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Tanz mit dem Unvollkommenen

„german stage service“ Tanz mit dem Unvollkommenen

Ein sehr privates Stück ist „Dimensionen“, mit dem die Marburger Theatergruppe „german stage service“ Premiere gefeiert hat. Ein Stück über Krankheit, Alter und Versehrtheit – mit positiver Botschaft.

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Hingebungsvoll und sehr feinfühlig

Steffi Tauber verarbeitet in „Dimensionen“ ihre MS-Erkrankung – aber die neue Produktion der Off-Theatergruppe „german stage service“ ist absolut kein „Mitleidsstück“.

Quelle: privat

Marburg. Steffi Tauber ist Schauspielerin und Musikerin. Und sie leidet unter Multipler Sklerose, MS. Graciela González de la Fuente ist Tänzerin, Choreographin und Regisseurin. Sie hat schwere Krankheiten überstanden und kämpft mit dem Alter. „Ist Alter und Krankheit ein Versagen?“ Diese Frage­ steht ganz am Anfang des Stücks, das die beiden als Tanztheater verstanden wissen wollen, auch wenn der Tanz im herkömmlichen Sinn keine große Rolle spielt.

Grundlage von „Dimensionen“ sind Gespräche, die die beiden Frauen geführt haben, über das, was sie im Leben beeinträchtigt und den Umgang damit. Darüber, dass man nicht sehen kann, wie sie sich fühlen – die Tänzerin wirkt jugendlich und souverän, die Schauspielerin hat zwar Probleme beim Laufen, aber die Vielzahl von Missempfindungen, mit denen ihr Nervensystem sie martert, nimmt nur sie selbst wahr.

Anmut und Direktheit

Ihre Texte werden zum großen Teil aus dem Off eingespielt, die Bühne ertasten sie sich parallel dazu mit ihren Körpern. Tauber dreht sich ungelenk und doch anmutig im Spitzenkleid, González de la Fuente bewegt sich in Spitzenschuhen auf Krücken. Die beiden begegnen sich und dem Publikum mit Offenheit und Direktheit, bezirzen mit Musik – Taubers alter Ego Taika spielt Ukulele – und traumartigen Bildern. Dann wieder spricht Steffi Tauber die Zuschauer ganz direkt an, erzählt von den Hindernissen, die die Krankheit ihr im Alltag stellt und macht klar – auch wenn die Beschäftigung mit MS 75 Prozent ihrer Zeit frisst, bleibt doch Zeit für die schönen Dinge.

Und obwohl die Tänzerin ihren Körper perfekt beherrscht, ist ihr wunderbares Solo voll Zerrissenheit, wirkt sie versehrter und verletzlicher als die, die kaum eine gerade Linie gehen kann. Ihre ­Gedanken bleiben mehr in der Schwebe, aber am Ende wird sie sich bei der Schauspielerin bedanken – und das möchte man als Zuschauer auch tun angesichts der großen und völlig unpathetischen Kraft, die von ihr und diesem poetischen, leisen, nachdenklich und freudig stimmenden Stück Theater. Ganz viel Applaus.

von Heike Döhn

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