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Zwischen Rio Reiser und Björn Höcke

Premiere im G-Werk Zwischen Rio Reiser und Björn Höcke

Wo wird es hingehen mit Deutschland in Zeiten, in denen Politiker als Volksverräter bezeichnet werden und der nackte Hass auf alles, was weltoffen ist, im Netz tobt? Wie soll man sich positionieren?

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Intensives Theater lieferte Rolf Michenfelder als Regisseur und Darsteller im G-Werk.

Quelle: german stage service

Marburg. Die Marburger Theatergruppe german stage service liefert mit „Dieses Land ist es nicht“ einen sehr persönlichen Beitrag dazu ab. Rolf Michenfelder steht in diesem Stück allein auf der Bühne, er hat Regie geführt und das Stück, das am Freitag Premiere hatte, geschrieben. Wobei er dabei viel Text von anderen übernommen hat. Zitate von Vordenkern der AfD und der neuen Rechten stehen Texte von Rio Reiser gegenüber, der mit seiner Band „Ton Steine Scherben“ in den 70er-Jahren ein Sprachrohr der linken Szene gewesen ist. Wenn Rolf Michenfelder als trauriger Clown auf der Bühne des Theaters im G-Werk steht, werden die Verbindungen schnell deutlich. „Dieses Land ist es nicht“ sang Rio Reiser, und die Träume und Hoffnungen auf eine andere Gesellschaft, die in seinen Texten poetischen Ausdruck finden, die haben viele ­geträumt. Haben sich eingesetzt für eine andere Gesellschaft, freier, toleranter, anders, als „die da oben“ es vorgesehen haben.

Und jetzt gibt es wieder eine Bewegung, die ein anderes Deutschland will, wenn auch aus ganz anderen Motiven heraus. Das muss Michenfelder gar nicht ausformulieren, er muss sie nur vorführen, die Gedanken, die der AfD-Politiker Björn Höcke äußert, oder die von dem rechtsnationalen Publizisten Götz Kubitschek vorgetragen werden. Da werden Weltbilder entwickelt, da wird postuliert, dass Deutschland nur mit Problemlösungen von rechts gerettet werden kann. Da bläst allen, die von etwas anderem geträumt haben, der Wind massiv ins Gesicht - das zeigt Michenfelder ganz ohne Worte.

Kalt wird es im eigentlich eher überhitzen Theatersaal, wenn er mit sanfter Stimme die Worte spricht, mit denen das ganz andere, neue Deutschland beschworen wird, oder wenn er das hasserfüllte Geifern der AfD-Politikerin Nadine Hoffmann wiedergibt, die sich über den „multikulturellen Kleingeist“ der deutschen Intellektuellen ereifert. Musik spielt eine große Rolle in diesem Stück, und das sehr körperbetonte Spiel des Schauspielers, der über weite Strecken ganz ohne Worte ­Position bezieht zu den Texten der anderen. Muss man, kann man jetzt kämpfen für diese Demokratie, die doch auch nicht das ist, wovon man früher geträumt hat? Oder zieht man sich zurück in Resignation, eingefroren in ­winterliche Kälte wie Schuberts „Leiermann“, der auch auf der Bühne erscheint? Einfache Antworten auf die Frage, wie man umgehen soll mit dem, was ­politisch und gesellschaftlich in Deutschland passiert, gibt Michenfelder nicht - wie auch.

Aber er erinnert daran, dass die Vorstellungen, wie eine gerechte Gesellschaft aussehen könnte, nicht veraltet sind. Rio Reiser ist tot, wir aber nicht, sagt die Bühnenfigur. Und solange man nicht tot ist, kann man nicht den Kopf einziehen vor dem, was Michenfelder auf der Bühne entlarvt. Anderthalb Stunden intensives Theater, das das Publikum ebenso atemlos macht wie es der Darsteller angesichts seines Körpereinsatzes auch immer wieder ist. Und diese Art Auseinandersetzung mit Politik und Gesellschaft, die in Herz und Hirn zugleich zielt - würde es das ab kommendem Jahr angesichts der Kürzungen im städtischen Kulturetat nicht mehr geben, wie die Theatergruppe im Programmheft aufzeigt, wäre das ein herber Verlust.

Weitere Aufführungen von „Dieses Land ist es nicht“ gibt es am 18., 19. und 20. Mai ab 20 Uhr, am 21. Mai ab 18 Uhr im Theater im G-Werk. Tickets gibt es unter 06421/62582.

von Heike Döhn

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