weil er ihren ganzen Lebensweg offensichtlich mit sehr viel Liebe begleitet hat.

Simon Windholz hat seine Eltern verloren, als er vier Jahre alt war. Geboren am 18. Februar 1916 in Marienburg an der Wolga ist er mit seinen drei Geschwistern bei seiner Großmutter aufgewachsen. Um der Hungersnot im Jahre 1921 zu entgehen, zieht die Familie nach Sibirien, fünf Jahre später weiter in den Kaukasus nach Aserbaidschan. Mit Kriegsbeginn wird Windholz zum russischen Militär eingezogen, muss zwei Jahre später an die Front und gerät nach 20 Tagen in deutsche Gefangenschaft. „Und dort habe ich schwer Glück gehabt“, erzählt der Jubilar im Gespräch mit der OP. Denn als Wolgadeutscher spricht er Russisch und Deutsch, wird von der Wehrmacht als Dolmetscher in einer Verpflegungseinheit eingesetzt. Er gerät also bis Kriegsende aus der unmittelbaren Schusslinie.

Das Ende des „Tausendjährigen Reiches“ erlebt Windholz in Österreich. Aber er will unbedingt nach Deutschland. Für die lange Reise schenken ihm Bauern einen Anzug, drei Hemden und einen Hut. Gerne hätte er sich hinters Lenkrad eines der vielen Militärfahrzeuge gesetzt, welche die Wehrmachtssoldaten einfach so zurückgelassen haben. „Da war auch ein Mercedes, den hätte ich so gerne gefahren“, erinnert Windholz sich. Aber die Vernunft siegt - denn motorisiert wäre die Gefahr zu groß gewesen, kontrolliert zu werden. „So bin ich also gemeinsam mit einem Maulesel gewandert“, erzählt Windholz. Bis er nach drei Tagen auf einen Bauern trifft, der ihm das Muli gegen ein Fahrrad eintauscht. „Und das war mein Glück“, sagt Windholz. „Mit dem Maultier hätte ich nie und nimmer in einem kleinen Kahn die Donau überqueren können.“

Die Flucht per Fahrrad führt ihn von Passau weiter über Thüringen bis nach Kirchhain. Dort findet Windholz Quartier - und Arbeit als Knecht bei einem Bauern in Schröck. Und abermals hat er „schwer Glück“. Denn bei der Arbeit auf dem Feld lernt er die gebürtige Schröckerin Leni kennen. Die Liebe ist so groß, dass beide es kaum erwarten können, als Brautpaar vor den Altar zu treten.

Per Fahrrad von Schröck nach Fulda zum Bischof

Aber der Schröcker Pfarrer will die Trauung nicht vornehmen, da seiner Meinung nach alle Wolgadeutsche orthodoxe Christen seien. „Als ich ihm sagte, dass ich römisch-katholisch getauft bin, wollte der Pfarrer sich schriftlich die Genehmigung vom Fuldaer Bischof holen, das sollte drei bis vier Wochen dauern“, erinnert sich Windholz. Das ist dem jungen Paar zu lang. Und der Bräutigam schwingt sich aufs Fahrrad, um nach Fulda zu fahren. Mit der Einwilligung des Bischofs kehrt Windholz zurück. Aber das Vertrauen in den Schröcker Pfarrer ist verlorengegangen. Leni und Simon Windholz lassen sich in Marburg trauen.

Im Jahre 1953 zieht das Ehepaar vom Dorf in die Stadt. Dort wohnt es mit seinen sieben Kindern in der August-Bebel-Straße. Simon Windholz heuert 1947 bei den amerikanischen Besatzern als Fahrer an. Nach deren Abzug aus Marburg arbeitet er bei den Franzosen als Heizer, bevor 1957 die Bundeswehr sein Arbeitgeber wird. Obwohl er bereits 41 Jahre alt ist, wird er, weil ein Freund Fürsprache für ihn einlegt, als Chauffeur angestellt. 20 Jahre verbringt er so beruflich in der Tannenberg-Kaserne. Mit 61 Jahren geht er in den Ruhestand. „Hätte ich bis 65 gearbeitet, hätte ich nur 200 Mark mehr Rente bekommen“, sagt Windholz. „Das war es mir nicht wert.“

Leni Windholz stirbt im Jahr 2001. Sieben Jahre später zieht Simon Windholz in das Haus ­einer seiner Töchter in der Gerhart-Hauptmann-Straße ein, wo er bis heute wohnt.

Seinen 100. Geburtstag feiert er am Donnerstag gemeinsam mit seinen 7 Kindern, 14 Enkeln, 17 Urenkeln und 4 Ur-Urenkeln. Am Samstag steigt dann das große Fest mit 100 Gästen - einer für jedes Lebensjahr - im Gemeinschaftshaus der Hansenhausgemeinde. Und da will der Jubilar wieder mindestens ein Tänzchen wagen - wie voriges Jahr bei der Hochzeit seiner jüngsten Tochter Renate, als er nach dem beschwerlichen Aufstieg zum Schloss sogar noch „den Saal gerockt hat“, wie Schwiegertochter Caroline Walgarth berichtet.

Derzeit leben in Marburg 24 Menschen, die 100 Jahre alt sind, teilt das Standesamt auf OP-Anfrage mit. Simon Windholz hat das doppelte Dutzend vollgemacht.

von Michael Arndt

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