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Zwischen Widerstand und Pathos

Neues Buch: Cypherpunks Zwischen Widerstand und Pathos

Julian Assange und drei Mitstreiter warnen in einem gemeinsamen Buch vor dem Internet: Das Netz habe sich in einen gefährlichen „Wegbegleiter des Totalitarismus“ verwandelt. Ihr Gegenmittel: Alles verschlüsseln.

Marburg. Aktivisten wie der Wikileaks-Gründer Julian Assange leben im Netz, schwärmen gern von seiner Veränderungskraft. Doch in einem Gesprächsband von Assange mit drei Gleichgesinnten, unter ihnen Andy Müller-Maguhn vom Chaos Computer Club (CCC), heißt es düster: „Das Internet ist eine Bedrohung der menschlichen Zivilisation.“

In der Einleitung zu „Cypherpunks. Unsere Freiheit und die Zukunft des Internet“ zeichnet Assange ein düsteres Szenario, beschreibt den Überwachungsstaat in pathetischer Weise als Feind: „Wir haben ihm ins Auge geblickt.“

Eigentlich sei das Netz ja ein großartiges Mittel für Freiheit und Emanzipation. Diese platonische Idee werde aber jetzt beschmutzt. Die Welt schlittere „in einen postmodernen Überwachungsalptraum“.

Als Gegenmittel sieht er die Verschlüsselung der eigenen Daten und der Kommunikation im Netz. „Unsere Waffe gegen die Überwachung: Datenverschlüsselung für alle. Freiheit im Internet ist machbar.“ Wirksame Kryptographie sei die höchste Form des gewaltlosen Widerstands. Denn keine Gewalt, kein Zwang könne ein mathematisches Problem lösen.

Die Cypherpunks im Titel des Buchs sind ein Szenebegriff, der das Chiffrieren oder Verschlüsseln (englisch: cipher) mit der Vorstellung des rebellischen Geistes in der Punk-Bewegung verbindet. „Cypherpunks treten für den Einsatz von Kryptographie und ähnlichen Methoden als Mittel zur gesellschaftlichen und politischen Veränderung ein“, heißt es in dem Buch. Dieses schließt sich an ein Buch aus dem Jahr 1997 an mit dem Titel „Underground: Tales of Hacking, Madness and Obsession on the Electronic Frontier“, an dem Assange mitwirkte, ohne als Autor aufzutauchen.

Der Stil der „Cypherpunks“ erinnert an die „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“, die John Perry Barlow im Februar 1996 ins Netz gestellt hat. Der einstige Songtexter der Band „Grateful Dead“ fordert darin von den Staaten, sich gefälligst rauszuhalten aus dem Internet.

Der Text endet mit der Vision: „Wir werden im Cyberspace eine Zivilisation des Geistes schaffen. Möge sie humaner und gerechter sein als die Welt, die eure Regierungen bisher produziert haben.“

Die zehn Hauptkapitel des Buchs dokumentieren eine Gesprächsrunde mit Assange, Müller-Maguhn, Jacob Appelbaum aus den USA und Jérémie Zimmermann aus Frankreich. Die vier trafen sich im Sommer in einem Haus außerhalb von London, wo Assange unter Hausarrest stand – wegen des laufenden Auslieferungsverfahrens der schwedischen Justiz, die gegen Assange wegen des Verdachtes sexueller Nötigung ermittelt.

Die vier diskutieren über Zensur, über unterschiedliche Bereiche im Internet wie das Usenet mit seinen Foren und über die großen Netzportale der Gegenwart wie Google, Facebook und Twitter – der Vorwurf gegen die großen Netz-Konzerne lautet im Kern, dass ihre Zentralisierung im Widerspruch zum eigentlichen Wesen des Internets steht.

Die Lektüre der Katastrophen-Szenarien ist mühsame Kost. Die Auflockerung im Gesprächsstil gelingt nur teilweise. Zum Schluss geraten die antistaatlichen Aktivisten gar in die Untiefen nationaler Klischees: „Italienische Hacker verhalten sich komplett anders als deutsche“, meint Müller-Maguhn. „Wo immer sie sind, muss gut gekocht werden; bei deutschen Hackern muss immer alles ordentlich strukturiert sein.“

Julian Assange, Jacob Appelbaum, Andy Müller-Maguhn, Jérémie Zimmermann: „Cypherpunks. Unsere Freiheit und die Zukunft des Internets“, Campus-Verlag, 200 Seiten, 16,99 Euro mit E-Book.

von Peter Zschunke

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