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Zum Bersten vollgepackt mit Ideen

"Nathan der Weise" am Landestheater Zum Bersten vollgepackt mit Ideen

Mit einer mutigen und oft irritierenden Inszenierung eines deutschen Klassikers startet das Hessische Landestheater in die Spielzeit: Für „Nathan der Weise“ gab es am Samstag viel Applaus, aber auch viele fragende Gesichter.

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Sultan Saladin (Stefan Piskorz) trifft auf den Tempelherrn (Moritz Pliquet), dem er das Leben geschenkt hat. Beobachtet wird die Szene vom Chor aus Marburger Jugendlichen.Foto: Neven Allgeier

Marburg. Lessings 1783 uraufgeführter „Nathan der Weise“ wird allenthalben wieder aus der Versenkung geholt, so wie nach dem Zweiten Weltkrieg als Antwort auf den Nazi-Terror. Doch wie geht man heute mit einem mehr als 200 Jahre alten Ideendrama um, das zum deutschen Bildungskanon gehört und von dem selbst der Autor glaubte, dass es auf der Theaterbühne nur geringe Wirkung entfalten würde? Mit einem Stück, das sich ideellen Themen wie Humanismus, Toleranz und Vernunft verpflichtet fühlt? Mit einem Drama, das angesichts des Terrors des Islamischen Staates (IS) in Irak und Syrien und der Flucht von Millionen Menschen vor Not und Elend als Stück der Stunde gilt?

Das Hessische Landestheater ist ein Risiko eingegangen, indem es den jungen Regisseur Nick Hartnagel mit der Regie beauftragte. 27 Jahre jung ist er, seine Ausbildung absolvierte er an der Berliner Theaterschmiede „Ernst Busch“. Danach folgten Inszenierungen in Hannover,Osnabrück und Tübingen - vor allem junge Stücke. Nun also ein Klassiker: Hartnagel weiß um den bildungsbürgerlichen „Ballast“ von Lessings „Nathan“. Er hat das Stück, das zur Zeit der Kreuzzüge in Jerusalem spielt, rigoros entstaubt und in die Gegenwart transportiert. Zwölf Marburger Jugendliche holt er auf die Bühne. In ihren mit silberglänzenden Applikationen besetzten Kostümen sind sie deutlich mehr als Bühnenbeiwerk: Sie sind der Chor einer antiken Tragödie, der unter anderem die Rollen des Patriarchen, eines intriganten Hetzers, das Volk und heutige Jugendliche in sich vereint. Sie haben richtig viel Text und machen ihre Sache verblüffend gut.

Damit gibt Hartnagel die Richtung vor: Seine Inszenierung richtet sich an ein junges Publikum, das den „Nathan“ vermutlich in Klassenstärke besuchen wird. Hartnagel holt zudem Lessing selbst auf die Bühne in Form einer von Philip Lütgenau großartig geführten lebensgroßen Puppe. Mit ihm gibt es einen unterhaltsamen Ausflug in die Welt der Philosophie, in die Welt des sogenannten Regietheaters, das sich alles herausnimmt, und in die Welt des Verstandes als Waffe gegen Intoleranz und Dummheit. Auch Texte des umstrittenen „Stahlgewitter“-Schriftstellers Ernst Jüngerund des Franzosen Michel Houellebecq baut er in das Stück ein: Am Ende wagt er mit Houellebecqs „Unterwerfung“ den Versuch, Lessing mit vielen Jungfrauen zum Islam zu verführen.

Chor und Licht geschickt eingesetzt

Hartnagel und der Dramaturg Simon Meienreis packen unglaublich viel in die zwei Stunden. Ihr „Nathan“ ist zum Bersten vollgepackt mit Ideen, so voll, dass der Jude Nathan mit seinen stillen und klugen Fragen und Sätzen kaum dagegen ankommt.

Die Bühne ist kahl. Dennoch gelingt Hartnagel eine optisch sehr wirkungsvolle Inszenierung, denn er setzt den Chor als Bühnenelement sowie das Licht äußerst geschickt ein. Effektvoll sind auch die Klangcollagen, die von Mikrofonen verstärkt werden, die von Decke herabhängen.

Auf dieser Bühne versucht der Jude Nathan zu überleben, indem er an die Vernunft appelliert. Karlheinz Schmitt spielt ihn sehr zurückhaltend, fast schüchtern. Schmitts Nathan weiß: Weder seine Weisheit noch sein Reichtum können ihn schützen vor Herrschern oder den Pogromen eines wütenden Mobs, der ihn bespuckt - eine für Publikum und Schmitt sehr unangenehme Szene.

Saladin, großartig gespielt von Stefan Piskorz, mutiert nach Nathans Ringparabel über religiöse Toleranz vom unberechenbaren Killer in einem Burka-ähnlichen Gewand zum verständnisvollen Herrscher im Anzug.

Recha (Lisa-Marie Gerl), Nathans Adoptiv-Tochter, ist nicht das schüchterne Mädchen des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Gerl spielt sie als hyperventilierenden Teenager der Gegenwart, der Sex will und das in derben Worten auch sagt. Dummerweise spielt sie in einem Lessing-Stück und dem war der Eros sehr fremd - zu viel Gefühl. Sie bekommt ihren Retter und Tempelritter nicht, den Moritz Pliquet als stürmischen jungen Mann anlegt, der mit Jünger-Zitaten in den Krieg gegen die Muslime gezogen ist. Und Daja (Victoria Schmidt), Rechas Gesellschafterin, träumt einzig von Europa - und dafür riskiert sie alles, so wie hunderttausende Flüchtlinge.

  •  Weitere Aufführungen sind am 8., am 11. (mit Einführung und Nachgespräch), 13., 16., sowie am 19. September (mit Einführung und Nachgespräch).

von Uwe Badouin

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