Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Zwischen Aufopferung und Paranoia

Theaterverein Wetter zeigt „Woyzeck“ Zwischen Aufopferung und Paranoia

Abhängig, unterdrückt, gedemütigt – und schließlich auch noch betrogen: Karl Georg Büchners ­Dramen-Fragment „Woyzeck“ bringt das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen.

Voriger Artikel
Jazzstar Curtis Stigers spielt im Congresszentrum
Nächster Artikel
Fotos zeigen Wasser als Quelle des Lebens

Maries (Cathrin Seibert, Mitte) Untreue bringt das Fass zum Überlaufen: Woyzeck (André Mettken, links) muss mitansehen, wie ihn seine Freundin mit dem Tambourmajor (Uwe Fischbach) betrügt.

Quelle: Simone Schwalm

Wetter. Er tut für seine große Liebe alles. Er arbeitet bis zum Umfallen. Er verdient sich noch etwas dazu, indem er an einem Ernährungsexperiment teilnimmt. All sein Geld gibt er ihr und ihrem gemeinsamen unehelichen Sohn. Das klingt romantisch, nach einer Liebesgeschichte. Ist es aber nicht.

Die Geschichte, die der Theaterverein Wetter im März auf die Bühne der Wetteraner Stadthalle bringt, ist vieles, aber keineswegs leichter Stoff. Dagegen ist sie schnell erzählt: „Es geht um eine enttäuschte Liebe und um einen Mann, der sich nicht anders zu helfen weiß, als seine Geliebte zu ermorden – er reagiert einfach auf die Welt“, fasst Regisseur Matze Schmidt zusammen. Es ist die erste Zusammenarbeit des Waggonhallen-Leiters mit der Amateurtheatergruppe aus Wetter.

Klassiker kommt gar nicht klassisch daher

Einen Zugang zu dieser relativ einfachen Geschichte zu finden, deren Thematik durchaus aktuell ist, kann schwierig sein, weiß Schmidt. Dies liegt nicht zuletzt an der gewöhnungsbedürftigen Sprache. Im Gegensatz zur Sprache des klassischen Dramas herrscht im „Woyzeck“ die Umgangssprache vor.

Auch die Form des Dramas ist herausfordernd und alles andere als klassisch. Es handelt sich zwar um ein zeitgenössisches Drama aus den 1830er-Jahren, jedoch ist es nur in Fragmenten überliefert, also unvollständig beziehungsweise unvollendet. Dass sich der Theaterverein dieser Herausforderung stellt, findet Schmidt „wichtig und mutig“. Und er betont: „Das Stück hat auch seine unterhaltsamen und komischen Seiten.“

Büchners Dramen-Fragment erzählt nicht nur die Geschichte eines Menschen zwischen Aufopferung und Paranoia, sondern ist durchaus auch als Gesellschaftskritik zu verstehen. Wenn der Marktschreier (Utz Lambert) „viehdummen Kreaturen“ wie Affen und Pferd Vernunft und Verstand andichtet, dann blickt das gaffende Volk gewissermaßen in einen Spiegel.

Marie hilft ihrem Verehrer nicht

Sie sind zwar keine tierischen Kreaturen, dafür aber nicht weniger beschränkt – in klein-bürgerlichen Moralvorstellungen gefangen und dem Stumpfsinn untertan, den sie hinter Uniformen und Dienstgraden sowie wortgewaltigen Hülsen zu verstecken suchen.

Unter ihnen versucht Woyzeck (André Mettken), irgendwie seine Geliebte Marie (Cathrin Seibert) und ihr gemeinsames Kind finanziell durchzubringen – tippelnd, zitternd, ebenso gefangen. Marie erkennt zwar: „Er schnappt noch über mit den Gedanken!“, doch helfen wird sie ihm nicht, ganz im Gegenteil. Woyzeck vertraut sich ihr beinah hilfesuchend an, während sie ihre prinzipielle Gleichgültigkeit mit dem Schminken ihrer Lippen betont und sich dem Tambourmajor (Uwe Fischbach) zuwendet.

Auch der Doktor (Daniela Fruth) und der Hauptmann (Rüdiger Clasani) sehen in Woyzeck zwar einen guten Menschen, doch verhöhnen ihn nur umso mehr. Maries Betrug bringt das Fass schließlich zum Überlaufen.

von Simone Schwalm

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr