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Wo und wie Politik gemacht wird

Ken Follt: Kinder der Freiheit Wo und wie Politik gemacht wird

Jetzt ist der Brite am Ende seiner Trilogie angekommen: In „Kinder der Freiheit“ erzählt er auf 1200 Seiten die Zeit zwischen dem Bau und dem Fall der Berliner Mauer.

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Der Bestseller-Autor Ken Follett steht mit seinem neuen Buch auf den Stufen des Lincoln Memorials in Washington. Foto: Melzer

Quelle: Chris Melzer

Marburg. Da kommt etwas auf einen zu: Auf den ersten Seiten seines neuen Romans, „Kinder der Freiheit“, listet Ken Follett die Figuren des Buches auf.

102 sind es - und das sind nur die, wie er es nennt, Hauptpersonen. Bei dieser Zahl ahnt der Leser: Das ist eine gewaltige, ausufernde Geschichte, die der britische Bestsellerautor in seinem heute erscheinenden Roman erzählt.

Die Handlung setzt ein mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 und endet mit deren Öffnung 1989; dazwischen packt der Autor alle wichtigen politischen Ereignisse jener Jahrzehnte - von Martin Luther Kings Kampf gegen die Rassentrennung, über den Vietnamkrieg, den Prager Frühling bis zur Watergate-Affäre.

Trilogie über das20. Jahrhundert

„Kinder der Freiheit“ schließt Folletts Trilogie über das 20. Jahrhundert ab. Erster Band der Saga ist der 2010 veröffentlichte Roman „Sturz der Titanen“, der im Ersten Weltkrieg spielt. Vor zwei Jahren kam der Roman „Winter der Welt“, heraus, der die Jahre 1933 bis 1949 umfasst. In diesen Büchern schildert der Autor die Erlebnisse von Familien aus den USA, England, Deutschland und Russland, deren Geschicke miteinander verknüpft sind. Die Schicksale der Familien wiederum sind eng mit welthistorischen Ereignissen verbunden.

Dieses Muster spinnt er jetzt weiter. „Kinder der Freiheit“ setzt ein an einem Tag im August 1961, als Rebecca Hoffmann in Ostberlin zur Staatssicherheit einbestellt wird. Durch Zufall erfährt sie dort, dass ihr Ehemann hochrangiger Stasi-Mitarbeiter ist - und sie nur geheiratet hat, um ihre regimekritische Familie auszuspionieren.

Kurz ist die Frau verzweifelt, dann verliebt sie sich in einen anderen Mann und flieht mit ihm, bald nachdem die Mauer gebaut ist, über die Bernauer Straße nach West-Berlin.

Seit seinen Romanen wie „Die Nadel“ und vor allem „Die Säulen der Erde“ gilt Follett als Experte dafür, süffige Geschichten rund um tatsächliche geschichtliche Ereignisse zu fabulieren.

So funktioniert auch sein jüngstes Buch: Viele seiner Figuren sitzen an Stellen, an denen Politik gemacht wird - der junge farbige Amerikaner George bekommt Anfang der sechziger Jahre einen Job bei US-Justizminister Robert „Bobby“ Kennedy, der Russe Dimka arbeitet im Beraterstab von Generalsekretär Nikita Chruschtschow, und Rebecca Hoffmann wird später in der bundesrepublikanischen Politik mitspielen.

Obsessive und oft langatmige Erklärungswut

Es ist bewundernswert, wie Follett dem Leser in unterhaltsamer Form den Kalten Krieg und dessen Auswirkungen nahebringt. Geradezu erstaunlich ist, wie er seine Figuren - die zum Teil bereits in den vorigen Bänden auftauchten - zu handhaben weiß. Souverän schildert er die Entwicklungen und die zahlreichen amourösen Verstrickungen der Charaktere - nicht die von allen 102, aber doch von annähernd der Hälfte.

Doch je länger man diesen Roman liest - und an den 1200 Seiten liest man eine ganze Weile -, desto mehr stört man sich daran, dass die Figuren nicht einfach mal etwas ganz Normales erleben können.

Die junge Juristin Maria hat in Washington eine Affäre mit einem verheirateten Mann - das ist niemand anderes als Präsident John F. Kennedy. Die russische Journalistin Tanja interviewt einen aufstrebenden Politiker in der UdSSR - das ist ausgerechnet Michail Gorbatschow...

Folletts Bemühen, seinem Leser das 20. Jahrhundert zu erzählen, geht einher mit einer obsessiven und oft langatmigen Erklärungswut.

Die zentralen Reden der Kennedy-Brüder und Martin Luther Kings („Ich habe einen Traum“) tauchen fast vollständig im Roman auf; die russische Innen- und Außenpolitik wird geradezu detailversessen erklärt.

Manchmal setzt der britische Autor allerdings zu Erläuterungen an, die bestenfalls als grotesk zu bezeichnen sind. Da liest man etwa: „Viele Männer, die in der Sowjetunion Verantwortung trugen, waren sorglos, faul, Alkoholiker oder einfach nur dumm. Sie verstanden ihre Befehle nicht oder vergaßen sie...“

Das klingt - wenn es denn stimmt - tatsächlich desolat. Fast kann man da verstehen, dass Journalistin Tanja heimlich gegen den Sowjetstaat arbeitet. Sie hasse die Diktatur, sagt die Frau, deren sympathischer Zwillingsbruder für Chruschtschow tätig ist, „wir müssen etwas unternehmen, um die Hoffnung am Leben zu erhalten.“ Scheu vor Pathos hat der 65-jährige Follett wahrlich nicht.

Dass man „Kinder der Freiheit“ trotz vieler Mängel doch zu Ende liest, liegt an den Liebesgeschichten. Es braucht ungefähr 1200 Seiten, bis sich die Paare, die füreinander bestimmt sind, endlich finden. Manchmal dauert es eben.

Dann allerdings ergeht es den meisten so wie der Russin Tanja und einem kubanischen Geliebten: „Beide gaben sich ganz der Lust hin, als gäbe es kein Morgen mehr.“

Ken Follett: „Kinder der Freiheit“, mit Illustrationen von Tina Dreher, Lübbe Verlag, 1209 Seiten, 29,99 Euro.

von Martina Sulner

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