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Wortgewaltige lyrische Malereien

Durs Grünbein im Café Vetter Wortgewaltige lyrische Malereien

Fast hätte die Lesung nicht stattgefunden. Der viele Schnee auf den Straßen hatte einige zu Hause bleiben lassen. Gleichwohl wollten sich viele den Georg-Büchner-Preisträger Durs Grünbein nicht entgehen lassen.

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Durs Grünbein vor dem geschmückten Weihnachtsbaum auf der kleinen Bühne im Café Vetter.Foto: Mareike Bader

Marburg. Ludwig Legge, Vorsitzender der Neuen Literarischen Gesellschaft, war etwas enttäuscht. Eigentlich hätte das Café Vetter an diesem Tag richtig voll sein müssen. Mit so einem Wetter hatte man nicht gerechnet.

Auf der engen Bühne nahm Durs Grünbein Platz und entführte sein Publikum in die Landschaften seiner Gedichte. Sein neuer Gedichtband „Koloss im Nebel“ ist laut Grünbein wie eine Gemäldeausstellung aufgeteilt. Gedichte sind für ihn wie Malerei und wenn man seine Werke hört glaubt man ihm sofort.

Von Zeit zu Zeit versuche er sogar wie einige Maler ein Selbstbildnis von sich zu entwerfen, sagt Grünbein, der 1992 als junger, noch weitgehend unbekannter Lyriker den Marburger Literaturpreis erhielt und danach reihenweise Preise einsammelte. Wie ein Maler beschreibt er sich etwa in dem Gedicht „Selbstbildnis vor violettem Hintergrund“: „Wo willst du hin, unrasiertes Kinn“, lautet eine Zeile. Durch kleine, detaillierte Beschreibungen kann man sich seine Gedichte lebhaft vorstellen.

Statt etwas zu seiner Poesie zu sagen, las Durs Grünbein lieber die Geschichte „Der Rätselmeister“ über seinen Großvater vor. Das Publikum hing gebannt an seinen Lippen. Bei der Erzählung über die Sommerbesuche beim Großvater, der für verschiedene Zeitungen Kreuzworträtsel erfand, lernte man einiges über Grünbein und seinen feinen Sinn für Worte kennen. Die Worte im Rätsel kamen ihm damals wie Tiere im Zoo vor, die hinter Gittern ohne Kontext steckten. So lernte er auch früh schwierigere und weniger gebräuchliche Wörter kennen. Sein Großvater habe ihn in ein unsichtbares Memory-Spiel verwandelt.

In der Diskussionsrunde danach wurden zwei Gedichte besonders betrachtet: „Die Reise nach Jerusalem“ fiel mit seinen kühnen Reimen auf. Reime seien manchmal wie naive Malerei, so Grünbein, der in diesem Gedicht versuchte eine Art „Chagall-Stimmung“ zu erzeugen. Beim Gedicht „Exaltationen im Schlaf“ wollte der Dichter einmal den Fokus eher auf den Schlaf legen, der wie eine große Auszeit in jedem Leben ist. Denn obwohl jeder Mensch ein Drittel oder gar die Hälfte seines Lebens mit Schlafen verbringt, werde die Wachwelt viel dominanter dargestellt.

Entschieden wehrte sich Durs Grünbein gegen die Behauptung, die Lyrik stecke in einer Krise. In Wirklichkeit sei die Leserschaft viel größer als man denke. Außerdem gefallen ihm Dinge, die nicht die ganz große Öffentlichkeit anziehen besonders gut.

Dass Poesie nach wie vor seine Anhänger hat, bewies das Publikum im Café Vetter. Und wer weiß wie viele Menschen bei besserem Wetter zu einem Dichter seines Formates beim nächstes Mal kommen werden.

von Mareike Bader

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