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Zwischen Angst und Durchhaltevermögen

„Globale Mittelhessen“ gestartet Zwischen Angst und Durchhaltevermögen

Die Globale Mittelhessen versteht sich als globalisierungskritisches Filmfestival. Sie startete am Wochenende in der Waggonhalle mit einem Film über Flüchtlinge, gedreht von einem Flüchtling.

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Vom Berg Gurugu, einer schwer gesicherten spanischen Exklave in Marokko, blickt ein Afrikaner auf den Sehnsuchtsort Melilla.

Quelle: Veranstalter

Marburg. Der Film „Les Sauteurs – Those who Jump“ von Moritz Siebert und Abou Bakar Sidibé aus dem Jahr 2016 dokumentiert das Leben von Flüchtlingen aus Mali, die alles daran setzen, in die spanische Exklave­ Melilla an Marokkos Mittelmeerküste zu gelangen. Es ist für sie das gelobte Land, der Schritt nach Europa.

Der Applaus ist besonders laut, als eine Zuschauerin das ausspricht, was anscheinend auch die übrigen 130 Anwesenden denken: „Es freut mich sehr, dass Sie es hierher geschafft ­haben. Hoffentlich können Sie ihren Traum verwirklichen.“ ­Gemeint ist Abou Bakar Sidibé. Der malische Flüchtling und Co-Regisseur des Films „Les Sauteurs – Die, die springen“.

Der Traum von einem besseren Leben in Europa. Das ist es, was sich Sidibé wünschte, als er Mali verließ, die Sahara durchquerte und schließlich an den Grenzzaun der spanischen Exklave­ Melilla gelangte. Dort gaben ihm die beiden deutschen Dokumentarfilmer Moritz Siebert und Estephan Wagner eine Videokamera, mit der Sidibé sein Leben an der Pforte zu Europa­ festhalten sollte. Das Ergebnis ist ein seltenes Zeugnis von Durchhaltevermögen.

Tausende Flüchtlinge leben in den informellen Camps auf dem Berg Gurugu in unmittelbarer Nähe zum Grenzzaun. Der Traum von Europa schweißt zusammen. Häufig spricht die Zweckgemeinschaft von Angst. Angst vor der spanischen Polizei, die die Camps regelmäßig attackiert, Angst vor dem Scheitern.

Kontraste und Flüchtlingsströme

Neben den Einblicken in die Kameradschaft sind besonders die Aufnahmen vom Berg Gurugu auf die spanische Hafenstadt äußerst eindringlich. Wenn dann Whitney Houstons „I will always love you“ ertönt, und Sidibé seine „Brüder“ filmt, wie diese wie angewurzelt am Berghang stehen und auf die in Abendröte getauchte Stadt blicken, schreien die Bilder quasi schon vor Sehnsucht. Sein leiblicher Bruder lebt bereits in Valencia, hat den Sprung über den Zaun geschafft.

Das Videokameramaterial­ wird durch spanische Überwachungsvideos vom Grenzzaun komplementiert. Im sterilen Schwarz, Grau und Weiß flimmern die Flüchtlingsströme auf dem Weg zum Zaun über die Leinwand. Ein beeindruckender Kontrast zu den farbenfrohen Aufnahmen Sidibés. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen werfen für eine Zuschauerin die Frage auf, warum die spanische Regierung diese veröffentlicht habe. „Weil sie uns dem Rest der Welt als Tiere ohne Kultur zeigen wollten“, vermutet Sidibé.

Mehrere Attacken auf den Zaun scheitern und fordern ihren Preis. Sidibé hat nicht nur mit dem Tod eines Freundes zu kämpfen, sondern kämpft auch ein Duell mit der eigenen Moral aus. Selbstzweifel wachsen. Lohnt sich das Vorhaben Europa überhaupt noch? Die Antwort lautet: „Ja.“ Der Westen betreibt laut Sidibé ( Foto: Kaiser), der in seiner Heimat Lehrer war, schließlich die gezielte Destabilisierung afrikanischer Staaten, will diese nieder halten. Sidibés Fazit: „Ihr könnt uns nicht niederhalten und uns dann ausschließen.“

Sidibé lebt derzeit im bayerischen Kempten. Wie es von Melilla aus weiterging thematisiert der Film nicht, und der Regisseur hält sich in der Waggonhalle bedeckt. Die „Gloale Mittelhessen“ präsentiert über einen Zeitraum von 13 Tagen 65 Filmveranstaltungen in mittlerweile­ 10 Spielorten, quer verteilt in der Region Mittelhessen. Mehr über das Programm gibt es im Internet unter www.
globalemittelhessen.de

von Benjamin Kaiser

 
 
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