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Wo Lebenszeit zu Aktenstaub wird

Neuerscheinung: Das Büro Wo Lebenszeit zu Aktenstaub wird

Der Autor ist seit fast fünf Jahren tot, sein Fortsetzungsepos „Das Büro“ bei unseren Nachbarn jedoch schon seit den neunziger Jahren ein Renner wie anderswo Harry Potter. Dabei geht es „nur“ um den Alltag in einem Büro.

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Marburg. Maarten Koning will kein Lehrer sein. In die Wissenschaft will er eigentlich auch nicht. Wegen der Wissenschaftler, „die ihren Status daraus ableiten“, „die glauben, es sei von Bedeutung, was sie da tun“. Wäre da nicht die lästige Sache mit dem Geld, ohne das man auf Dauer nicht auskommt, bliebe Maarten auch gern den ganzen Tag zu Hause.

So aber verschlägt es ihn zu seinem früheren Universitätsprofessor, dem rätselhaften Direktor Beerta, der ihm eine Stelle als sein Assistent anbietet - im Büro des sprachwissenschaftlichen Instituts für Volkskultur, wo man sich mit allerlei mehr oder weniger unsinnigen Forschungen die Zeit vertreibt. Ein Leben im Elfenbeinturm des Wissenschaftsbetriebs beginnt, die doch sehr entschleunigte Tätigkeit hält wenig fordernde aufgaben bereit, wie zum Beispiel Karteikarten mit Informationen über die Verbreitung des Wichtelmännchenglaubens zu füllen.

Wer Slapstick und derben Humor im Stile der Fernsehserie „Stromberg“ oder der Vorabendserie „Büro, Büro“ erwartet, wird enttäuscht. Johannes Jacobus Voskuil erzählt ruhig, die feine Situationskomik geht dabei trotz der scheinbaren Beiläufigkeit, mit der er den verstaubten Alltag in diesem gemächlich vor sich hin tickenden Kosmos schildert, nicht verloren. Eigentlich aber geht es doch um die Lebensbeichte des wissenschaftlichen Angestellten Maarten Koning, frei nach dem Motto: „Zeige mir dein Büro, ich sage dir, wer du bist.“

Mit dem Band „Direktor Beerta“ liegt nun - reichlich spät - der erste Teil des Fortsetzungsromans auch auf deutsch vor, behutsam übersetzt von Gerd Busse. Insgesamt brachte Voskuil mehr als 5000 Seiten über „das Büro“ zu Papier. Die Holländer rissen sie ihm in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre förmlich aus den Händen. Gut 450000 Bücher gingen dort über den Ladentisch, Fanclubs spürten den Figuren des Autors nach, für die es natürlich auch Vorbilder gibt.

Voskuil war selbst mehr als 30 Jahre an einem volkskundlichen Institut in Amsterdam tätig, in der gleichen Funktion wie seine Hauptperson. Im Ruhestand begann er dann mit seinem Lebenswerk. Wie er wird am Ende auch Maarten Koning 30 Jahre im Büro erduldet haben. Dieser Lebensreise zu folgen, ist leicht, „das Büro“ ist sehr angenehm zu lesen. Bisweilen klingt es aber auch so vertraut, dass man stattdessen gut in sein eigenes Büro gehen und dort eigenen Abenteuern à la Maarten Koning nachspüren könnte - man wird sie dort alle wiederfinden, die Charaktere aus dem Büro.

J.J. Voskuil: „Das Büro - Direktor Beerta“, C.H. Beck Verlag, 845 Seiten, 25 Euro.

von Michael Agricola

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