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"Woyzeck" als klassische Tragödie

Theaterverein Wetter "Woyzeck" als klassische Tragödie

Der Theaterverein Wetter ist die ambitionierteste Amateurtheatergruppe im Landkreis. Jetzt hat sich das Team an Büchners "Woyzeck" gewagt. Am Wochenende wird noch dreimal gespielt.

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Der Tambourmajor (Uwe Fischbach) schmeißt sich bei einem Fest an Marie (Cathrin Seibert) heran.

Quelle: Uwe Badouin

Wetter. Woyzeck ist ein Füselier. Kanonenfutter in Kriegszeiten, von Vorgesetzten drangsalierter unterster Dienstgrad in Friedenszeiten. Kurzum: Woyzeck ist ein armes Schwein.

All dies wird in Georg Büchners nur in Fragmenten überliefertem Drama „Woyzeck“ nicht erklärt. Der Dichter, der 1837 im Alter von nur 23 Jahren starb, hat dieses Wissen bei seinen Zeitgenossen vorausgesetzt.

Dieser Woyzeck (André Mettken) hat einmal im Leben Glück. Er verliebt sich in die schöne Marie (Cathrin Seibert). Die wird schwanger, für eine Ehe reicht es aber hinten und vorne nicht. In der Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts ist sie damit eine Ausgestoßene. Das alles ist bereits passiert, als das eigentliche Drama beginnt. Der Keim für die Tragödie ist gelegt.

24 kleine Szenen sind von dem 1913 uraufgeführten Dramenfragment überliefert. Nicht einmal die Reihenfolge, in der sie gespielt werden, ist wirklich geklärt. Und dennoch ist dieser „Woyzeck“ eines der am meisten aufgeführten Stücke auf deutschen Theaterbühnen.

Das liegt nicht zuletzt an der Wucht dieser Tragödie: Der Revolutionär Büchner, der auch die Streitschrift „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ verfasst hatte, hat erstmals zwei Menschen aus den untersten gesellschaftlichen Schichten ins Zentrum eines Theaterstücks gerückt und ihnen in einer derben, deftigen Sprache kluge Sätze in den Mund gelegt.

Woyzeck jedenfalls hat sich nicht aus dem Staub gemacht, hat nicht Marie und ihr Kind dem Schicksal überlassen. Er schuftet beim selbstgefälligen Hauptmann (Rüdiger Clasani), unterwirft sich dubiosen Versuchen eines eitlen Arztes (Daniela Fruth), wird von allen missbraucht und erniedrigt, nur um jeden Pfennig bei Marie abzugeben. Zunehmend wird er von Wahnvorstellungen geplagt, sieht merkwürdige „Gesichte“. Mettken spielt dies nachvollziehbar, intensiv. Die Veränderungen treten mit jeder Szene deutlicher zutage. Und Marie, diese junge Frau, träumt unterdessen von etwas Glück. Das sieht sie im feschen Tambourmajor (Uwe Fischbach), einem klassischen Macho.

Als Woyzeck entdeckt, dass Marie ihn betrügt, bringt er sie um. Das ist im Wesentlichen schon die Geschichte dieser Tragödie, bei der die Elenden verlieren und die Oberen unberührt bleiben.

Büchners „Woyzeck“ ist schon das 44. Stück, das der Theaterverein Wetter seit 1987 auf die Bühne gebracht hat, darunter immer wieder anspruchsvolle Klassiker. Erstmals hat der Theaterverein mit Matze Schmidt als Regisseur zusammengearbeitet. Der künstlerische Leiter der Waggonhalle und seine Assistentin Annette Hauptführer haben „Woyzeck“ mit viel Tempo und großem Personal auf die Bühne der Stadthalle Wetter gebracht: 28 Darsteller wirken mit, viele davon in kleinen Rollen.

In kurzen, schnell aufeinander folgenden Szenen erzählt Schmidt die Geschichte von Woyzeck und Marie, die wie ein Uhrwerk in der Tragödie mündet. Das Bühnenbild ist abstrakt gehalten, wenige Requisiten machen die Ortswechsel deutlich. Die Kostüme sind überwiegend heutig: Anzüge, Kleider aus dem heimischen Schrank. Das Laienensemble spielt durch die Bank konzentriert und klar. Man kann nur hoffen, dass die Zuschauer die intensive Arbeit honorieren. Am ersten Wochenende sahen 230 Besucher die zwei Aufführungen - eine dritte am Sonntag musste wegen der Erkrankung des Hauptdarstellers abgesagt werden

  •  Das Stück ist am Freitag und Samstag um 20 Uhr und am Sonntag um 19 Uhr letztmals in der Stadthalle Wetter zu sehen.

von Uwe Badouin

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