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Zwischen Traum und Alptraum

Samsas Traum gastiert im KFZ Zwischen Traum und Alptraum

Normalerweise wissen die Fans von Samsas Traum, was kurz vor Weihnachten auf der Bühne des Marburger KFZ auf sie zukommen wird. Diesmal wird es ein etwas anderer Abend.

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Der in Marburg lebende Alexander Kaschte ist der Kopf der Band Samsas Traum.

Quelle: privat

Marburg. In den vergangenen Jahren spielten Samsas Traum zum Jahresabschluss in Marburg ein Akustikkonzert, mit einem Programm, das sich quer durch die Bandgeschichte zog. So war es auch dieses Jahr für den 19. Dezember geplant. Dann kamen das neue Album „Poesie: Friedrichs Geschichte“ und die Anschläge von Paris, bei denen drei Bekannte und Freunde aus dem Bandumfeld ihr Leben verloren.

Für den in Marburg lebenden Sänger Alexander Kaschte und die Band Gründe, nicht einfach so weiterzumachen wie bisher. Die Band begann, den Jahresabschluss-Gig inhaltlich und emotional umzugestalten. „Der Mensch will an und für sich glücklich sein“, sagt Kaschte im Gespräch mit der OP.

Diese Erwartung ihrer tanz- und feierfreudigen Fans kennen Samsas Traum und sie wollen sie auch bedienen – aber nicht uneingeschränkt und nicht zum falschen Zeitpunkt. In der Konzertankündigung heißt es, Samsas Traum sehe sich diesmal „nicht nur außerstande, euch beim diesjährigen Weihnachtskonzert akustisch zu bespaßen“ – man wolle es diesmal auch nicht.

Lehren aus voriger Tour

Am Samstag gibt es deshalb ein Konzert, das einen Spagat wagt zwischen Ernst und Unterhaltung. Zu Beginn spielt Samsas Traum das einstündige Konzeptalbum „Poesie: Friedrichs Geschichte“ (siehe Text unten) erstmals komplett am Stück live, danach folgt für die Fans ein gekürztes Akustik-Programm und „die obligatorische Best-of-Show“.

Damit zieht Samsas Traum auch Lehren aus der gerade abgeschlossenen Tour. Die Erfahrungen, vor allem beim Einbinden der neuen Stücke aus „Friedrichs Geschichte“, das die Vernichtung von für „unwert“ erklärtes Leben in der Nazi-Tötungsanstalt Hadamar zum Thema hat, seien jeden Abend anders gewesen. Manchmal sei das Publikum angemessen mit dem fordernden Stoff aus dem neuen Album umgegangen, an anderen Tagen eher respektlos gegenüber den Opfern, wie Alexander Kaschte berichtet.

Auch die Band suchte den richtigen Weg der Präsentation. Manchmal spielten Samsas Traum auf der Tour das Album in Häppchen von zwei Liedern über den Abend verteilt, dann wieder – gekürzt – als Einheit, durch eine kleine Pause von den anderen Stücken abgesetzt.

In Marburg erklingt „Friedrichs Geschichte“ nun erstmals in voller Länge auf der Bühne. Man darf gespannt sein.

  • Karten sind noch online und an der Abendkasse erhältlich.

von Michael Agricola

 
 „Friedrichs Geschichte“:
Eine CD, die nicht jeder hören will, aber jeder haben sollte

Auf „Friedrichs Geschichte“ bin ich eher zufällig aufmerksam geworden, Samsas Traum kannte ich bisher nur vom Namen. Die neue CD der Band hat mich allerdings tief beeindruckt. So ging es nicht nur mir, denn bislang hat sie durchweg lobende Kritiken bekommen. Auch zur Überraschung von Sänger Alexander Kaschte.

Denn die Band ist ein großes Wagnis eingegangen: Es geht weg von der bisherigen Musikwelt der eher im Gothic-Stil, in Fantasy-Welten und im Dark Metal beheimateten Band und ihrer Zielgruppe, baut auf Sprechgesang, Hiphop-Elemente, bombastische Rocksymphonien und auf ein schwer verdauliches Thema. Das Konzeptalbum hat das Grauen eines der dunkelsten Kapitel in der deutschen Geschichte zum Thema – Euthanasie im Nationalsozialismus.

Und es geht ihm auf unbehaglich-direkte Weise auf den Grund: anhand des Schicksals eines gedichteschreibenden Jungen, der von seiner Umwelt als verhaltensgestört gebrandmarkt wird und von den Nazis in der Tötungsanstalt in Hadamar bei Limburg umgebracht wird. 15.000 Behinderte, psychisch Kranke oder einfach nur als krank eingestufte Menschen wurden dort zwischen 1940 und 1945, nur 60 Kilometer von Marburg entfernt, im Namen einer rasse-verblendeten Wissenschaft „beseitigt“.

Die Geschichte Friedrichs ist bei Samsas Traum aber zugleich die der Täter: von Ärzten wie Bodo Gorgass, der über Leben oder Tod der ihm aus der ganzen Republik zugeführten Patienten entschied. Des Personals, das sich zur Feier der 10.000. Leiche ein Freibier schmecken lassen durfte. Und von Mitläufern, die nur auf Weisung von oben gehandelt haben und später alles „nur fürs Vaterland“ getan haben wollten.

Ich bin nicht empfindlich, aber diese CD ist keine, die man sich täglich in die Musikanlage schiebt. Sie ist musikalisch abwechslungsreich, eingängig und hörenswert, reißt den Hörer aber durch die gnadenlosen Texte hinein in eine beklemmende, barbarische Welt.

Die Musik stützt die Dramatik, die Texte sind in ihrer Direktheit schwer erträglich – weil sie die arrogante Überheblichkeit der selbsternannten Herrenmenschen ebenso ungeschminkt abbilden wie die bürokratische Akribie der Schreibtischtäter, die das Grauen verwalteten. Sänger Alexander Kaschte verkörpert sie alle, wie sie wohl waren: der Opfer verhöhnende Peiniger („Richard, warum stirbst du nicht?“), mit einem zynischen Kinderreim („Backe backe Kohlen, der Hitler soll dich holen“) oder im zackigen Rap über die korrekte Erfassung der Opfer auf Meldebögen – „um die guten von den schlechten, von den Schädlingen zu trennen“.

Mal sprüht die Unmenschlichkeit und Kälte förmlich aus den Lautsprechern. Dann wieder gibt Kaschte Friedrich und seinen Leidensgenossen eine leise Stimme, zeigt ihre Hilf- und Sprachlosigkeit, ihre Ohnmacht und Angst. Am Ende fragt Friedrich uns alle: „Was weißt du schon von mir? Du hast mich nie gekannt.“

Das ist ein Album, das so nah an der Wirklichkeit ist, dass es einem beim Hören das Herz eng macht. Es trifft den Nerv, in einer Zeit, in der die Wirkung der in manchem Programm in Dauerschleife gesendeten Nazi-Dokus sich zunehmend emotional abschleift. Friedrichs Geschichte ist ein aufschreckender Kontrast, ein moderner und beispielloser Zugang zu einem Thema, das viele lieber nicht mehr anrühren wollen. Kein Wunder, dass Lehrer und Schüler es in den Schulunterricht bringen wollen – dort gehört es hin und eigentlich auch in jeden Haushalt.

  • Samsas Traum: „Poesie: Friedrichs Geschichte“, Trisol Music Group (auch als limitierte Version inklusive Bonus-CD mit Instrumentalversionen erhältlich).

von Michael Agricola

 
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