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Zwischen Himmel und Hölle

Café Vetter: Sibylle Lewitscharoff Zwischen Himmel und Hölle

Zwischen Kuchenduft, heißem Tee und blumenbedruckten Gardinen stellte Sybille Lewitscharoff ihren neuen Roman „Das Pfingstwunder“ vor.

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Nach ihrer Lesung im Café Vetter signierte Sibylle Lewitscharoff geduldig ­Bücher.

Quelle: Nigar Ghasimi

Marburg. Im Café Vetter stellte die Georg-Büchner-Preisträgerin auf Einladung der Buchhandlung Elwert-Lehmanns gut 100 interessierten Zuhörern ihren neuen Roman „Das Pfingstwunder“ vor. Im wechselnden Gespräch zwischen der Moderatorin Ruth Führner (HR) und dem Publikum, wurden Einblicke in den Roman gewährt und Fragen beantwortet.

Im Jahr 2013 treffen sich kurz vor Pfingsten auf dem Aventinischen Hügel in Rom 34 Danteforscher aus allen Teilen der Welt zu einem Dante-Kongress. Der Ich-Erzähler ist der Frankfurter Romanist Gottlieb Elsheimer. In dem Moment, in dem die Glocken des Vatikans erklingen, geschieht das Pfingstwunder. Plötzlich werden alle Sprachen gesprochen und verstanden. In der Folge werden die Dante-Forscher – bis auf Gottlieb Elsheimer – in den Himmel entrückt. Elsheimer ist ein Mann mit starker Bodenhaftung, den das vor seinen Augen geschehende Pfingstwunder in eine Kaskade von Selbstbefragung stürzt.

Anliegen: Menschen für Dantes „Commedia“ begeistern

Mittelpunkt des Romans ist Dantes „Göttliche Komödie“, der Dichter vermutlich um 1307 begann und erst kurze Zeit vor seinem Tod im Jahr 1321 vollendete. Dante setzt sich mit dem Jenseits auseinander und nimmt den Leser mit auf eine­ Reise zwischen Himmel und Hölle. Mit ihrem Wissen beglückt die Autorin nicht nur Dante-Liebhaber.

Sie hege schon lange große­ ­Bewunderung für Dantes Sprachvermögen. „Die Göttliche Komödie“ ist in ihren Augen das wahrscheinlich beste Langgedicht der Literaturgeschichte. Unermüdlich schwärmt sie von dem großen Meister, der die moderne italienische Sprache begründet habe.

Beim Schreiben des Romans sei eines ihrer großen Anliegen gewesen, die Menschen für die „Commedia“ von Dante zu begeistern. So lässt sie in „Pfingstwunder“ auch immer wieder den Forschungsstand zu Dantes „Göttliche Komödie“ als ­Information für den Leser­ ­hineinfließen. So will sie das ­Alte in die Gegenwart ziehen, ihm zu Aktualität verhelfen.

Lewitscharoff ist eine Autorin, deren Werkzeug die Spurensuche in der Weltliteratur ist. Sie hat sich durch alle 50 Übersetzungen der „Göttlichen Komödie“ gearbeitet. Zehn davon seien gut, sagte sie.

Bewunderung für magischen Realismus

In Italien sei Dantes Werk unter Gebildeten auch heute noch präsent. Doch trotz einer regel­rechten Welle von Übersetzungen, die Deutschland im 19. Jahrhundert überkam, sei „Die Göttliche Komödie“, außer in den Königs- und Fürstenhäusern, recht wenig gelesen worden. Lewitscharoff begründet dieses Phänomen mit der Distanz des realitätsfreudigen Deutschen zum Mystischen, ganz im Gegensatz zu den Südamerikanern, unter jenen sie lange Zeit gelebt hat. Sie bewundert seither den magischen Realismus eines Gabriel Garcia Marquez.

„Jede meiner erfundenen Figuren hat das Recht zu existieren“, sagte sie. So sollte auch der bei Dante herausstechende Sadismus nicht nur „vulgarisiert“ werden, wie Lewitscharoff es nennt, denn auch dafür sei Literatur eben da: um die Charaktere auch als gottgewollte Figuren wirken zu lassen. Gleichzeitig gefalle ihr der Sadismus, der sich bei Dante auslebe, etwa in der alttestamentarischen Vorstellung eines strafenden Gottes, der die „Bösen“ für ihre ­Sünden leiden lässt.

Die 1954 in Stuttgart geborene Autorin hat zahlreiche Preise gewonnen, unter anderem 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis und 2013 den Georg-Büchner-Preis. 2014 sorgte sie bei einer Rede im Staatsschauspiel Dresden mit radikalen Äußerungen gegenüber der Fortpflanzungswissenschaft für einen Eklat. Sie bezeichnete Kinder, die durch künstliche Befruchtungen gezeugt wurden als „Halbwesen“ und zog Parallelen zu NS-Verfahren.

  • Sibylle Lewitscharoff: „Das Pfingstwunder“, Suhrkamp-Verlag, 350 Seiten, 24 Euro.

von Nigar Ghasimi

 
 
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