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Wut und Trauer eines Verzweifelten

Buchner-Premiere: Ich schreibe im Fieber Wut und Trauer eines Verzweifelten

15 Kinder und Jugendliche sowie fünf Erwachsene spielen Büchner. Kann das gutgehen? Und wie: Im G-Werk ist im Büchner-Jahr eine bemerkenswerte Annäherung an den Dramatiker zu sehen.

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Viele jugendliche Darsteller stehen in dem Stück „Ich schreibe im Fieber“ auf der Bühne, das am Mittwoch im G-Werk seine Uraufführung hatte.Foto: german stage service

Marburg. Am 19. Oktober 1837 starb Georg Büchner im Züricher Exil. Er war gerade einmal 23 Jahre alt. Sehr jung also, kaum älter als viele der jungen Darstellerinnen und Darsteller auf der Bühne.

Doch wer war Büchner? War er der glühende Revolutionär, der im Alter von 20 Jahren im Hessischen Landboten „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ forderte? Die Kampfschrift machte ihn berühmt und trieb ihn in ein unsicheres Exil. Oder war er der geniale Dramatiker und Schriftsteller, als der er bis heute gilt? Eine viel zu früh verstorbene Lichtgestalt?

Der erfahrene Marburger Regisseur Rolf Michenfelder und seine junge Kollegin Anna Krauß von der freien Theatergruppe german stage service hätten sich für eines der drei Stücke Büchners entscheiden können, haben sie aber nicht. Sie haben gemeinsam mit den Darstellern von Theater GegenStand, playground_East und ACTeasy und Kindern und Jugendlichen von der Steinmühle, der Martin-Luther-Schule und der blista einen eigenen, sehr spannenden Zugang entwickelt: „Ich schreibe im Fieber“ ist damit im Grund eine Uraufführung. Und es ist eine doppelte Premiere, denn erstmals in der langen Geschichte der freien Marburger Theaterszene haben sich vier freie Gruppen für eine gemeinsame Produktion zusammengefunden. Das Hessische Landestheater, ursprünglich ebenfalls eingeplant, hat nach Auskunft Michenfelders eine Zusammenarbeit aus Zeitmangel abgesagt - Pech für die Profis. Denn herausgekommen ist bei der „Suche nach Büchner“ eine über weite Strecken faszinierende Annäherung an den bedeutenden Dramatiker auch mit Mitteln des von Bertolt Brecht entwickelten epischen Theaters. Vor allem die Chorszenen der überwiegend jugendlichen Darsteller sind einfach grandios - ungeheuer präzise sind auch die Wechsel: Wortfetzen, Erklärungen, Wiederholungen fliegen zwischen den Darstellern hin und her, die alle permanent auf der Bühne stehen. Die Jugendlichen wirken dabei unglaublich souverän und strahlen eine erstaunliche Präsenz aus.Über allem liegt die Klanglandschaft der „Ein-Mann-Band“ Nils Weishaupt.

„Ich schreibe im Fieber“ ist vor allem der Versuch, den Menschen Büchner zu greifen. Wie ein Puzzle setzt die Gruppe das Bild eines in erster Linie verzweifelten jungen Mannes zusammen und greift dafür auf seine Erzählung „Lenz“ und seine Stücke „Dantons Tod“ (1835), „Leonce und Lena“ (1836) und auf das Dramenfragment „Woyzeck“ aus seinem Todesjahr 1937 zurück. Hinzu kommen Briefe von Büchner an seine angebetete Minna und Briefe über Büchner. Auch der zeitgenössische Dichter Durs Grünbein fließt in das Stück ein.

Ergreifend dargestellt ist Todeskampf des Dramatikers. 20 Tage lang haben Freunde und am Ende auch Minna, die Frau, die er liebte, an seinem Totenbett ausgeharrt, fast minutiös notiert, was er aß und trank, bis er dem „Faulfieber“ erlag. Heute nennt man diese auszehrende und seinerzeit kaum zu behandelnde Krankheit Typhus.

Permanent wechseln die Darsteller die Rollen, sind Danton, Lenz, Woyzeck oder Marie. Und immer ist die Inszenierung auf der Suche nach Büchner. Weil das Stück nach intensiven Recherchen im Probenprozess endgültig entwickelt wurde, tauchen dort auch zentrale Fragen auf, die insbesondere die jugendlichen Darsteller beschäftigten. Wer war Büchner, wo ist er zu finden? Die Gruppe hat ihn entdeckt - in dem Revolutionär Danton, der den mörderischen Tyrannen Robespierre verachtet, und sie findet ihn in dem gedemütigten Soldaten Woyzeck, der am Ende im Wahn seine geliebte Marie ermordet.

Die Kampfschrift „Der Hessische Landbote“ taucht in dem Stück nicht auf. Michenfelder verzichtet bewusst auf den kämpferischen Büchner, dennoch kommt der Analytiker der gesellschaftlichen Verhältnisse in seinen Briefen zu Wort, benso der Wissenschaftler. Es sind die Wut, vor allem aber der Verlust und die Trauer eines Verzweifelten, die diese sehr sehenswerte Inszenierung prägen.

Weitere Aufführungen sind Freitag und Samstag, 24. und 25. Mai, um 20 Uhr, am Sonntag, 26. Mai, um 18 Uhr, sowie von Mittwoch bis Samstag, 29. Mai bis 1. Juni jeweils um 20 Uhr und am Sonntag, 2. Juni um 18 Uhr. Kartenreservierung: 06421/62582 oder kontakt@germanstageservice.de

von Uwe Badouin

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