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Zu fett für diese Welt

Theater Zu fett für diese Welt

In der ausverkauften Premiere von „Fettes Schwein“ wechselten sich befreites Lachen mit beklemmtem Schweigen ab. Das Ergebnis starken Schauspiels und eines Stücks, das sich in seiner Vielschichtigkeit sehen lassen kann.

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Marburg. 200 Zuschauer sahen am Samstagabend die Premiere im Theater im Schwanhof. Der Titel des Stückes deutet es schon an: Hier wird nicht um den heißen Brei herumgeredet. Helen ist eigentlich zu fett für Toms schönheitsbesessenes Umfeld. Er verliebt sich dennoch in sie und stößt damit auf Unverständnis bei seinen Kollegen und Freunden. Jeannie und Carter sparen nicht mit Beleidigungen und Gemeinheiten über Helens Erscheinungsbild.

Tom ist jung, erfolgreich, gutaussehend. Warum dann also nicht eine Frau, die diese Eigenschaften ebenfalls erfüllt? Weil er andere Eigenschaften mit Helen teilt, wie den Humor oder den Film- und Musikgeschmack. Und weil Helen so erfrischend direkt und interessant ist. Ganz anders als Toms bisherige Freundinnen. Solange sie sich in ihrer intimen Zweisamkeit verstecken können, passen die beiden sehr gut zusammen.

Doch sobald es in die Öffentlichkeit geht, schämt sich Tom für seine übergewichtige Freundin. Ein Gewissenskonflikt quält den Protagonisten. Auf der einen Seite kann er nicht für seine Liebe einstehen, auf der anderen verachtet er sich für diese Schwäche. Doch auch die anderen Charaktere sind keine eindimensionalen Pappfiguren.

Akteure zeigen viele Gesichter

Für den Regisseur Gerald Gluth-Goldmann ging es bei Neil LaButes Stück „Fettes Schwein“ primär um ein psychologisch-realistisches Spiel. Dies haben die vier Schauspieler glänzend umgesetzt. Die Rollen sind gut besetzt und wirken authentisch. Besonders Alexander Peiler zeigt in der Rolle des Tom viele Gesichter. Vom oberflächlichen Charmeur verwandelt er sich blitzschnell in ein aufgekratztes, gar wütendes Nervenbündel. Diese Facetten zeigen sich vor allem in den Büroszenen, in denen er von seinen Kollegen auf unterschiedlichste Weise in die Enge getrieben wird. Entspannung bietet der Figur nur die Zweisamkeit mit Helen. Diese wird mit all ihrer selbstironischen Schlagfertigkeit von Franziska Knetsch gut in Szene gesetzt. Mit unschlagbarem Humor nimmt sie ihrem Gegenüber den Wind aus den Segeln und spricht alle möglichen Vorurteile über ihr Gewicht selbst aus. Aber auch die sensible Verletzlichkeit der Figur scheint in den romantischen Szenen durch.

Im Gegensatz dazu hat Victoria Schmidt als Jeannie ganz andere Aufgaben zu bewältigen. Die Rolle der oberflächlichen und eifersüchtigen Ex-Geliebten steht ihr gut. Überzeugend spielt sie eine Figur, die unter dem Deckmantel der Arroganz Unsicherheit zeigt. Mit dieser hat Jeannie zu kämpfen, weil Tom es wagt, diese „fette Schlampe“ ihrem Traumkörper vorziehen.

Mit starkem Nähe- und Distanzspiel provoziert sie ihn permanent und fordert Erklärungen. Dabei kommt es nicht nur einmal vor, dass die beiden Nase an Nase stehen und sich anbrüllen. Gemeinsam mit Carter stellt ihre Rolle die gesellschaftliche Norm des Stückes dar. Auch dieser verachtet Helens Übergewicht, weil er es als Charakterschwäche verurteilt.

Bösewicht mit Tiefgang

Mit einer deftigen Portion Zynismus spielt Daniel Sempf den kaltblütigen Carter. Dieser wird von den anderen Figuren im Stück gerne als „Arschloch“ bezeichnet. Doch auch dieser Figur liegen Ängste und Schwächen zugrunde, die Sempf glaubwürdig darstellt. So formt er einen nachvollziehbaren Bösewicht mit Tiefgang.

Carter erzählt von seiner übergewichtigen Mutter, für die er sich als Teenager zu schämen gelernt hat. Als Gegenentwurf dazu achtet er nun extrem auf seinen Körper und erwartet das gleiche von seinem Umfeld.
Außerdem dient er als Sprachrohr für die Werte, die er mit Jeannie und Tom teilt. Er spricht aus, warum Helens Übergewicht für alle außer Helen so ein großes Problem darstellt: „Die Leute fühlen sich unwohl, wenn einer anders ist. Verstehst du? Schwuchteln, Idioten, Krüppel. Fette. Sogar die Alten. Das macht uns Angst oder so. Sie stehen für die Angst, dass wir auch so sein könnten. Dafür, wie verletzlich wir alle sind.“

Zur gelungenen Umsetzung des Stückes tragen Franziska Junges Animationen bei. Sie bilden den Hintergrund zum spartanischen Bühnenbild. Teil­weise als Video, teilweise als Standbild, unterstreichen sie auf groteske Weise das Geschehen. Zusammengenommen ergeben all diese Komponenten ein stimmiges, sehenswertes Theaterstück, in dem sehr viel Wahrheit steckt.

von Tabea Reinelt

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