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Wuchtige Bilder für große Geschichte

Oper Kommilitonen! in Gießen Wuchtige Bilder für große Geschichte

Einen grandiosen Erfolg erzielte die deutsche Erstaufführung der Oper „Kommilitonen!“ des Briten Peter Maxwell Davies am Stadttheater Gießen.

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Wuchtige Massenszenen wie hier der Blick auf die chinesische Kulturrevolution prägen die „Kommilitonen“-Inszenierung der Gießener Intendantin Cathérine Miville.Foto: Rolf K. Wegst

Quelle: rolf k. wegst

Gießen. In der glänzenden Inszenierung der Intendantin Cathérine Miville und unter der herausragenden musikalischen Leitung von GMD Michael Hofstetter und seinem Stellvertreter Herbert Gietzen erlebten die Premierenbesucher im voll besetzten Haus ein Theaterereignis erster Güte. Es war ein großes Ereignis für das Stadttheater: hr 2 Kultur übertrug das Spektakel live, Deutschlandradio Kultur sendet es heute Abend. Am Ende wollte der Beifall nicht aufhören.

Bedeutungsvoll beginnt die Oper: Durch eine transparente Leinwand sieht man riesige Fotos von Demonstrationen der Occupy-Bewegung an der Wall Street, eine Fassade ragt dahinter schräg in den Raum. Beides deutet das inhaltliche Format des Stücks an: Es geht um Macht, Unterdrückung und vor allem um Widerstand der jungen Leute. Die Oper verknüpft drei Handlungsstränge: „The Oxford Revolution“ über den schwarzen Amerikaner James Meredith und seinen Kampf, an der Universität von Mississippi zugelassen zu werden; „Die weiße Rose“ über die Studenten Hans und Sophie Scholl an der Uni München und „Das Lied des Himmels“ verfolgt das tragische Schicksal eines Studenten und seiner Familie während der chinesischen Kulturrevolution.

Die Produktion hat eine ungewöhnliche optische Qualität. Der Betrachter kann sich an zahllosen Details kaum sattsehen. Oder er gibt sich der Musik hin: Adrian Gans (Meredith) liefert ein Beispiel für Klarheit, klangvolle Intonation und Sprachverständlichkeit, seine charaktervolle Stimme prägt die Figur sofort nachhaltig. Maria Chulkova (Sophie Scholl) glänzt mit traumhafter Reinheit und feinster Nuancierung. Versiert agiert auch Sofia Pavone (Wu, Sohn von Wu Tianshi), Studierende der Frankfurter Hochschule für Musik und darstellende Kunst. Sie und ihre Mitstudierenden stellen fast alle Figuren für „Lied des Himmels“. Das Ensemble insgesamt leistet sich keine Schwächen.

Aber den größten Eindruck hinterlässt das Philharmonische Orchester. Michael Hofstetter hat den Klangkörper entfesselt, der mit großem Temperament musiziert. So bemerkt man, dass die ungewohnte, zuweilen leicht sperrige, aber nie langweilige Musik eine besondere Verzahnung mit der Handlung und den Bildern aufweist, was dem Stück eine besondere Faszination verleiht.

Essenziell für Wirkung und Atmosphäre ist Lukas Nolls Bühnenbild - ein universeller Platz mit der gewaltigen ins Bild ragenden Fassade, der mit sparsamen, doch markanten Mitteln zuweilen in kleine Szenen reduziert wird. Vor allem sorgen die aufprojizierten Bilder und Lichteffekte für permanente Abwechslung und inhaltliche Vertiefung. Auffallend wirken auch die Kostüme von Bernhard Niechotz, die einen deutlichen zeitgemäßen Bezug aufweisen.

Ein wesentliches Element bilden Chor sowie Kinder- und Jugendchor. Sie wurden von Jan Hoffmann und Martin Gärtner zu bester musikalischer Präsenz und hoher Sprachverständlichkeit geführt und füllen auch ihre Rollen als Demonstranten oder Handlanger tadellos aus (Choreografie Anthony Taylor). Aufgegangen ist auch die Idee, einige Chormitglieder solistisch herauszustellen.

Cathérine Mivilles Inszenierung setzt zum einen auf vorzüglich gestaltete Bilder und schafft zugleich zahlreiche einprägsame Momente, in denen Sängerinnen und Sänger darstellerisch zur Wirkung kommen.

Ihr gelingen bemerkenswerte Massenszenen etwa mit den Roten Garden, die in ihrer Wucht etwas Bedrückendes besitzen, die aber klar ausbalanciert bleiben. Diese Stimmigkeit speist sich auch aus der kompositorischen Verbindung der Musik mit der Geschichte, die in der Inszenierung gelungen umgesetzt wurde. Ein herausragender Opernabend.

Weitere Aufführungen sind am heutigen Samstag, am 20. und 25. Mai, sowie am 2. und 19. Juni jeweils um 19.30 Uhr. Karten unter www.stadttheater-giessen.de

von Heiner Schultz

Hintergrund

Der Komponist Sir Peter Maxwell Davies, 1934 geboren, zählte in den 1960er bis 1980er Jahre zur musikalischen Avantgarde. Inzwischen ist er einer der bedeutendsten Komponisten seines Landes. Die Oper „Kommilitonen“ wurde 2010 an der Royal Academy uraufgeführt.

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