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Wunderland wird zur Psychiatrie

„Alice im Anderland“ in der Waggonhalle Wunderland wird zur Psychiatrie

Schon die Urversion von „Alice im Wunderland“ aus dem Jahr 1865 wirkte auf Zeitgenossen ziemlich absurd. Was aber, wenn die Erlebnisse von Alice tatsächlich nur Wahnvorstellungen wären?

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Skurril: Die Gruppe „Ob das was wird“ präsentierte „Alice im Anderland“.

Quelle: Marcus Hergenhan

Marburg. Und zwar die Wahnvorstellungen einer Patientin, die sich offensichtlich in einer geschlossenen Einrichtung befindet. Auf dieser Grundlage basiert das Theaterstück „Alice im Anderland“ von Stefan Altherr, das die Theatertruppe „Ob das was wird“ in der Waggonhalle aufgeführt hat. Rund hundert Besucherinnen und Besucher sahen dabei zu, wie Alice, beziehungsweise „Patientin 263“, dem Alltag in der Nervenheilanstalt Ramstein-Miesenbach begegnete.

Alice ist schwer traumatisiert, nachdem sie, scheinbar durch Unachtsamkeit, das eigene Heim samt Eltern angezündet hat und anschließend eingeliefert wurde. Die Patientin verweigert den Kontakt zur Außenwelt, zumindest solange die Therapeuten Dr. Vick und Dr. Pille anwesend sind.

Nachts aber begibt sich Alice, stets unterstützt durch ihre imaginäre Freundin, die bezaubernd kratzbürstige Grinsekatze, auf Rundgänge durch die Einrichtung. Dabei trifft sie die bekannten Figuren der Originalvorlage – sie sind hier schwer geschädigte Patienten.

Düsteres Szenario mit Stofftier

Der im Roman so muntere weiße Hase ist eine Patientin mit massiver Angststörung, die geradezu panisch vor der Herzkönigin warnt und sich permanent vor allem zu fürchten scheint.

Der schon im Buch „verrückte“ Hutmacher kämpft mit einer posttraumatischen Belastungsstörung und gibt vor, dass sein Trauma von seinen Einsätzen im Krieg herrühre. Insgesamt präsentierte die Truppe also ein recht düsteres Szenario, bei dem die Zuschauer etwas bang auf Alice blickten, die allein mit ihrem Stofftier und der eingebildeten Katzenfreundin, durch den modernen Alptraum wandelte.

Natürlich blieb auch Kritik am Umgang mit Patienten in geschlossenen Anstalten und dem Gesundheitssystem allgemein nicht aus, so stellte Dr. Pille ganz unbekümmert „Labern gegen Pille“ und „Patient gegen Gesellschaft,“ bevor er resigniert anmerkte: „Es ist ja leider auch heute noch so, dass wir bei multiplen Persönlichkeiten nicht einfach mehrfach abrechnen können.“

von Marcus Hergenhan

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