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Zwischen Aberglaube und Gottesfurcht

Theater Zwischen Aberglaube und Gottesfurcht

Mit „Das Wechselbalg“ hat Autor Willi Schmidt ein leises, beklemmendes und atmosphärisch dichtes Kammerspiel auf die Bühne gebracht. Bei der Premiere am Mittwochabend gab es stürmischen Beifall in der ausverkauften Waggonhalle.

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Die Gedanken sind frei: Nur zusammen mit dem Knecht Hermann (Willi Schmidt) kann sich Dotje (Corinna Kilger) in eine andere Welt hinein träumen.Foto: Bettina Preussner

Marburg. Im Mittelpunkt des eindringlichen Zwei-Personen-Stückes steht die Magd Dotje aus dem Burgwald, die in den 1920er Jahren auf einem großen hessischen Bauernhof lebt und schuftet. Dotje ist anders als die anderen Bauernmägde: Sie ist verträumt und feinfühlig, eigensinnig und aufmüpfig. Weil sie so anders ist, glaubt sie, ein Wechselbalg zu sein, vom Teufel vertauscht.

Zuneigung und Geborgenheit findet sie nur bei Hermann, dem Knecht, der ebenfalls auf dem Hof lebt. Aber Hermann ist ein bisschen sonderlich. „Irgendetwas ist schief in seinem Kopf“, sagt Dotje liebevoll.

Der Alltag der jungen Magd ist geprägt von harter Arbeit und Trostlosigkeit. Sie ist dem Großbauern, der sie als Besitz betrachtet wie Hof und Vieh, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Der brutale Mensch missbraucht und vergewaltigt sie schließlich, und sie hat keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.

Dotje hat sogar noch Schuldgefühle und glaubt, eine Todsünde begangen zu haben. Niemand hat Verständnis für ihre Lage, nicht die Leute im Dorf, nicht die Eltern, nicht der Pfarrer. Nur Hermann tröstet sie und bringt sie auf andere Gedanken.

„Das Wechselbalg“ zeigt die strenge und geschlossene Welt in einem mittelhessischen Dorf der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, eine fest gefügte Welt, in der Kirche und Aberglaube regierten. Eine Welt, in der eine starre und fest gefügte soziale Hierarchie herrschte und in der vor allem Frauen keinerlei Rechte hatten.

In seiner Inszenierung lässt Autor und Regisseur Willi Schmidt diese Welt wieder sehr lebendig werden. Trotz des ernsten und schrecklichen Themas vermeidet er aber jedes Pathos, die leisen Töne bestimmen das Stück. Da ist zunächst der streckenweise poetische Text, der auch die schönen Seiten des ländlichen Lebens besingt: Die Natur, die Einfachheit, die Stille. Da ist die ruhige klassische Musik, die immer wieder im Hintergrund erklingt und Atmosphäre schafft. Und da ist vor allem das ganz und gar unpathetische Spiel der beiden Hauptdarsteller.

Corinna Kilger spielte die Magd Dotje sehr intensiv und gab der sensiblen Figur, die zwischen Angst, Unsicherheit und Verzweiflung schwankte, ein überzeugendes Gesicht. Willi Schmidt selbst war gleich in drei Rollen zu sehen: Als kauziger, einfühlsamer Knecht Hermann, als brutaler und rücksichtsloser Großbauer und als freundlicher, etwas düsterer Köhler.

In der Hauptrolle als Hermann zeigte Schmidt einen herzensguten Menschen. Hermann liebt und begehrt die junge Magd, nähert sich ihr aber nur behutsam und ist schließlich ihr einziger Trost. Immer wieder träumen die beiden von einer besseren, einer freieren Welt.

Zum Gelingen der Inszenierung trug auch die schlicht gestaltete Bühne bei. Eine Holzbank, ein Bachlauf und eine Schräge mit Heu und Stroh genügten. Für besondere Effekte sorgte der kleine Bach, gefüllt mit echtem Wasser. In diesem Ur-Element inmitten der Natur sucht die verzweifelte Magd Dotje ihre letzte Zuflucht.

Am Schluss des eindrücklichen Theaterabends gab es viel Beifall für die beiden Darsteller und den Autor. „Das Wechselbalg“ ist noch zu sehen am heutigen Freitag sowie am 30. und 31. August, jeweils ab 20 Uhr.

Von Bettina Preussner

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