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Zarte Momente in riesigen Klangbauten

Verdi-Requiem Zarte Momente in riesigen Klangbauten

750 Besucher waren am Sonntag in der Pfarrkirche tief berührt von Verdis „Requiem“. Am Ende feierten sie das Orchester, die Chöre und Solisten unter der Leitung von Nicolo Sokoli minutenlang mit Ovationen.

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Einhundert Sänger und Sängerinnen aus Marburg, Gießen und Wetzlar machten am Sonntag die Aufführung des Verdi-Requiems als Großprojekt in der Lutherischen Pfarrkirche zum Erlebnis.Foto: Helmut Rottmann

Marburg. Die hiesige Aufführung in Kooperation des Chors des Stadttheaters Gießen, des Gießener Konzertvereins und der Wetzlarer Singakademie sowie dem Marburger Oktett und dem Marburger Bachchor mit dem Philharmonischen Orchester Gießen war einfühlsam, musikantisch und leidenschaftlich. Eine glanzvolle Aufführung der 1875er Revision des Verdi-Requiems auf den Tag genau zum 200. Geburtstag des Komponisten, der selbst den Vortag bevorzugte.

Was für ein Chor! Knapp 70 Sänger und Sängerinnen aus Marburg vom hiesigen Oktett und Bachchor, gut 30 aus vom Gießener Konzertverein und der Wetzlarer Singakademie. Doch nicht die Zahl 100 war entscheidend, sondern die Ausgewogenheit der Stimmen: Wann hört man heute noch einen großen Chor mit gleich vielen Sängerinnen und Sängern in einem derart ausgeglichenen Klangbild?

Der Sopran sang mit Frische und Glanz; der Alt mit Wärme und Geschmeidigkeit; der Tenor mit Leichtigkeit und Klarheit in den Höhen sowie der Bass mit Lust und Wendigkeit in den Tiefen. Die Pianos waren zart und die Forti unangestrengt. Die große Chorgemeinschaft meisterte sicher Melodien, Halbtonschritte, Doppelchörigkeit, fugische Verläufe, Akkordrückungen und Tonartenwechsel sowie Wechsel in Tempi und Rhythmik, kombiniert mit der Kunst der Phrasierung.

Die Vokalisten sangen einfühlsam und klar verständlich den Eingangshymnus, um im folgenden „Tag des Zornes“ mit Vehemenz von der Welt in Asche zu künden oder im „Offertorio“ im Fortissimo in erschütternder Direktheit die Strafen der Hölle auszumalen, um am Ende demütig um Vergebung zu bitten. Die vier Vokalsolisten präsentierten sich fast durchweg von ihrer besten Seite. Souverän in Ton und Ausdruck sang Calin-Valentin Cozma mit makellosen Bass. Der Tenor Adrian Xhema überzeugte mit Glanz und Klarheit in der Stimme.

Manuela Custen präsentierte sich mit kraftvollem Mezzosopran, der in den Alt-Lagen weich und geschmeidig klang. Die Sopranistin Susanne Serfling vertrat eine erkrankte Kollegin. Ihre Stimme klang weich und klar, verlor aber phasenweise an Kontur und Farbe. Immer wieder ein Erlebnis waren ihre lyrischen Soli in Kombinationen bis zum Quartett sowie mit dem Chor.

Das Philharmonische Orchester Gießen in Opernbesetzung musizierte mit Herz und Gefühl, mit Leidenschaft, mit samtenem Klang, insbesondere der tiefen Streicher, mit strahlendem Glanz der Blechbläser und der Wucht des Schlagwerks. Die Pianos waren betörend schön; im Forte der Tutti türmten sich immer wieder riesige Klangbauten auf, die überwältigend waren.

Nicolo Sokoli war der souveräne Leiter dieser glanzvollen Aufführung von Verdis „Messa da Requiem“. Er dirigierte präzise, unaufdringlich-bestimmt, federnd, fließend. Er vermittelte über 90 Minuten lang Intensität, Elan und Esprit den Vokalisten und Instrumentalisten, die sie bereitwillig aufnahmen und den Zuhörern vermittelten. Diese erlebten immer wieder bewegende und fulminante Momente mit Gänsehautgefühl.

Für den begeisternden Beifall des Publikums bedankten sich die Akteure mit der Zugabe des „Sanctus“ in stimmlicher und geistiger Frische.

von Helmut Rottmann

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